Wolfgang Hilsamer, Bruder einer Frau, die bei der Amokfahrt ums Leben kam (Foto: SWR)

Auftakt zum Mord-Verfahren

Angehöriger wartet auf Prozess zur Amokfahrt in Trier

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Am 19. August beginnt vor dem Landgericht Trier der Prozess zur Amokfahrt. Fünf Menschen kamen dabei ums Leben. Ein Angehöriger hofft, dass die Frage nach dem WARUM geklärt wird.

Der 1. Dezember 2020 - für viele Menschen in Trier ein Einschnitt. Die Amokfahrt. Wolfgang Hilsemer hat dabei seine Schwester verloren. Ursula - er nennt sie Uli - sei eine sehr aktive, unternehmungslustige Frau gewesen. Sein Schwager wurde bei der Tat schwer verletzt. Lag monatelang im Krankenhaus. Aber er habe sich ins Leben zurückgekämpft. Das bewundere er an ihm.

"Es ist für mich wichtig, darüber zu sprechen"

Wolfgang Hilsemer selbst verwendet das Wort "Amokfahrt" nicht. Er spricht vom "Unfall". Und er möchte selbst nicht im Mittelpunkt stehen. Es helfe ihm aber, darüber zu reden. Er sagt dazu, er wolle sich auf keinen Fall wichtig machen. Später erzählt er, dass er seit dem Tod seiner Schwester Schlafprobleme habe. Es sei sehr hart, jemanden auf diese Weise zu verlieren. Anders als durch eine Krankheit.

1. Dezember 2020

Er habe an dem Tag gerade seine Tochter besucht. Auf dem Handy habe er von einem "Terroranschlag in Trier" gelesen. In der Innenstadt. Habe später von den Toten und Schwerverletzten erfahren. Es sei ihm zunächst nicht aufgefallen, dass seine Schwester Uli und ihr Mann gar nicht wie sonst in den Gruppenchat geschrieben haben. Seine älteste Schwester habe ihn Stunden später angerufen. "Uli ist tot". Zuerst habe er überhaupt nicht realisieren können, was passiert war.

Chaos nach der Amokfahrt

Danach sei es schwierig gewesen, an Informationen zu kommen. Tagelang habe er noch nicht einmal erfahren können, wo seine Schwester umkam. Seine Familie habe auch erst nach einiger Zeit herausfinden können, in welchem Krankenhaus der Schwager liege. Er verstehe aber, dass nach der Amokfahrt erst einmal Chaos herrschte. Doch quäle ihn bis heute, nichts genaues zu wissen. Über den Ablauf.

"Wünsche mir, dass der Spuk vorbei ist"

Zum Todesfahrer sagt er, dass er ihn nicht hasse. Er habe kein Gefühl für ihn. Er wüsste einfach nur gern, warum er das gemacht habe. Er würde gerne hören, was er sagt. Aber der Mann schweige ja. Das sei für ihn grausam. Daher hoffe er, dass der Prozess seine Fragen klären kann.

Wolfgang Hilsemer sagt, er könne die Trierer Innenstadt besuchen. Manche Angehörige meiden die Fußgängerzone seit der Amokfahrt. Aber wenn er dorthin gehe - denke er natürlich: "Da wurde meine Schwester ermordet. Mein Schwager schwer verletzt." Und er erinnere sich auch an die anderen Menschen, die dort umkamen. Trier sei in den Tagen danach wie eine Familie geworden. Viele hätten teilgenommen an der Trauer. Er sei von vielen angesprochen worden. Auch die Anteilnahme, die viele mit Kerzen, Blumen und Bildern ausdrückten, habe ihm geholfen. Trier sei zusammengerückt. Bei allem Schlimmen sei das gut für ihn gewesen.

Austausch mit anderen Angehörigen

Seiner Schwester Uli gedenken er und seine Verwandten zu verschiedenen Momenten. Schweigeminuten haben sie eingelegt. Er hofft, dass seine Familie irgendwann einmal wieder feiern kann. Und dass sie zusammen nicht nur trauern, sondern auch wieder zusammen lachen könnten. Und er hofft, dass er bald auch mit anderen Betroffenen sprechen kann. Denn das Reden darüber helfe ihm.

Trier

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