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In Traben-Trarbach an der Mittelmosel gibt es Wein, ein dekoratives Brückentor, ein Buddha-Museum, eine Therme. Es gibt außerdem einen alten Bundeswehr-Bunker, der zum Zentrum einer der größten Cybercrimefälle Deutschlands wurde. Alles begann 2013.

Der Schauplatz

Wer von Trarbach nach Traben über die Moselbrücke läuft, die beide Stadtteile voneinander trennt, kann linker Hand den Berg Mont Royal sehen, der am 26. September 2019 Schauplatz eines Polizeieinsatzes wurde, den die Region noch nicht erlebt hatte. Rund 650 Polizisten, darunter Spezialisten der GSG 9, waren angerückt um in einem gemütlichen Weinstädtchen eines der weltweit größten Rechenzentren für kriminelle Onlinegeschäfte auszuheben.

Der Mont Royal auf der Trabener Seite ist von einer Moselschleife umgeben. Wer von der Mosel in die Eifel will, fährt dort hinauf. Wanderer besuchen die Ruinen der alten, französischen Festung, Abenteuerlustige den Kletterpark, Hobbypiloten den Flugplatz.

Wenige hundert Meter östlich des Flugplatzes liegt ein altes Bundeswehrareal. Jahrzehntelang war dort das Amt für Wehrgeophysik untergebracht. Zu dem Kasernengelände gehört auch ein 5.000 Quadratmeter großer Bunker: fünf Stockwerke tief in die Erde gebaut. Als die Bundeswehr sich zur Aufgabe des Standorts entschloss, musste ein Käufer her.

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Der neue Besitzer

2013 machte die Bundeswehr auf Mont Royal endgültig das Licht aus und es war Sache der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) einen neuen Eigentümer zu finden. Möglichst schnell sollte das gehen, damit keine Zwischennutzungskosten anfallen. Der Bunker war teuer im Unterhalt. Die Wahl fiel auf eine Stiftung aus den Niederlanden, die das Areal für 450.000 Euro erwarb. Eine Datenzentrum wolle man auf dem Gelände errichten, hieß es.

Doch bereits bevor der Kaufvertrag am 25. Juni 2013 unterzeichnet wurde, regte sich in Traben-Trarbach Unbehagen. Denn es hatte sich inzwischen herausgestellt, wer hinter der Stiftung steckte: Der heute 60-jährige Niederländer Herman X., der damals schon im Ruf stand, in seinem Heimatland in kriminelle Machenschaften verwickelt zu sein. So hatte zum Beispiel die niederländische Zeitung "De Telegraaf" das Unternehmen des Niederländers in Verbindung mit Internetattacken gebracht.

Dem Stadtrat erzählte X., er wolle mit seinem Datenzentrum auch Arbeitsplätze schaffen. Trotz Skepsis stimmte man damals der notwendigen Änderung des Flächennutzungsplans zu.

Die Verbandsgemeinde wandte sich jedoch auch an das Landeskriminalamt (LKA) in Mainz. Dort sah man die Bedenken gegenüber X. und seinem angeblichen Datenzentrum als überaus berechtigt an. Einige Tage vor dem Verkauf warnte das LKA die Bima, dass der Käufer den Bunker "für ein Rechenzentrum unter anderem auch zur Begehung und Unterstützung von Straftaten im Internet nutzen könne".

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Für einen konkreten Verdacht reichte es allerdings nicht und die Bima ließ den Kauf zu. Später erntete das Amt dafür freilich Kritik, doch es verteidigte seine Entscheidung: Aufgrund eines vagen Verdachts habe man den Niederländer nicht als Käufer ausschließen können.

Unter Verdacht

Was genau in den nächsten Jahren in dem Bunker vonstatten ging, wusste in Traben-Trarbach niemand so recht. Über Drogen und die Lagerung von Giftmüll wurde spekuliert. Herman X., der wohl die meiste Zeit in dem Bunker lebte, ließ sich zwar durchaus in der Stadt blicken - was hinter den dicken Wänden vor sich ging, blieb in der Gerüchteküche. Von aggressiven Hunden erzählten die Einheimischen, die anschlugen, sobald jemand dem Gelände zu nahe kam. Die vielen Arbeitsplätze, die der neue Besitzer versprochen hatte, kamen nicht.

Beim LKA hatte man die Sache derweil nicht vergessen. Es war bekannt, dass X. bereits in den Niederlanden ein ominöses Rechenzentrum in einem Bunker betrieben hatte - seinen ersten Cyberbunker. Tat er das gleiche nun an der Mosel?

Man ging davon aus, dass das Rechenzentrum Hoster für illegale Websites und Plattformen im Darknet war - also die Infrastruktur hinter Websites bereitstellte, über die zum Beispiel international Drogen, Waffen oder geklaute Daten vertrieben wurden. Im Internet warb Cyberbunker sogar offen damit, ein Bulletproof Hoster - also ein kugelsicherer Hoster zu sein. "Wir hosten alles außer Kinderpornografie und Terrorismus", war auf der Seite zu lesen.

Ermittlungen

2015 begannen die Landeszentralstelle Cybercrime (LZC) der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz und das LKA offiziell mit den Ermittlungen. Dafür mussten die Beamten einen Weg finden, an die mutmaßlichen Täter heranzukommen und hinter die Bunkerwände gucken zu können. Mitarbeiter wurden über Monate observiert, wenn sie das Areal verließen. Telefone wurden angezapft, doch in den Gesprächen, die die Beamten mithörten, wurden Codewörter benutzt. Man wusste auf Mont Royal offenbar, dass man beobachtet wurde. Mehr als zwei Jahre kamen die Ermittler nicht recht vom Fleck.

Dann bekam die Staatsanwaltschaft die Erlaubnis, die Bunkerserver von außen anzuzapfen. Auch wurde ein Polizist eingeschleust, der sich als Hilfsarbeiter ausgab.

Ziel der Ermittlungen war es, Beweise dafür zu finden, dass die Beteiligten sich im Klaren darüber waren, dass sie ihre Dienste illegalen Plattformen bereitstellten und diese willentlich unterstützten. Denn nur so machten sie sich strafbar. Im Fokus standen 13 Tatverdächtige - Herman X. und sein Bunkerteam.

"Es war sehr aufwendig, nachzuweisen, dass die Betreiber Kenntnis von den Machenschaften ihrer Kunden hatten", heißt es von der LZC. Unter anderem anhand von Chats könne man aber belegen, dass die kriminelle Vereinigung von den Vorgängen wusste und diese durch die Bereitstellung der Server "maßgeblich unterstützt und gefördert" habe.

Es stellte sich zum Beispiel heraus, dass führende Plattformen für Drogenhandel im Darknet Serverkapazitäten aus Traben-Trarbach nutzten: Zum Beispiel "Wall Street Market" - der seinerzeit zweitgrößte Online-Drogenmarkt der Welt, mit einer Million Nutzern und einem Umsatz von geschätzt mehr als 41 Millionen Euro. Außerdem wurde das Rechenzentrum auf Mont Royal in Zusammenhang mit einem Hackerangriff auf Router der Telekom im Novemer 2016 gebracht.

Die Razzia

Nachdem eine Vielzahl an belastendem Material über die Vorgänge im Bunker gesammelt war, planten die Ermittler den Zuschlag - unter strengster Geheimhaltung. Den genauen Ort und Grund der Razzia wussten im Vorfeld nur wenige. Aus ganz Deutschland wurden Polizisten angefordert, sogar von der Spezialeinheit der Bundespolizei GSG 9. Schließlich sah man sich vor der Aufgabe, in einen nach Bundeswehrstandards gesicherten Bunker einzudringen.

Am Donnerstag, dem 26. September 2019, war es so weit. Seit Mai war der Einsatz vorbereitet worden. Um zu verhindern, dass die Tatverdächtigen sich im Bunker verschanzen und Daten löschen können, wollte man sie zuerst herauslocken. Der eingeschleuste Beamte lud die Mitarbeiter deshalb in ein Restaurant in Traben-Trarbach ein. Dort wurden sie von als Gästen getarnten Einsatzkräften erwartet. Weitere stürmten schließlich das Restaurant. Zuvor war das Handynetz lahmgelegt worden, sodass die Verdächtigen keine Warnungen nach außen abgeben konnten.

Oben auf dem Mont Royal verschafften die Polizisten sich Zugang zum Bunker - und das schneller als gedacht: Die Bunkertür war lediglich mit einem Vorhängeschloss gesichert. Rund 400 Server wurden sichergestellt - mit über zwei Millionen Gigabyte gespeicherten Daten. Am Ende des Einsatzes standen die Festnahmen von einer Frau und sechs Männern, darunter auch des Hauptverdächtigen Herman X. Eine der Personen wurde in Schwalbach in Hessen festgenommen, die anderen in Traben-Trarbach. Nach Angaben der Polizei war der Einsatz die größte je in Deutschland durchgeführte Aktion gegen Cyberkriminalität.

Die Anklage

Nach der Razzia blieben die Ermittler noch Monate auf Mont Royal. In eigens aufgebauten Containern werteten sie Material aus. Rund zehn Wochen nach dem Auffliegen des kriminellen Rechenzentrums teilte die Generalstaatsanwaltschaft mit, dass sich der Verdacht gegen die Beschuldigten bestätigt habe.

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Die Ermittlungen könnten bei einigen Diensten belegen, dass ein Teil der Bunker-Leute von den illegalen Seiten auf ihren Servern wusste. Auch habe die Untersuchung der Serverinhalte keine Hinweise auf legale Kunden des Rechenzentrums ergeben. Oder andersherum: Ausnahmslos alle Plattformen und Seiten, die die Server des Rechenzentrums nutzten, waren illegal. Auch wurden Verbindungen zur rechtsextremen "Identitären Bewegung" gefunden, an die ein Cloudserver vermietet wurde.

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