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Ob ein mehr als 200 Jahre alter Baum gefällt werden muss oder nicht - das erhitzt die Gemüter in Gerolstein. Die Stadt sucht nach einer Lösung, die alle zufrieden stellt.

Das Kyllufer vor dem Gerolsteiner Bahnhof wird derzeit umgebaut, um Hochwasserschutz und Naherholung miteinander zu verbinden. Das Projekt wird zu einem Großteil vom rheinland-pfälzischen Umweltministerium gefördert.

Stadtrat entscheidet: Die Linde muss weg

In den bisherigen Planungen der letzten Jahre war immer mit eingeschlossen, die große Linde in der Mitte des Bereichs neu einzufassen. Doch vergangene Woche hat der Stadtrat mit großer Mehrheit entschieden, dass die Linde gefällt wird.

Der Grund: Das zuständige Planungsbüro hatte festgestellt, dass die Wurzeln des alten Baumes mehr als acht Meter weit zu den Seiten hin wurzeln. Für die geplante Neugestaltung müssten die Wurzeln gekappt werden und das könnte die Gesundheit der Linde gefährden.

"Wir wollten finanziellen Schaden von der Kommune abwenden. Wenn Bakterien in den Baum dringen und er in zehn Jahren umfällt, können wir immer noch in Regress genommen werden."

Uwe Schneider, Stadtbürgermeister Gerolstein (SPD)

Unterschriftenaktion für den Erhalt der Linde

Tim Steen, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Stadtrat, hat gegen die Fällung des Baumes gestimmt. Er erinnert sich, dass sehr kurzfristig vor der Stadtratssitzung die Einladung zu einem Ortstermin gekommen sei. Dort sei der Stadtrat über den Stand der Dinge informiert worden und hätte so keine Gelegenheit gehabt, vor der Abstimmung eine dritte Meinung einzuholen.

"Es sieht so aus, als ob das eine Fehlplanung auf Seiten der Planer ist."

Tim Steen, Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat Gerolstein

Steen ist der Meinung, dass der gesunde Baum nicht gefällt werden dürfte und dass er es auch aushalten könnte, wenn die Wurzeln beschnitten würden. Der Nabu Kylleifel, der BUND Kreisverband Daun und der Ortsverband Kylltal von Bündnis 90/Die Grünen haben jetzt gemeinsam eine Unterschriftenaktion für den Erhalt der 230 Jahre alten Linde gestartet.

Protest in Gerolstein

Auch unter den Gerolsteinern formierte sich am Wochenende Widerstand in Form einer Demonstration und einer Mahnwache vor der Linde. Susanne Venz vom Nabu Kylleifel versteht nicht, warum die ganze Zeit mit der Linde geplant wurde und sie jetzt doch gefällt werden soll.

"Das hätte man wissen können. Die Linde ist ein Herzwurzler, die Wurzeln gehen also zur Seite und nach unten. Da hätte man sich vor zwei Jahren schon um die Sicherung des Baumes kümmern müssen."

Susanne Venz, Nabu Kylleifel

Sie kann sich außerdem vorstellen, dass schützenswerte Fledermäuse oder Käfer in der Linde nisten. Das müsse man überprüfen. Sinn der Neugestaltung des Kyllufers sei es gewesen, den Bereich ökologisch aufzuwerten. Das bekäme man nicht hin, indem man einen Baum fälle.

Die Gerolsteiner wollen, dass die Linde am Kyllufer vorm Bahnhof stehen bleibt.  (Foto: SWR)
Die Gerolsteiner wollen, dass die Linde am Kyllufer vorm Bahnhof stehen bleibt.

Planer: Linde stand immer zur Debatte

Was sagen die zuständigen Planer zu den Vorwürfen? Sebastian Reihsner vom Ingenieurbüro Reihsner in Wittlich sagte dem SWR, um die Linde habe es schon länger ein hin und her gegeben. Ursprünglich hätten sie ohne den Baum geplant, sollten ihn dann aber mit einbeziehen. Um die Kosten gering zu halten, hätte man 2016 mehrere Varianten mit der Stadt, dem Umweltministerium und der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord (SGD Nord) besprochen.

Daraufhin habe die Linde enger eingefriedet werden müssen, als ursprünglich geplant. Reihsner sagt, schon damals hätte sein Büro gewarnt, dass man die Linde wohl nicht erhalten kann. Ein Vorgutachten hätte aber bis zu 20.000 Euro gekostet. Deshalb habe man sich mit allen Beteiligten darauf verständigt, den Baubeginn abzuwarten. Denn dann werde ohnehin der Boden rund um die Linde aufgerissen und man könnte nach den Wurzeln schauen.

Dass die Wurzeln tatsächlich gekappt werden müssen, sei dann ungefähr eine Woche nach Baubeginn Mitte März aufgefallen. Reihsner hofft jetzt darauf, dass gemeinsam mit der Stadt, dem Ministerium und der SGD Nord eine Lösung gefunden wird, auch wenn dafür umgeplant werden müsse.

Stadtbürgermeister: Linde wird vorerst nicht gefällt

Bürgermeister Schneider hat fürs Erste untersagt, dass die Linde gefällt wird, sagte er dem SWR. Er verteidigt weiterhin die Entscheidung des Stadtrats, weil es keine Garantie gebe, dass der Baum auch mit abgeschnittenen Wurzeln gesund bleibt.

Ein naturkundliches Fachgutachten stehe momentan auch noch aus. Aber er habe bereits das Umweltministerium kontaktiert, um gemeinsam zu beraten, wie die Linde erhalten bleiben kann. "Wir werden alles dafür tun, dass der Baum nicht fällt," sagt Schneider.

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