Nach dem Tod von Masha Amini protestieren im Iran tausende Menschen gegen das Regime.  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / Reportdienste / Paul Zink)

Hoffnung auf Freiheit

Exil-Iraner aus Trier über Proteste: "Wir sind alle Mahsa Amini“

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ANGELINA MARX

Nima Haghighi ist aus dem Iran geflohen. Er berichtet über Social Media von den Protesten im Iran. Die hatten sich am Tod einer jungen Frau entzündet, die wegen eines Sittenverstoßes verhaftet wurde und starb.

Nima ist wütend auf die Machthaber im Iran. Er hat kein Verständnis für die strengen Gesetze und die brutale Polizeigewalt. Seit gut sieben Jahren lebt Nima schon in Trier.

Nima Haghighi ist aus dem Iran geflohen. Seit einigen Jahren lebt er in Trier.  (Foto: SWR)
Nima Haghighi ist aus dem Iran geflohen. Er wurde mehrmals von der iranischen Polizei verhaftet.

Kein selbstbestimmtes Leben im Iran möglich

Nima ist vor der Regierung und der Zwangsreligion im Iran geflohen. Auf seinem Instagram-Kanal veröffentlicht er Fotos und Videos über die Geschehnisse und Proteste aus seiner Heimat.

"Wer Freiheit möchte, kann nicht im Iran bleiben."

Auch Nima hat jahrelang gegen die Zustände im Iran demonstriert. Er hat schlimme Dinge erlebt und gesehen. Menschen, die ohne Zögern erschossen wurden. Junge Mädchen, die erbarmungslos zusammengeschlagen wurden.

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Gewalt in iranischen Gefängnissen

Er selbst wurde mehrmals verhaftet. Über seine Erlebnisse in der Haft kann Nima bis heute nicht sprechen. Im Gespräch verstummt er zunächst und schüttelt den Kopf – die Erinnerungen seien zu schlimm. Nur so viel kann er sagen: grundloses Verprügeln steht in den iranischen Gefängnissen auf der Tagesordnung. Er sagt, wichtig sei es, bei Schlägen den Kopf gut zu schützen.

Die Regierung bestreitet Schuld am Tod von Masha Amini

Die 22-jährige Mahsa Amini wurde laut Zeugenaussagen von der Sitten- und Religionspolizei verhaftet, weil ihre Haare unter dem Kopftuch herausgeschaut hätten. Nach ihrer Verhaftung soll sie durch einen heftigen Schlag auf den Kopf eine Hirnblutung erlitten haben. Amini soll danach ins Koma gefallen und wenige Tage später für hirntot erklärt worden sein.

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Die Polizei leugnet diese Anschuldigungen und spricht von einem plötzlichen Herzversagen, das zum Koma geführt haben soll.

"Wir sind alle eins. Wenn Mahsa Amini stirbt, heißt das meine Schwester stirbt, meine Mutter stirbt."

Die Stimmung habe sich nach dem Tod der jungen Frau noch weiter aufgeheizt. Nima erzählt, die Erlebnisse habe die Menschen überall geeint. Früher gab es zwar oft in einzelnen Städten Proteste, doch im Namen von Amini steht das ganze Land nun demonstrierend auf der Straße.

Aber die Polizei greift hart durch. Nach zehn Tagen seien 50 Protestierende getötet und Tausende verhaftet worden, heißt es.

Iranische Frauen schneiden sich öffentlich die Haare ab

Nach Ansicht der islamischer Regierung würden die Haare der Frauen unsittliches Verhalten bei Männern hervorrufen. Einer der Gründe, warum im Iran die Haare mit einem Kopftuch bedeckt werden müssen. Aus Protest gegen das Sittengesetz und aus Solidarität gegenüber Amini schneiden sich nun viele Frauen im Iran und weltweit die Haare ab.

Auf einer Demonstration bei der Porta Nigra in Trier sei ein junges deutsches Mädchen auf Nima zugegangen, die ebenfalls ihre Haare abgeschnitten hat. Nima ist von dieser Symbolik beeindruckt.

Es gibt keine Sicherheit im Iran

Wenn Frauen und Männer im Iran aus der Wohnung gehen, passiert es oft, dass sie nicht mehr zurückkommen. Als Nima noch im Iran lebte und zum Beispiel seinen Hund ausgeführt hat, war er sich jedes Mal im Klaren darüber, dass er seine Familie vielleicht nie wiedersieht. Er konnte jederzeit grundlos verhaftet oder getötet werden.

Seine Tante lebt noch im Iran. Sie wollte zum Protestieren auf die Straße gehen, erzählt Nima. Und er macht sich große Sorgen um sie. Denn wer auf die Demonstrationen geht, riskiert sein Leben.

"Irgendwann hast du nichts mehr zu verlieren."

Die Iranerinnen und Iraner kämpfen schon jahrelang für einen Regimewechsel, erzählt Nima. Die Korruption und Gewalt der Regierung soll enden. Doch in 44 Jahren ist es das erste Mal, dass alle innerhalb und außerhalb Irans protestieren und nach Freiheit rufen.

Was bleibt ist Hoffnung

Nima wünscht sich mehr Unterstützung von Seiten der westlichen Länder. Vor allem sollen sie zuhören, die Ereignisse wahrnehmen und diese in ihren Nachrichten verbreiten. Denn wenn keiner über das Leid berichtet, fühlen sich die Betroffenen im Stich gelassen.

Nima hofft, dass auch die westlichen Regierungen aufhören, Geschäfte mit dem Iran zu machen - vor allem mit Waffen. Und er ist sich sicher: Gibt es einen Wechsel im Iran, kehren viele Geflüchtete in ihr Land zurück. Denn viele sind wie Nima im Herzen Iraner.

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Iran – Das Ende der Islamischen Republik?

Landesweite Proteste im Iran: Frauen reißen sich das Kopftuch runter, verbrennen es – unter Jubel von Frauen und Männern, die gemeinsam in den Städten demonstrieren. Anlass war der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini in Polizeigewahrsam, die von der iranischen Sittenpolizei verhaftet wurde, weil sie ihr Kopftuch „unislamisch" trug. Die Menschen auf den Straßen wollen Aufklärung, skandieren "Tod dem Diktator" – und die Sicherheitskräfte reagieren mit Gewalt. Die Situation in dem Land kann sich stündlich ändern, es gab Tote, wichtige Internetdienste funktionieren nicht mehr. Moderatorin Natalie Amiri, selbst ehemalige Iran-Fernsehkorrespondentin für die ARD, spricht mit ihrer Nachfolgerin Katharina Willinger, mit der ARD-Hörfunkkorrespondentin Karin Senz und mit einer Frau aus dem Iran, die an den Demonstrationen teilgenommen hat über die aktuelle Lage, über die Dimension der Proteste und über die möglichen Folgen fürs Regime.
Moderation: Natalie Amiri
Redaktion: Nils Kopp, Michael Schramm  mehr...

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