Dr. Friedl Schulz war als einer der ersten bei den Opfern der Amokfahrt in Trier und hat Erste Hilfe geleistet. (Foto: SWR)

Vor Beginn des Mord-Prozesses

Ersthelfer bei Amokfahrt in Trier sieht immer noch Bilder des Tatorts

STAND

Der Trierer Arzt Friedl Schulz war als einer der ersten am Hauptmarkt nach der Amokfahrt. Was er dort sah, wird er nicht vergessen.

Friedl Schulz war zum Zeitpunkt der Amokfahrt in der Sprechstunde. Plötzlich habe er laute Schreie vor seinem Fenster gehört. Er öffnet ein Fenster in seiner Praxis - sie liegt direkt am Hauptmarkt. Er blickt auf Trümmerteile, erkennt, dass Menschen auf dem Boden liegen. Zusammen mit einer seiner Mitarbeiterinnen rennt er die Treppe herunter und will helfen.

Doch das sei schwierig gewesen. Im ersten Moment sei nicht klar gewesen, welche Verletzungen die Menschen gehabt hätten. Er habe wahrgenommen, dass dort Menschen schon im Sterben lagen. Er kann sich auch erinnern, dass seine Mitarbeiterin versuchte, eine Frau wiederzubeleben. Aber sie habe ihr nicht mehr helfen können. Er habe ein Baby retten wollen, habe aber nichts mehr machen können. Dieses Gefühl der Machtlosigkeit könne er nicht vergessen. Und die vielen verzweifelten und traumatisierten Menschen.

Mögliche Gefahren ausgeblendet

Im ersten Moment sei er sich auch keiner Gefahr bewusst gewesen. Er habe einfach nur versucht, Menschenleben zu retten. Nach wenigen Minuten sei Wolfram Leibe, Triers Oberbürgermeister vor Ort gewesen. Das habe ihn beeindruckt. Jemand habe den Oberbürgermeister beiseite genommen mit dem Hinweis, dass es sich möglicherweise um einen Terroranschlag handele. Erst da habe Friedl Schulz realisiert, dass die Lage noch völlig unklar war.

Viele Menschen wollen helfen

Immer mehr Leute seien dazugekommen und hätten Erste Hilfe geleistet. Einige hätten sofort ihre Mäntel und Jacken ausgezogen und Verletzten gegeben oder die Toten damit bedeckt. Er habe gesehen, dass Helfer eine Verletzte auf einen Brunnen setzten und sie umsorgten.

Hilfe von Seelsorgern

Die Situation in der Fußgängerzone sei für ihn sehr unwirklich gewesen. Am Abend hätte er mit seinen Mitarbeiterinnen noch darüber gesprochen. Am Tag darauf - bei der Trauerfeier der Stadt an der Porta Nigra habe er zum ersten Mal weinen können. Da habe sich die ganze Anspannung gelöst. Nach drei Tagen hätte er Hilfe bei einem Seelsorger gesucht.

Umgang mit der Trauer

Friedl Schulz sagt, dass er an den Tagen nach dem Amoklauf bewusst die Gedenkorte in der Innenstadt aufgesucht habe. Dafür sei er Umwege gelaufen. Vor der Arbeit sei er an den Stellen vorbeigegangen, an denen Kerzen, Blumen und Stofftiere lagen. Dort habe er innegehalten. Die Stadt sei sehr still gewesen in den ersten Tagen nach dem Amoklauf.

Genugtuung für die Angehörigen

Vom Prozess hofft er, dass die Beteiligten etwas über die näheren Umstände erfahren. Ihn treibt die Frage um - Wie kann man so etwas machen? Hätte man die Amokfahrt verhindern können? Er gehe davon aus, dass der mutmaßliche Amokfahrer so verurteilt wird, dass er nicht mehr unter Menschen komme.

In der Praxis von Friedl Schulz erinnern Fotos und Bilder an die Amokfahrt. Schulz war dort Ersthelfer (Foto: SWR)
In der Praxis von Friedl Schulz erinnern Fotos und Bilder an die Amokfahrt. Schulz war dort Ersthelfer

Ersthelfer wünscht sich Gedenkort in der Stadt

Er sagt, eine Erinnerungsstätte müsse es unbedingt geben. Er könne sich einen Gedenkstein an der Porta Nigra oder am Hauptmarkt vorstellen. Oder eine Tafel. Auch für ihn persönlich, so sagt er, wäre eine dauerhafte Gedenkstätte in der Stadt wichtig. Aber er gehe davon aus, dass es bald einen Gedenkort geben werde.

Trier

Auftakt zum Mord-Verfahren Angehöriger wartet auf Prozess zur Amokfahrt in Trier

Am 19. August beginnt vor dem Landgericht Trier der Prozess zur Amokfahrt. Fünf Menschen kamen dabei ums Leben. Ein Angehöriger hofft, dass die Frage nach dem WARUM geklärt wird.  mehr...

Trier

Trierer rücken zusammen So hat sich Trier durch die Amokfahrt verändert

Mit Solidarität und Empathie stehen die Trierer nach der Amokfahrt gegen das Unfassbare auf. Hier erzählen sie, wie sie ihre Stadt nach diesem dunklen Tag erlebt haben.  mehr...

STAND
AUTOR/IN
SWR