Der mutmaßliche Amokfahrer von Trier muss sich in einem Verfahren vor dem Trierer Landgericht verantworten. (Foto: SWR)

Zeugen sagen im Prozess vor dem Landgericht Trier aus

Der Trierer Amokfahrer "fuhr Leute um als wär das nichts"

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Vor dem Landgericht Trier haben Zeugen der Trierer Amokfahrt - darunter ein Straßenreniger - am Mittwoch geschildert, wie der Geländewagen in die Fußgängerzone einbog und beschleunigte.

Für den 63-jährigen Zeugen ist seine Aussage vor Gericht eine Belastung. Mehr als ein Jahr nach der Amokfahrt kommt alles mit großer Wucht wieder hoch. Mit bebender Stimme berichtet der Mann, dass er an jenem 1. Dezember 2020 einen Mülleimer am Rande der Fußgängerzone leerte.

Sanitäter kümmerten sich in der Trierer Fußgängerzone um die Opfer der Amokfahrt (Foto: SWR)
Sanitäter kümmerten sich in der Trierer Fußgängerzone um die Opfer der Amokfahrt

"Da kam ein Auto die Konstantinstraße heruntergefahren und bog so schnell in die Fußgängerzone ein, dass der das SUV erst wieder einmal unter Kontrolle bringen musste", berichtet der Mann. Ob der Fahrer denn gebremst habe, möchte die Vorsitzende Richterin Petra Schmitz wissen. "Nein."

Der Fahrer habe auf das Gas getreten. "Ich rief noch hinterher 'Du Arschloch!', aber der fuhr im Zickzack die Leute um, als wär das nichts", schildert der Straßenreiniger seine Erlebnisse von damals, während eine Notfallseelsorgerin neben ihm am Zeugentisch sitzt.

Nebenkläger weint und verlässt den Gerichtssaal

Der Straßenreiniger beschreibt, wie er einer Frau zu Hilfe eilte, die von dem schweren Geländewagen umgefahren wurde. "Die Frau hatte nur noch einen schwachen Puls. Ich legte ihr meine Arbeitsjacke unter den Kopf und bat jemand bei ihr zu bleiben und bin dann losgelaufen, um Hilfe zu holen."

Bei diesen Worten hält es Wolfgang Hilsemer am Mittwoch nicht mehr auf seinem Stuhl. Er ist als Nebenkläger im Gerichtssal zugegen und hat schon einige Minuten leise geweint. Jetzt muss er rausgehen. Die Frau, der der Straßenreiniger helfen wollte, war seine Schwester Uli. Sie ist bei der Amokfahrt ums Leben gekommen.

Unter dem Nebenklägern ist auch Wolfgang Hilsemer, der infolge der Trierer Amokfahrt seine Schwester und seinen Schwager verlor.  (Foto: SWR)
Unter dem Nebenklägern ist auch Wolfgang Hilsemer, der infolge der Trierer Amokfahrt seine Schwester und seinen Schwager verlor.

100 Meter entfernt vom Straßenreiniger stand am 1. Dezember 2020 ein 31-jähriger Verkäufer am Tresen eines Fischrestaurants in der Brotstraße. Er wollte Kunden Brötchen zum Mitnehmen verkaufen. Dann raste der Geländewagen wenige Meter vor ihm vorbei.

Umgefahrene Frau war noch einen Moment ansprechbar

"Ich weiß nicht mehr genau, was ich sagte. Ich glaube, ich rief so etwas wie 'Hör auf damit!', dann wartete ich, weil ich Angst hatte. Als ich dann doch raus auf die Brotstraße ging, gab ich den Ersthelfern ein paar unserer Decken", so der Verkäufer. Die umgefahrene Frau - es ist die Schwester von Wolfgang Hilsemer - sei noch einen Moment ansprechbar gewesen.

Die Zeugen berichten vor Gericht übereinstimmend, dass sie sich an Details zum Fahrzeug nicht erinnern konnten. Auch nicht, wie viele Personen im Auto saßen oder wer der Fahrer war. "Das ging alles so unglaublich schnell", sagt der luxemburgische Polizei-Kommissar, der am Tag der Amokfahrt privat in Trier war und sich gerade ein Fischbrötchen kaufen wollte.

Zeugen: Amokfahrer beschleunigte Auto weiter

Immer wieder fragt die Vorsitzende Richterin, ob die Zeugen mal wahrgenommen hätten, ob der Wagen gebremst habe. Ob Bremslichter aufgeleuchtet hätten. Auch, wie der Wagen gefahren sei, ob geradeaus oder nicht. "Nein, der hat nach dem Zusammenstoß mit der Frau nochmal beschleunigt", sagen der Fischverkäufer und der Kommissar.

Die jüngste Zeugin, die an diesem Mittwoch vor Gericht aussagt, ist eine 13 Jahre alte Schülerin. Sie stand damals nahe dem Fischrestaurant und erlebte, wie Menschen umgefahren wurden. "Das Auto fuhr erst gerade aus und dann Kurven", sagt sie. Das Auto habe sie nicht gehört, aber die Schreie der Menschen.

Junge Schülerin flüchtete aus der Fußgängerzone

"Ich bin dann weggelaufen, weil ich Angst hatte. Ich habe mich an einer Bushaltestelle hingesetzt und bin von anderen angesprochen worden, was denn nur mit mir los sei", erzählt die Schülerin.

Eine ältere Frau sei dann mit ihr zu einem der Notärzte gegangen. Sie habe dann auch mit Seelsorgern gesprochen. Noch heute zucke sie zusammen, wenn sie laute Autogeräusche höre, sagt die Schülerin.

Angeklagter hört regungslos zu und schweigt

Wenige Meter entfernt von den Zeugen sitzt hinter dickem Panzerglas der mutmaßliche Amokfahrer von Trier, dem die Tat mit fünf Toten zur Last gelegt wird. Ein sechstes Opfer, der Mann von Wolfgang Hilsemers Schwester Uli, starb Monate nach der Tat.

Trat der Angeklagte in den ersten Sitzungen gebräunt und mit kahl rasiertem Schädel auf, wirkt er an diesem Mittwoch eher blass. Seine Haare hat er wachsen lassen. Ein dunkler Haarkranz ist zu erkennen, der Kopf ansonsten kahl.

Er wirkt älter als sonst. Wie in den übrigen Sitzungen zeigt er kaum eine Regung. Mal scheint er interessiert zuzuhören, dann lässt er den Kopf wieder nach unten hängen - und schweigt sich aus.

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