Auffallend viele Kinder in der Region Trier machen seit einigen Wochen Atemwegsinfekte durch (Foto: IMAGO, xUtexGrabowsky/photothek.netx)

SWR-Interview: RS-Viren auf dem Vormarsch

Erkältungswelle bei Kindern in der Region Trier

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Jana Hausmann
Jana Hausmann ist multimediale Reporterin im SWR Studio Trier (Foto: SWR)

Laufende Nase, Husten und Fieber: Auffallend viele Kinder in der Region Trier machen seit einigen Wochen Atemwegsinfekte durch. Betroffen seien vor allem Unter-Sechsjährige, bestätigen Kinderärzte.

Aufgrund von Kita-Schließungen und anderen Corona-Maßnahmen im vergangenen Winter und Frühjahr seien Kinder bisher nicht in Kontakt mit bestimmten Erregern gekommen. "Die Infekte werden jetzt nachgeholt", so die Kinderärzte. Auf den Kinderstationen in den Krankenhäusern der Region Trier werden derzeit vermehrt Kinder mit Atemwegserkrankungen behandelt. Das hat eine SWR-Umfrage bei Krankenhäusern ergeben.

Das bestätigt auch Sven Thorsten Nipken, Chefarzt der Klinik für Pädiatrie im Klinikum Idar-Oberstein.

Das Klinikum in Idar-Oberstein (Foto: 1000)
Das Klinikum in Idar-Oberstein. 1000

SWR Aktuell: Herr Nipken, ist es nur eine subjektive Wahrnehmung, dass derzeit viele Kinder krank sind, oder ist das wirklich so?

Sven Thorsten Nipken: Es ist schon so, dass wir im Moment sehr, sehr viele Atemwegsinfekte bei den Kindern sehen. Das berichten mir die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte und das sehen wir hier auch in der Klinik. Diese Erkrankungen gingen dieses Jahr schon früher los als sonst, also schon im August und September. Das war ein bisschen ungewöhnlich.

SWR Aktuell: Momentan hört man viel vom sogenannten RS-Virus? Was ist das genau?

Nipken: Diese RS-Viren sind im Prinzip für Erwachsene wie ein Schnupfenvirus. Bei kleinen Kindern oder Säuglingen macht das aber eine Entzündung der kleinen Bronchien. Das ist dann wie eine Bronchitis oder Bronchiolitis. Das ist auch ein ganz klassisches Krankheitsbild für die Jahreszeit und für das Alter.

"Kinder und Säuglinge sind richtig krank. Die fiebern und haben Atemnot oder trinken nicht mehr so gut."

Das Klassische hierfür war, dass diese RS-Viren ein Jahr mild verlaufen und im nächsten Jahr schwerer. Dieses Jahr scheint eben ein heftigeres Jahr zu sein. Und dieses Jahr haben wir, was diese RS-Viren betrifft, einen etwas früheren Beginn, aber teilweise wirklich kranke Kinder, denen es dann nach fünf Tagen aber auch schnell wieder besser geht.

SWR Aktuell: Woran liegt das, dass diese Viren jetzt früher auftreten?

Nipken: Das kann vielleicht damit zusammenhängen, dass wir jetzt, seit wir in der Corona-Pandemie sind, vermehrt früher geguckt haben, nach bestimmten Erregern, um diese nachzuweisen. Es wurden alle möglichen neuen Tests entwickelt. Normalerweise fängt man nach diesen Erregern erst im Oktober November an zu suchen.

Teilweise sind die jetzt in Einzelfällen jetzt schon im August, September aufgefallen oder die Kollegen aus England haben berichtet, dass sie das vermehrt festgestellt haben. Ob das jetzt nur daran lag, dass man viel mehr geguckt hat oder ob sich das wirklich verschoben hat, ist schwer zu beurteilen.

SWR Aktuell: Resultiert das auch daraus, dass in der Zeit, als Kitas und Schulen coronabedingt geschlossen hatten, das Immunsystem der Kinder auch nicht so gut trainiert wurde?

Nipken: Vermuten kann man das sicherlich, weil viele Familien sich ja zuhause aufgehalten haben. Die Eltern haben alle Masken und Mundschutze getragen, man hat Abstand gehalten. So haben wir die letzten zwei Jahre sehr, sehr wenig dieser Atemwegsinfekte gesehen.

Auch im vergangenen Winter war das eine Rarität. Diese werden jetzt wieder zunehmen, da die Schulen Kitas wieder geöffnet sind. Das ist aber auch wichtig, weil die Kinder müssen ihr Immunsystem auch entwickeln und trainieren. Das war schon immer praktisch. Einer der Hauptorte dafür waren immer die Kindergärten, Kitas und Schulen.

SWR Aktuell: Wie ausgelastet ist derzeit Ihre Kinderstation in Idar-Oberstein?

Nipken: Erfahrungsgemäß ist es von der Belegung her in den Sommermonaten entspannter und im Herbst füllt es sich. Wir sind im Moment sehr ausgelastet.

"An einzelnen Tagen kommen wir fast an unsere Kapazitätsgrenze."

Insgesamt haben wir das bisher ganz gut hinbekommen. Wir haben alle möglichen Erkrankungen, aber virusbedingte Erkrankungen wie Bronchitis und Lungenentzündung haben im Moment einen hohen Anteil. Wir sehen da auch unterschiedliche Erreger. Da sind die RS-Viren aber auch Rhinoviren, Adenoviren oder die grippeähnlichen Parainfluenzaviren.

Wir können jetzt mit einem spezialisierten Abstrich all diese Erreger nachweisen. Diesen Abstrich hatten wir vor zwei Jahren gar nicht zur Verfügung. Das ist praktisch alles neu entwickelt worden. Wir sehen jetzt ganz genau, welchen Erreger die Kinder haben und können das sehr oft genau benennen.

SWR Aktuell: Wir stecken mittendrin in der Erkältungszeit: Macht eine Grippe-Impfung für Kinder Sinn?

Nipken: Das ist ein umstrittenes Thema, da würde ich am liebsten auf die Stiko-Empfehlungen verweisen. Bei Kindern mit Vorerkrankungen macht es auf jeden Fall Sinn, ansonsten gehen da die Meinungen auseinander.

Mit einer regelmäßigen Impfung auf Grippeviren hat man natürlich einen vermehrten Schutz. Auch eine Grippe kann jemanden sehr schwer krank machen. Dagegen gibt es eine Impfung. Die ist auch fürs Kindesalter bedingt zugelassen. Am besten ist es, da individuell mit dem eigenen Kinderarzt, der das Kind gut kennt, zu sprechen und der einem sagt, ob es in dem individuellen Fall Sinn macht oder nicht.

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SWR Aktuell: Vor dem Hintergrund der noch laufenden Corona-Pandemie: Wie groß ist die Gefahr, dass sich bei wegfallenden Beschränkungen Kinder vermehrt mit dem Coronavirus infizieren?

Nipken: Da müssen wir unterscheiden, von welchen Kindern wir reden. Die sogenannten ACE2-Rezeptoren im Bereich der Atemwege sind bei Kleinkindern und Säuglingen viel geringer ausgeprägt. Das ist der Ort, wo das Virus andockt und so ist die Angriffsstelle für das Virus bei Säuglingen und Kleinkindern nicht so vorhanden. Die erkranken in der Regel nicht so schnell wie andere und meistens auch nicht so sehr.

Die größeren Kinder (12 bis 16 Jahre) haben dagegen eine ähnliche Ansteckungs-Situation wie die Erwachsenen. Aber da gibt es ja seit kurzem die Impf-Empfehlung von der Stiko. Bei den Kleinkindern gibt es bisher noch keine Impf-Empfehlung. Andere Länder haben aber bereits schon begonnen, ab sechs Jahren zu impfen.

SWR Aktuell: Müssen sich die Eltern von Kleinkindern wegen des Coronavirus also jetzt weniger Sorgen machen?

Nipken: Aus kinderärztlicher Sicht gibt es zahlreiche Studien, die sagen, dass in den Kitas und Grundschulen selten die Ansteckungen von Kind-zu-Kind sind, sondern eher durch die Eltern zuhause oder auch durch das Kita-Personal. Aber was das angeht, wird unter den Experten sehr, sehr viel gestritten.

"Die Kitas werden nach meiner persönlichen Meinung viel zu oft als Corona- oder Infekt-Hölle bezeichnet."

Klar ist aber: Die Kinder weiter zu isolieren, von ihren sozialen Kontakten fernzuhalten und ihrer normalen Immun-Entwicklung nachzugehen durch die anderen Atemwegserreger, ist auch keine Lösung.

Das Interview führte SWR Reporterin Jana Hausmann.

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