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Im April 2020 wurde im Prozess um den "Cyberbunker" von Traben-Trarbach Anklage erhoben. Ein Jahr später kämpfen die Ermittler noch immer mit dem riesigen Datenberg. Trotzdem sind sie optimistisch.

Am 26. September 2019 schlägt die Polizei zu. Nach rund vier Jahren Ermittlung durchkämmen 766 Einsatzkräfte den "Cyberbunker", einen alten Nato-Bunker oberhalb der Mosel in Rheinland-Pfalz. Sie inspizieren das 13 Hektar große Areal, steigen mehrere Stockwerke in den Betonkoloss hinab. Die Verdächtigen, die sonst rund um die Uhr hier arbeiten, wurden vorher durch eine List in eine Gaststätte gelockt.

Im zweiten Untergeschoss des Bunkers stellen die Ermittler mehr als 400 Rechner sicher, auf denen wiederum hunderte virtueller Server eingerichtet sind. Der "Cyberbunker" ist bis dato nicht nur eines der größten Rechenzentren seiner Art - es ist auch der Beginn eines technischen und juristischen Kraftaktes, der Ermittler, Informatiker und Staatsanwaltschaft noch immer herausfordert.  

Drogen, Kinderpornografie, Auftragsmorde

Aber der Reihe nach: Vor genau einem Jahr wurde Anklage gegen die acht Beschuldigten erhoben: vier Niederländer, drei Deutsche und ein Bulgare. Ihnen wird die Bildung einer kriminellen Vereinigung und Beihilfe zu Straftaten in mehr als 249.000 Fällen vorgeworfen. Auf den Rechnern im Cyberbunker wurden Webseiten im Darknet gehostet, über die massenweise Drogen, Kinderpornografie, Falschgeld, Waffen und gestohlene Daten verkauft wurden. Kaum etwas, was es dort nicht gab - sogar Auftragsmorde sollen angeboten worden sein. Seit Oktober vergangenen Jahres läuft der Prozess am Landgericht Trier.  

Für die Ermittler spielen vor allem zwei Faktoren die entscheidende Rolle: die Datenmenge und die Zeit. Inzwischen seien die Daten der Server zu  mehr als 90 Prozent ausgewertet, sagt Patrick Fata, Chef der zuständigen Sonderkommission "Lux" im Landeskriminalamt in Mainz. "Eine Vollauswertung der Daten auf den Servern würde aber noch Jahre dauern", ergänzt er, da hier aufwendige Anschlussermittlungen folgen würden. 

Ermittler müssen allein 57 Smartphones durchleuchten

Beim laufenden Verfahren fokussiert sich das Interesse des LKA zurzeit auf die "persönlichen Asservate" der Beschuldigten, darunter allein 57 Smartphones. Es gehe darum, "die Kommunikation zwischen den Angeklagten zu erhellen", sagt Fata. "Wer war zum Beispiel nur eine Randfigur?" Diese Auswertung  dürfte noch drei bis sechs Monate in Anspruch nehmen, schätzt er. Schneller gehe es nicht. 

Die Herausforderung wird den Ermittlern schon kurz nach dem Zugriff im Bunker bewusst. Drei Monate verbringen die Technikexperten dort,  um die Daten auf den Rechnern zu sichern. Dafür erstellen sie "forensische Kopien". Mit spezieller Software können sie dann darin nach bestimmten Inhalten suchen, etwa nach gehosteten Webseiten, E-Mails und Fotos. 

LKA-Ermittler Matthias Müller (l.) und Patrick Fata (Foto: SWR)
LKA-Ermittler Matthias Müller (l.) und Patrick Fata

Manches müssen sie sogar selbst programmieren, beispielsweise um mehrere miteinander verbundene Festplatten gleichzeitig auslesen zu können. "Aber allein durch die Masse der Daten sind wir zeitlich beschränkt", sagt IT-Forensiker Matthias Müller vom LKA. So brauche allein das Kopieren der Daten seine Zeit. Bei einer Datenmenge von zwei Millionen Gigabyte heißt das eben: Monate.  

Unterstützung vom FBI

Hinzu kommt, dass Dateien verschlüsselt wurden. Unter anderem "mit Hilfe aus Übersee", also des FBI, gelingt den Ermittlern der Zugriff auf manche verschlüsselte Bereiche, wie Kriminalhauptkommissar Fata erzählt. Andere bleiben ihnen wohl für immer verborgen: "Es gibt nun mal Szenarien, bei denen wir einfach nicht auf die Daten zugreifen können." 

Damit hadert im Prozess der Vorsitzende Richter. Immer wieder fordert er Details, an die die Ermittler schwer herankommen und drückt aufs Tempo bei der Auswertung der Daten. "Da muss sich der Richter nun mal der Realität stellen", sagt Fata. Es gebe technische und personelle Grenzen. Die Ermittler dürften sich bei dem komplexen Verfahren keine Fehler erlauben - Zeitdruck sei da kontraproduktiv.

Was wussten die Angeklagten von den Verbrechen?

Auch auf juristischer Ebene birgt der Prozess Brisanz. Die Kernfrage lautet: Was wussten die Betreiber der Server von den illegalen Aktivitäten, die sie ermöglicht haben? Der Hauptangeklagte Herman X. sagte bereits kurz nach seiner Festnahme, nichts davon gewusst zu haben; vor Gericht hat er noch nicht ausgesagt. 

Beim LKA in Mainz sieht man das anders. "Es gibt nicht den einen entscheidenden Beweis, aber viele Indizien, die ein eindeutiges Bild ergeben", sagt Patrick Fata. So betonen zum Beispiel IT-Experten vor Gericht, dass die Bunker-Betreiber sehr wohl Zugang zu Kundendaten hatten, obwohl diese das stets bestritten hatten. "Sogar der Wachmann wusste, was auf den Servern ist", meint Fata. Weitere Details soll demnächst die Aussage eines verdeckten Ermittlers liefern, der als Gärtner am "Cyberbunker"-Areal eingeschleust worden war.  

Staatsanwalt sieht "juristisches Neuland"

Käme es zu einer Verurteilung, wäre damit wohl ein Präzedenzfall geschaffen. "Das Verfahren ist juristisches Neuland", sagt Jörg Angerer, der zuständige Oberstaatsanwalt von der Landeszentralstelle Cybercrime in Koblenz. Für das Betreiben von Rechenzentren für illegale Plattformen gebe es schließlich keinen eigenen Tatbestand. 

Ob die Angeklagten sich aber dadurch der Beihilfe schuldig gemacht haben, soll sich bis Jahresende entscheiden - zumindest sind bis dahin die Verhandlungstermine angesetzt. Gut möglich aber, dass dann keine endgültige Entscheidung in Trier fällt. "Ich gehe davon aus, dass Rechtsmittel eingelegt werden", sagt Angerer, "und dass sich dann noch der Bundesgerichtshof mit dem Cyberbunker befasst".  

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