Sanitäter kümmerten sich in der Trierer Fußgängerzone um die Opfer der Amokfahrt (Foto: SWR)

Ex-Soldat leistet Erste Hilfe

Geschäftsmann war am Tag der Amokfahrt in Trier zur Stelle

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Der Geschäftsmann Martin Kapell sah den Amokwagen vor seinem Laden vorbeirasen und Menschen durch die Luft fliegen. Kurz danach leistete er Verletzten Erste Hilfe, wie er es als ehemaliger Bundeswehr-Pilot gelernt hat. 

Am ersten Dezember letzten Jahres bereitete Martin Kapell in seinem Laden in der Trierer Innenstadt das Weihnachtsgeschäft vor. Es war verregnet und nicht viel los in der Stadt, so der Geschäftsmann.  

Am Nachmittag rast ein Geländewagen unter den Augen von Martin Kapell an seiner Ladentür vorbei. Er sieht, wie Menschen durch die Luft fliegen. 

"Der erste Gedanke war: ein Anschlag. Und die Frage: Kommt noch mehr oder war es das? Das weiß man ja in dem Moment nicht."

Der Geschäftsmann Martin Kapell in seinem Laden in der Trierer Fußgängerzone. (Foto: SWR)
Der Geschäftsmann Martin Kapell in seinem Laden in der Trierer Fußgängerzone.

Danach folgte er den Schritten, die er in seinen 22 Jahren als Pilot bei der Bundeswehr mehrmals geübt hatte. Er brachte sein Personal, die Kunden und sich in Sicherheit, verriegelte die Tür und verschaffte sich einen Überblick über die Situation. 

Kapell zögert nicht zu helfen

Als er dann die Schreie eines Verletzten in der Straße hörte, zögerte er nicht lange und leistete Erste Hilfe. Um drei Personen kümmerte er sich. Eine Dame wurde vom Wagen gestreift, stand unter Schock und war nicht ansprechbar. Er bat Verkäufer eines benachbarten Geschäftes um einen Stuhl und Decken. Ihnen sagte er außerdem, dass sie bei der verletzten Dame bleiben sollten.

Ein älterer Mann lag schwer verletzt an einer Wand gelehnt. Sein Arm war mehrere Male gebrochen, er konnte seine Beine nicht bewegen und blutete aus Mund, Nase und Ohren. 

"Da kann man nicht viel tun, das sind innere Verletzungen. Ich habe die aus dem Nachbarladen gebeten, Mullbinden zu holen, damit wir die Blutungen ein bisschen stoppen können. Wir haben ihm Decken gegeben, mit ihm geredet und versucht, dass er ruhig bleibt."

Die Frau des verletzten Mannes lag bewusstlos rund sechzig Meter weiter auf der Straße. Ein Arzt aus der Umgebung versuchte ihr zu helfen, doch sie verstarb kurze Zeit danach. 

Erfahrung durch die Bundeswehr 

Die Erste Hilfe-Ausbildung und seine Einsätze in Afghanistan haben Martin Kapell sehr geholfen, mit der Amokfahrt und den Monaten danach umzugehen. "Solche Situationen gehören bei der Bundeswehr gedanklich zum Alltag. Ich war auch fünf Mal in Afghanistan, daher hat man dieses Szenario schon im Kopf, es ist kein totaler Schock."  

In seiner Zeit als Pilot kam es nie zum Ernstfall. Das erworbene Wissen war erst mal nur Theorie. Trotzdem gelang es Martin Kapell, ruhig mit dem Erlebten umzugehen.

Menschen wollen reden 

Direkt am Tag nach der Amokfahrt ist Mark Kapell wieder in seinem Laden. In Ruhe dort zu stehen, habe ihm geholfen, das Erlebte zu verarbeiten. An dem Tag hat er auch mit den umliegenden Angestellten das Gespräch gesucht. Mit jemandem zu reden, der das Gleiche erlebt hatte, war sehr hilfreich. Doch einfach wieder über den Hauptmarkt an den Gedenkstätten und Kerzen vorbeizulaufen, war ihm zu viel. 

"Die ersten Wochen, wenn ich durch die Fußgängerzone gegangen bin, bin ich immer am Rand entlang, nicht mehr in der Mitte. Man hat ganz unbewusst direkt mögliche Fluchtmöglichkeiten ins Auge gefasst." 

Kapell wünscht sich, dass der Täter bestraft wird 

Dass man seine Probleme so an Unschuldigen auslässt, ist für Kapell nicht nachvollziehbar. Er wünscht sich, dass der Täter bestraft wird für das, was er getan hat. Der Prozess sei sehr wichtig für alle Betroffenen, um dieses Kapitel abschließen zu können.  

"Ich hoffe, dass er nie wieder rauskommt, ob ins Gefängnis oder eine Anstalt ist mir da egal." 

Er vertraut in die Justiz, auch wenn er nicht so richtig weiß, was denn eine gerechte Strafe für so eine Tat sein könnte. 

Eines werde es sicher niemals vergessen: Die Schreie. Solche Schreie höre man sonst nicht. Es reiche, dass ein paar Jugendliche durch die Fußgängerzone laufen, sich necken und dabei schreien, dann zucke er sofort zusammen. Auch den Geschäftsleuten in seiner Nachbarschaft und ihren Angestellten würde es so gehen. 

Martin Kapell akzeptiert Gefahren

Und doch bleibt der Geschäftsmann Martin Kapell gelassen: "Man muss es akzeptieren, wie es ist. Im Leben gibt es Gefahren gegen die können wir uns nicht ständig wappnen und dann bringt es auch nichts, sich deswegen verrückt zu machen." 

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