Menschen sind nach der Flutkatastrophe 2021 mit dem Wiederaufbau in Irrel beschäftigt. (Foto: SWR, Jana Hausmann)

Ein Jahr nach der Hochwasser-Katastrophe

Flut-Betroffene aus Irrel: Endlich wieder zu Hause

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Jana Hausmann

In der Nacht zum 15. Juli 2021 hat das Flüsschen Prüm im Eifelort Irrel ganze Straßenzüge verwüstet. Ein Jahr später kämpfen die Menschen dort immer noch mit den Folgen.

Irmgard und Otmar Paulus stehen lächelnd vor ihrem Haus in Irrel. Erst vor ein paar Wochen sind sie hier wieder eingezogen. Der Innenausbau ist abgeschlossen, nun ist die Fassade an der Reihe. Bauarbeiter sind gerade damit beschäftigt, Material auszupacken und Putz anzurühren.

Es dauert nicht mehr lange, dann sieht das lange, flache Zweifamilienhaus der Familie wieder aus wie neu. Fast ein ganzes Jahr ist bisher verstrichen. Der Weg war für Familie Paulus und andere Flut-Betroffene im Ort eine immense Herausforderung.

Irmgard und Otmar Paulus sind nach der Flutkatastrophe in Irrel mit dem Wiederaufbau beschäftigt. (Foto: SWR, Jana Hausmann)
Im Mai konnten Irmgard und Otmar Paulus wieder in ihr Haus einziehen. Die Freude darüber ist groß. Jana Hausmann

Eine Schicksalsnacht im Juli 2021

Das Drama begann in der Nacht zum 15. Juli 2021. Das Flüsschen Prüm, das heute wieder ein paar hundert Meter entfernt ruhig und flach in seinem Bett fließt, verwandelte sich damals in einen reißenden Strom.

Das Wasser floss mit einer unbändigen Kraft durch den Ort, riss alles mit, was sich ihm in den Weg stellte. Kein Stein blieb damals auf dem anderen. Zwar kam niemand körperlich zu Schaden, dennoch wurden zahlreiche Existenzen zerstört.

Im damals erst sieben Jahre alten Haus von Otmar Paulus und seiner Familie stand das Wasser meterhoch im Gebäude. Der Fußboden drückte sich nach oben, die Wände waren nass. Möbel, Kleidung, Erinnerungsstücke, alles war verloren.

Das Schlimmste: Die Familie wusste nicht, ob sie je in ihr Haus zurückkehren würde. Denn kurz nach der Flut war unklar, ob die Fundamente des Hauses ebenso unterspült wurden – das Gutachten von Baustatikern stand noch aus.

Nach dem Hochwasser sieht es schlimm aus in Irrel, wo Prüm und Nims entlangfließen. (Foto: SWR, Jana Hausmann)
Waschmaschinen, Herde, Trockner - sämtliche elektronischen Geräte mussten nach der Flut auf den Müll. Jana Hausmann Bild in Detailansicht öffnen
Holzfußböden quollen auf und konnten nur noch entsorgt werden. Jana Hausmann Bild in Detailansicht öffnen
Die Prüm hinterließ im Ort ein enormes Chaos. Bild in Detailansicht öffnen
Das Wasser floss förmlich durch die Häuser hindurch. Bild in Detailansicht öffnen
An dieser Stelle stand vor der Flut eine Garage. Bild in Detailansicht öffnen
An vielen Stellen in Irrel blieb kein Stein auf dem anderen. Jana Hausmann Bild in Detailansicht öffnen
In diesem Vorgarten lag nach der Flut plötzlich ein Container. Bild in Detailansicht öffnen
Auch der Campingplatz in Irrel wurde völlig zerstört. Bild in Detailansicht öffnen
Ferienhäuser, Zelte oder Wohnwagen - nichts blieb mehr übrig. Bild in Detailansicht öffnen
Solche Müllberge ließen erahnen, wie viel die Menschen verloren hatten. Jana Hausmann Bild in Detailansicht öffnen

Ein langer Weg zurück

Doch die Familie ließ sich nicht entmutigen. Sie schliefen kaum und funktionierten einfach nur, wie sie heute sagen. Tagelang räumten sie das Haus leer, versuchten zu retten, was zu retten war. Währenddessen kamen sie in einer Ferienwohnung unter.

Später stellte sich heraus, dass das Haus zwar komplett entkernt werden musste, es aber bewohnbar bleibt. Ein großes Glück.

Zehn Monate und unzählige Renovierungsarbeiten später konnten sie wieder in ihr Haus zurückkehren. Das sei zwar mit komplett neuer Einrichtung noch ungewohnt, dennoch sind sie dankbar, endlich wieder zu Hause zu sein, sagen sie.

120 Haushalte betroffen

Familie Paulus ist einer von 120 Haushalten in Irrel, die von der Flut betroffen waren. Die meisten von ihnen leben mittlerweile wieder in ihren Häusern, sagt Bürgermeister Herbert Theis.

Mit den Soforthilfen und den 180.000 Euro an Spenden, die für den Ort zusammengekommen waren, habe man den Leuten zumindest ein bisschen helfen können. Der Rest müsse über Versicherungen und Anträge bei der Investitions- und Strukturbank (ISB) gestemmt werden.

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Vier Gebäude seien jedoch nicht mehr zu retten gewesen. Sie seien durch das Wasser derart beschädigt worden, dass sie abgerissen werden mussten. Die neuen Häuser würden nun auf Stelzen gebaut, sagt der Ortschef.

"Unten im Erdgeschoss ist dann die Garage. Wenn die Flut kommt, können die Tore geöffnet werden und das Wasser kann durchfließen, ohne dass es zurückstaut."

Verkauf als einzige Lösung

Vor allem ein paar ältere Bürger hätten nicht mehr die Kraft gehabt, lange Renovierungs- oder Neubauarbeiten durchzustehen. Auch sei die Angst groß gewesen, eine derartige Katastrophe noch einmal erleben zu müssen. Sie hätten ihre Häuser deshalb verkauft.

Eine Entscheidung, die Herbert Theis nachvollziehen kann, auch wenn er nicht davon ausgeht, dass die Prüm erneut in solch einem Maß seine Gemeinde verwüstet.

"Wir sind zuversichtlich, dass es ein einmaliges Ereignis war."

Hochwasserschutzmaßnahmen geplant

Trotzdem will die Gemeinde Vorkehrungen treffen. Die Prüm soll an einer Stelle verbreitert werden, um ihr mehr Platz zu geben. Ein paar Eigentümer haben dafür auch einen Teil ihrer Grundstücke hergegeben.

An anderer Stelle soll ein Freizeitgelände, das unmittelbar am Ufer der Prüm liegt, tiefer gelegt werden, um dort den Abfluss des Wassers besser zu ermöglichen.

Wiederaufbau in Irrel nach der Flutkatastrophe 2021. (Foto: SWR, Jana Hausmann)
An dieser Stelle soll die Prüm verbreitert werden. Dafür muss ein Teil des Uferbereiches weichen. Jana Hausmann

Pläne für ein Hochwasserschutzkonzept hat die Gemeinde seit sieben Jahren in der Schublade, sagt der Ortsbürgermeister. Er hofft, dass diese Pläne nun endlich auch in die Tat umgesetzt werden können. Die Behörden müssten das Konzept noch bearbeiten und erst genehmigen.

Hängeseilbrücke an den Wasserfällen

Eine andere Baustelle, mit der sich die Gemeinde gerade beschäftigt, liegt etwas abseits im Wald. Die Irreler Wasserfälle – das Wahrzeichen des Ortes. Die bei Touristen beliebte Holzbrücke über das Ufer wurde durch die Fluten weggerissen und auch die Wasserfälle an sich wurden nachhaltig verändert.

"Die steinigen dicken Brocken wurden im Flussbett verteilt. Aber es sind auch riesige Steinblöcke aus dem Ufer herausgebrochen, die jetzt gigantischer aussehen, als es vorher war."

Wasserfälle 2.0 sozusagen. Um die Attraktion perfekt zu machen, soll zukünftig eine Hängeseilbrücke über den Fluss führen. Wenn der Zeitplan eingehalten werde, könne die schon im Oktober eröffnet werden, sagt Herbert Theis lächelnd.

Straße in Irrel nach der Flutkatastrophe 2021 ist weiterhin unbenutzbar. (Foto: SWR, Jana Hausmann)
Die Haupstraße von Irrel war nach der Flutkatastrophe voller Schlamm. Heute wird hier noch gebaut. Unter anderem weil Teile der Straße mit dem Wasser wegespült wurden. Jana Hausmann

Erinnerung bleibt

Er selbst habe die Ereignisse des vergangenen Sommers mittlerweile verdaut. Vergessen könne er das, was sich in der Gemeinde abgespielt hat, dennoch nicht. Vor allem wenn er durch die Hauptstraße laufe, komme die Erinnerung zurück.

"An bestimmten Bereichen denkt man, wenn ich damals hier 20 Schritte weiter gelaufen wäre, wäre ich schon ertrunken."

Stark beschädigte Hausfassade Irrel nach der Flutkatastrophe 2021. (Foto: SWR, Jana Hausmann)
An der Fassade dieses Hauses ist noch gut sichtbar, wie hoch das Wasser in Irrel stand. Jana Hausmann

Häuserfassaden als Denkmal

Wie hoch das Wasser wirklich stand, ist noch gut an einigen Häuserfassaden zu sehen. In manchen Gebäuden reichten die Fluten im Erdgeschoss bis zur Decke.

"Man wird immer wieder daran erinnert, aber man atmet durch und sagt: Das war mal gewesen, hoffentlich kommt es nicht wieder", sagt der Ortschef nachdenklich. Dementsprechend entspannt reagiere er mittlerweile auf erneute Unwetterwarnungen.

Das sehe bei den Betroffenen der Flutkatastrophe aber anders aus. Einige Leute hätten psychologische Hilfe in Anspruch nehmen müssen.

"Wenn es da über einen längeren Zeitraum stark geregnet hat, bekamen die Leute Angst, dass das Hochwasser wiederkommt."

Hannelore Fuchs vor einem durch die Flutkatastrophe 2021 beschädigten Haus. (Foto: SWR, Jana Hausmann)
Hannelore Fuchs lebt seit ihrer Geburt in diesem Haus. Nach der Flut musste sie es verlassen, sie kam in den vergangenen Monaten bei einem Freund unter. Wenn sie daran denkt, dass sie endlich wieder in ihr Zuhause zurückkehren kann, kommen ihr fast die Freudentränen. Jana Hausmann

Gemeinsam nach vorne schauen

Vielleicht auch um nach vorn zu schauen, wollen einige Straßenzüge Mitte Juli eine Art Helferfest veranstalten, um an die Flutkatastrophe zu erinnern. Das erste große gemeinsame Fest nach der Flut soll dann im September im Rahmen der traditionellen Kirmes gefeiert werden.

Für Herbert Theis ist klar: Die Flut und ihre Konsequenzen haben die Bürgerinnen und Bürger Irrels, die Unternehmen und all die fleißigen ehrenamtlichen Helfer, die damals aus nah und fern gekommen sind, gemeinsam bewältigt. Und darauf ist der Ortschef auch sichtlich stolz.

"Wir haben damals gesagt 'Irrel schafft das' und ich denke, wir haben es geschafft. Es haben viele mitgeholfen und wir haben es geschafft."

RLP

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