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Dr. Harald Michels ist Leiter des Gesundheitsamtes für die Stadt Trier und den Landkreis Trier-Saarburg. Seit dem ersten Corona-Fall hat er viele Probleme mitbekommen. Im SWR-Interview blickt er dennoch optimistisch in die Zukunft.

Seit dem ersten Corona-Fall vor einem Jahr in der Region Trier ist Michels nah dran an der Entwicklung der Pandemie. Das Coronavirus und seine Folgen haben viel verändert, sagt Michels. Auch seine Einstellung dem Leben gegenüber. Trotz der Ausbreitung neuen Mutationen blickt er im SWR-Interview positiv nach vorn.

SWR Aktuell: Wie hat Sie persönlich die Corona-Pandemie verändert?

Dr. Harald Michels: Ich habe noch mal eine andere Lebenseinstellung bekommen. Ich habe immer mit einer Pandemie gerechnet, dass die irgendwann mal kommt.

"Dass eine Pandemie weltweit so viel Elend anrichten kann, habe ich immer gelesen. Aber ich habe es nie so im Hinterkopf gehabt, dass es so sein könnte. Es macht einen als Mensch noch einmal demütiger."

Dr. Harald Michels, Leiter des Gesundheitsamtes in Trier

SWR Aktuell: Der erste Corona-Fall in der Region Trier jährt sich in diesen Tagen. Wie hat die Pandemie Ihre Arbeit verändert?

Michels: Eine höhere Arbeitsbelastung für mich und meine Mitarbeiter im Gesundheitsamt. Wenn ich das nur für mich zusammenrechne, habe ich so viele Überstunden gemacht, dass 12 oder 13 Wochen zusammenkommen im letzten Jahr. Ich schaue mir abends immer noch die aktuellen Informationen der Weltgesundheitsorganisation und des Robert-Koch-Instituts an, ob es irgendetwas Neues gibt. Ich sehe mir die Fallzahlentwicklung an. Oft habe ich tagsüber dafür keine Zeit, weil wir sehr viele Telefonkontakte haben. Wir haben das hier mal ermittelt und hatten an einem Tag zwischen 150 und 200 Telefongespräche, die in meinem Vorzimmer ankamen. Wenn jedes auch nur ein oder zwei Minuten dauert, ist schnell klar, bei welchen Zeiten man da landet. Ein großer Teil davon muss zu mir durchgestellt werden. Das ist tagsüber eine so hohe Belastung, dass ich währenddessen nichts anderes konzentriert lesen kann. Das mache ich dann am Abend zu Hause. Darunter leidet auch manchmal die Familie.

SWR Aktuell: Was vermissen Sie persönlich am meisten?

Michels: Wir haben einen netten Freundeskreis in Trier. 15 bis 20 Leute. Wir haben uns immer einmal die Woche in einer Trierer Gaststätte getroffen. Das fehlt mir schon, der Kontakt zu diesen Menschen. Wir treffen uns jetzt mit Einzelpersonen - gelegentlich. Wir halten uns auch im privaten Umfeld an die Regeln. Wenn jemand kommt, dann nur eine Person. Da sieht es dann immer schon eng aus, weil die meisten Paare sind. Da kann man nicht mal ein befreundetes Ehepaar zum Essen einladen. Das fehlt mir schon.

SWR Aktuell: Welche Erfahrungen nehmen Sie aus einem Jahr Corona mit?

Michels: Dass die Gesundheitsämter personell besser aufgestellt werden müssen. Dass wir es mit eigenen Mitarbeitern zumindest eine Zeitlang allein schaffen, damit wir nicht noch einmal so überrollt werden. Wir müssen uns technisch noch besser aufstellen. Wir haben viel getan seit letztem Jahr. Inzwischen bekommen wir alle Daten von den Laboren elektronisch und können sie automatisiert einlesen. Wir haben ein gutes Programm, mit dem wir die Fälle bearbeiten. Das funktioniert schon viel besser. Wir bekommen jetzt eine neue Software, mit der die Gesundheitsämter auch untereinander vernetzt werden und besser kommunizieren können.

SWR Aktuell: Was fordern Sie von den Verantwortlichen aus der Politik?

Michels: Neben mehr Personal brauchen wir eine bessere Bezahlung der Gesundheitsaufseher und der Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst. Sonst werden wir irgendwann keine Leute mehr finden. Ein Arzt bei uns hat im Schnitt 1.000 Euro bis 1.500 Euro weniger als ein Arzt im Krankenhaus. Daher ist es sehr schwer, Leute zu finden, die diese Arbeit hier noch machen wollen. Da muss was getan werden.

SWR Aktuell: Was glauben Sie, wann werden wir wieder normal leben können?

Michels: Diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Ich hoffe, dass wir Ende März, Anfang April soweit sind, dass wir zumindest auf der Außenterrasse einer Gastronomie bei Sonnenschein sitzen und etwas genießen können. Dass damit ein erster Schritt in die Normalität kommt. Ich hoffe auch, dass dann der Einzelhandel wieder offen ist. Alles weiter mit der Auflage, dass Mund-Nasen-Schutz getragen werden muss. Auch im ÖPNV. Das können wir erst lockern, wenn größere Teile in der Bevölkerung geimpft sind. Das alles hängt aber davon ab, ob im Verlauf dieser Pandemie nicht Mutationen auftreten, gegen die die Impfungen nicht wirksam sind.

SWR Aktuell: Was würde dann passieren?

Michels: Dann hätten wir die Situation, dass wir mit einer neuen Welle, einem neuen Erreger rechnen müssten. Ob so ein Erreger kommt, gegen den die Impfung nicht wirkt, weiß kein Mensch. Wir hoffen alle, dass das nicht der Fall sein wird. Wenn das passiert, können wir aber durch die moderne Impfstofftechnologie relativ schnell die Impfstoffe anpassen. Dann muss nachproduziert und eine weitere Impfung organisiert werden. Das sind Szenarien, für die wir Lösungen in der Schublade haben, weil so etwas kommen kann. Ich glaube, dass wir auf einen guten Weg sind und positiv in die Zukunft schauen können.

Das Interview führte SWR-Redakteurin Solveig Naber.

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