Eine Frauen- und eine Männerhand nebeneinander an Computermäusen (Foto: Imago, Imago/UtexGrabowsky)

Chancengleichheit am Arbeitsplatz

Gleichstellungsbeauftragte: "Frauen werden anders wahrgenommen als Männer"

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Welches Geschlecht jemand hat, sollte am Arbeitsplatz keine Rolle spielen. Das tue es aber oft, sagt die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Trier, Tanja Gotthard.

SWR Aktuell: Männer und Frauen sind per Gesetz gleichberechtigt. Es dürfen also gar keine Unterschiede gemacht werden. Warum brauchen wir Sie als Gleichstellungsbeauftragte?

Tanja Gotthard: "Das ist die Frage, die sich viele stellen: 'Was macht die überhaupt?' Es ist zwar so, dass die Gleichstellung gesetzlich im Grundgesetz und im Landesgleichstellungsgesetz verankert ist. Aber selbst nach 100 Jahren Frauenwahlrecht werden Frauen in der Arbeitswelt anders wahrgenommen als Männer. Es gibt nach wie vor viele Stereotypen und veraltete Rollenbilder."

Wozu führen diese Stereotypen und veralteten Rollenbilder?

"Meine Erfahrung ist, dass Frauen in der Arbeitswelt viel mehr Energie aufbringen müssen, um gehört zu werden. Vielen Frauen fehlt es aber an Durchsetzungskraft oder Selbstvertrauen, um zu sagen: 'Hallo, hier bin ich und ich möchte auch angesprochen und gesehen werden.'"

Also eine Zwickmühle, weil diese Frauen auf sich aufmerksam machen müssten, sich aber nicht trauen. Was wäre Ihr Rat an sie?

"Ich würde Ihnen sagen: Ihr habt die Fähigkeiten, ihr habt die Voraussetzungen, ihr habt die Stimme. Also steht doch dazu, was ihr könnt und was ihr euch erworben habt. Leider habe ich auch schon eine Situation erlebt, in der gesagt wurde: 'Also diese Bewerberin war fast schon zu selbstbewusst.' Das tut mir weh. Wie kann man denn zu selbstbewusst sein? Nur weil man sagt: 'Ich kann das und ich möchte das machen?' Manchen macht das Angst, wenn eine Frau sehr selbstbewusst ist. Aber genau das, darf doch nicht mehr sein. Männer sagen ja auch, was sie können."

Sie sind ja als Gleichstellungsbeuftragte der Stadt Trier auch in Bewerbungsgesprächen mit dabei. Angenommen, es bewerben sich drei Männer und eine Frau, die alle gleich qualifiziert sind. Wird dann automatisch die Frau genommen?

"Wenn in dem Bereich mehr Männer als Frauen arbeiten, dann schon. Das ist ja im Landesgleichstellungsgesetz so festgelegt."

In diesem Zusammenhang gibt es oft kontroverse Diskussionen. Was würden Sie jemandem sagen, der für diese gesetzliche Regelung kein Verständnis hat?

"Da kann ich eigentlich nichts dazu sagen, außer: Das ist vom Gesetzgeber so gewollt, dass für Frauen in der Arbeitswelt Chancengleichheit herrscht. Deshalb gibt es diese Regelungen. Wenn irgendwann Chancengleichheit herrscht, dann werden sie auch zurückgenommen. Aber solange Frauen in vielen Bereichen weiter unterrepräsentiert sind – wie beispielsweise im IT-Bereich – bleiben die Regelungen bestehen und dann ist das auch richtig so."

Nun ist es aber so, dass sich für manche Berufe deutlich mehr Männer als Frauen bewerben. Bleiben wir beim IT-Bereich: Was tun Sie, um hier verstärkt Frauen anzusprechen?

"Das fängt schon bei der Stellenausschreibung an. Darin schreiben wir, dass wir auch ausdrücklich Bewerbungen von Frauen begrüßen. Genau anders herum verhält es sich, wenn wir nach Erziehenden für eine Trierer Kita suchen. Denn es gibt nach wie vor mehr Erzieherinnen als Erzieher."

Wie würden Sie die Gesamtsituation bewerten? Wie weit sind wir beim Thema Gleichstellung wirklich?

"Wir sind auf einem guten Weg, aber wir dürfen nicht stehenbleiben – gerade jetzt. In der Corona-Pandemie hat man gemerkt, dass viele Frauen wieder ganz selbstverständlich für die Kindererziehung zuständig waren. Die Männer helfen zwar mit, aber der größte Anteil bleibt an den Frauen hängen. Ich hatte einige Telefonate mit Frauen, die gesagt haben: 'Ich habe zwar Homeoffice, aber ich weiß nicht, wie ich das mit dem Homeschooling nebenher machen soll.' Und dann habe ich gefragt: 'Was ist mit deinem Mann oder dem Vater des Kindes?' Da gibt es noch ein Ungleichgewicht. Aber es gibt auch eine positive Entwicklung. Bei uns gibt es beispielsweise immer mehr Väter, die Elternzeit nehmen und die in der Familie mitarbeiten."

Gibt es bei Ihnen auch noch Bereiche, in denen es hakt?

"Wir sind sehr gut aufgestellt. Aber ich würde mir wünschen, dass die Gleichstellungsarbeit ernster genommen und als Querschnittsaufgabe wahrgenommen wird, die alle gemeinsam angehen. Denn nur so geht Gleichstellung. Wenn es beispielsweise um Toiletten für diverse Menschen in öffentlichen Gebäuden geht, heißt es oft, dass dafür dann eine Frauentoilette abgezogen werden müsse – statt einer Männertoilette. Wenn man dann nachhakt, warum das so ist, heißt es: 'Ja, wenn ihr sonst keine Probleme habt.' Aber wenn wir das nie angehen, wird das auch nie enden."

Wann haben Sie am Ende eines Arbeitstages das Gefühl, richtig viel erreicht zu haben?

"Wenn ich zum Beispiel jemanden beraten habe und merke: Da hat es im Kopf Klick gemacht. Mein Gegenüber versteht, worum es bei Gleichstellung geht. Dass es nicht darum geht, jemandem etwas wegzunehmen, sondern sich gemeinsam für eine gute Sache einzusetzen."

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