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Ärzte und Pfleger sind wegen Corona an der Belastungsgrenze. Auch im Wittlicher Krankenhaus ist die Lage angespannt. Man sei am Limit, sagen die Mitarbeiter.

Die Lage in der Corona-Pandemie ist oft unübersichtlich, weil sie sich sehr schnell ändern kann. So galten die Intensivstationen gerade im westlichen Rheinland-Pfalz zwar als belegt, aber nach SWR-Recherchen lange nicht als überlastet. Ein Chefarzt und seine Kollegen des Krankenhauses in Wittlich beurteilen für ihr Haus die Lage jedoch als kritisch. Viel mehr dürfe jetzt nicht kommen, sagt Prof. Dr. Christian Bruch, Chefarzt für Innere Medizin am Wittlicher Krankenhaus.

Auch viele Jüngere wegen Corona im Krankenhaus

SWR Aktuell: Herr Prof. Dr. Christian Bruch, wie ist derzeit die Corona-Lage im Wittlicher Krankenhaus?

Dr. Christian Bruch: "Wir behandeln aktuell 17 Patienten wegen einer Covid-Infektion, zwölf auf der Corona-Isolierstation und fünf auf der Intensivstation. Das heißt, die Patienten dort sind so schwer krank, dass sie auf der Intensivstation versorgt werden müssen. Einige von ihnen werden auch beatmet, die anderen bekommen eine Atemunterstützung, also nicht-invasiv. Im Unterschied zur ersten Welle sehen wir wirklich auch eine Reihe von jüngeren Leuten. Und das fängt an bei ein paar 30-Jährigen, aber auch 40- und 50-jährige Patienten haben wir. Ein Teil dieser Menschen hat eben auch keine wesentlichen Vorerkrankungen."

SWR Aktuell: Können Sie aus medizinischer Sicht den Ruf nach Lockerungen vertreten?

Dr. Christian Bruch: "Aus Sicht des Krankenhauses sind Lockerungen im Moment überhaupt nicht angesagt, weil jetzt in dieser dritten Welle die Zahl der Patienten, die wir hier versorgen müssen, noch einmal zugenommen hat. Und auch die Zahl der Patienten, die auf Intensivstationen versorgt werden müssen, bei denen die Pflege besonders aufwändig ist. Sie beanspruchen viel Einsatz, viel Kraft, viel Zeit und natürlich auch viel Platz. Und der Platz, der steht dann möglicherweise anderen Patienten nicht zur Verfügung, die auch versorgt werden müssen mit Herzinfarkt, Schlaganfall, Lungenembolie. Mit diesen kritischen, bedrohlichen Erkrankungen, die man eben auch sonst so hat.

Und Unfälle, schwere Verkehrsunfälle müssen versorgt werden. Und aus unserer Sicht, wenn wir jetzt noch mehr kritisch kranke Corona-Patienten versorgen müssen, dann kämen wir schon an die Grenze. Wir sind eigentlich schon an der Grenze, insbesondere was auch ärztliche und pflegerische Kapazität anbelangt."

SWR Aktuell: Kommen denn Patienten mit anderen Krankheiten weniger ins Krankenhaus?

Dr. Christian Bruch: "Wir haben sowohl in der ersten Welle wie auch jetzt schon gesehen, dass viele Patienten Scheu haben, ins Krankenhaus zu gehen, auch wirklich schwer kranke Patienten. Vor kurzem hatte ich einen jungen Mann. Der war acht Wochen zuhause mit Fieber. Man hat drei vier, fünf Corona-Tests gemacht, die negativ waren. Was hat er gehabt? Herzklappenentzündung! Er kam dann in keinem guten Zustand hier an. Und das ist eben das, wovor wir Angst haben.

Trotz vieler Corona-Patienten: "Wir haben ein Versorgungsauftrag"

Wir möchten die anderen Patienten, die ins Krankenhaus gehören und es sind weiß Gott genug, die möchten wir auch adäquat versorgen. Da haben wir einen Versorgungsauftrag, den wir wahrnehmen wollen. Ja, und gleichzeitig sind die Corona-Patienten eben auch schwer krank. Sie haben lange Verläufe. Die Patienten liegen, wenn sie beatmet werden müssen, lange auf der Intensivstation. Die haben auch eine lange Entwöhnungsphase von dem Beatmungsgerät, und das ist natürlich dann auch extrem aufwändig in der Versorgung."

SWR Aktuell: Inwiefern ist diese dritte Welle noch anders?

Dr. Christian Bruch: "Die Patienten müssen isoliert aufgenommen werden, bis geklärt ist, mit welcher Virus-Mutation sie sich infiziert haben. Das kann bis zu fünf Tage dauern. Wir sehen, dass sich ganze Familien anstecken. Das hatten wir bei der ersten Welle nicht. Vor kurzem haben wir eine Familie aufgenommen, der Vater war 35, die Mutter 30 und die beiden kleinen Kinder zwei und vier Jahre alt. Die waren alle Corona positiv und hatten alle Fieber. Der Familienvater selber hatte dann auch einen wirklich schweren Krankheitsverlauf. Dass es wirklich so generationenübergreifend ist, das haben wir bei der ersten Welle so nicht beobachtet. Das spricht einfach noch einmal mehr dafür, dass man sich an die Abstands- und Hygieneregeln hält, auch innerhalb der Familie. So schwer das sein mag, solange man nicht geimpft ist."

Prof. Dr. Christian Bruch versorgt als Chefarzt am Krankenhaus in Wittlich auch Covid-Patienten. Er appelliert an alle, sich an die Corona-Regeln zu halten. (Foto: SWR)
Prof. Dr. Christian Bruch versorgt als Chefarzt am Krankenhaus in Wittlich auch Covid-Patienten. Er appelliert an alle, sich an die Corona-Regeln zu halten. Bild in Detailansicht öffnen
Oberärztin Dr. med Stefanie Schneiders-Bahr vom Krankenhaus in Wittlich: "Die Virus-Mutationen haben stark zugenommen. Die Typisierung dauert bis zu 48 Stunden. Solange muss der Patient alleine liegen." Bild in Detailansicht öffnen
Andreas Neitsch, Pflegeleitung der Intensivstation im Krankenhaus in Wittlich: "Es ist eine permanente Belastung der Pflegerinnen und Pfleger seit mehr als einem Jahr. In der ersten Welle waren sie noch motiviert. Aber langsam taucht die Müdigkeit auf. Es ist schwieriger und anstrengender geworden. Wir kommen an unsere Grenzen". Bild in Detailansicht öffnen
Ein Team aus Ärzten und Pflegern im Krankenhaus in Wittlich warnt: Die Corona-Patienten werden jünger, die Mutationen machen zu schaffen. Insgesamt hoffen sie, dass auch dank der Impfung bald weniger Covid-Kranke ins Krankenhaus müssen. Bild in Detailansicht öffnen
Das Krankenhaus in Wittlich hat seit Ausbruch der Corona-Pandemie ununterbrochen Covid-Patienten versorgt. Bild in Detailansicht öffnen

SWR Aktuell: Wie ist Ihre Prognose für die nächsten Wochen?

Dr. Christian Bruch: "In den letzten zwei bis vier Wochen haben wir hier im Haus steigende Fallzahlen gesehen. Ich will hoffen, dass sich dieser Trend bald umkehrt. Ich weiß nicht genau, ob die Gesetzgebung auf Bundesebene, ob die jetzt den Durchbruch bringt oder mehr die Impfung. Ich denke: Je mehr Leute sich impfen lassen, umso besser.

"Viele Patienten machen sich wegen der Impfung Sorgen"

Ich habe jeden Tag fünf bis zehn Telefonate, die ich führen muss, weil sich Patienten Sorgen machen wegen der Impfung. Sie fragen mich: Was halten Sie vom Astra-Impfstoff? Geht das denn überhaupt? Oder begebe ich mich da in Gefahr? Ich glaube, das ist nicht so richtig gut kommuniziert worden.

Es ist einfach so, dass der Schutz, den man durch die Impfung hat, dass der die Risiken in sehr, sehr vielen Fällen bei weitem aufwiegt. Ich hoffe, dass die Kombination von Maßnahmen mit der Impfung dazu führt, dass endlich einmal alles in ruhigeres Fahrwasser gerät. Das können wir alle gebrauchen. Ich kann nur allen die Daumen drücken und wünschen, dass die Fallzahlen zurückgehen, auch hier im Krankenhaus. Es sind doch alle ziemlich angezählt."

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