2011 Mordfall Lolita Brieger Leiche gefunden (Foto: SWR)

10 Jahre nach dem Freispruch

Fall Lolita Brieger: Ein Prozess der in Erinnerung bleibt

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Eine junge Frau verschwindet, 29 Jahre später wird ihre Leiche auf einer Müllkippe im Kreis Euskirchen gefunden. Für das Gericht steht der Schuldige - der damalige Freund des Opfers - fest. Dennoch wird er freigesprochen.

Der Fall Lolita Brieger sorgt bei vielen bis heute für Kopfschütteln. Ein schwangeres 18-Jähriges Mädchen wird getötet, ihr damaliger Freund kommt fast 30 Jahre nach der Tat vor Gericht und seine Schuld steht sowohl für die Staatsanwaltschaft als auch für das Gericht fest. Dennoch verlässt er das Gericht ohne Verurteilung.

Eindeutige Beweise fehlten

Für den Tatbestand des Mordes fehlten damals nach Angaben der Richterin eindeutige Beweise. Weil aber Totschlag nach 20 Jahren verjährt, durfte der damals 51-jährige Landwirt aus dem Vulkaneifelkreis im Juni 2012 das Trierer Landgericht als freier Mann verlassen. Eric Samel ist heute Oberstaatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Trier. Er war damals der zuständige Staatsanwalt in dem Prozess.

SWR Aktuell: Herr Samel, wie erinnern Sie sich an den Prozess damals?

Eric Samel: Das ist schon eine Weile her. Ich habe den Prozess als sehr umfangreiches Indizienverfahren in Erinnerung. Gerade insbesondere aufgrund der Schwierigkeit, dass die Tat so lange zurücklag. Der Angeklagte hatte damals von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht, so dass sich die Beweisaufnahme sehr umfangreich damit auseinandersetzen musste, was damals tatsächlich passiert ist.

SWR Aktuell: Was war das Besondere an dem Verfahren?

Eric Samel: Ich denke, die wesentliche Besonderheit war, dass die Tat so lange zurücklag und es uns das natürlich schwierig gemacht hat, nach so langer Zeit Beweismittel entsprechend auch zu würdigen. Und ganz besonders schwierig ist es bei solchen Taten natürlich immer auch die Motivlage des Täters zu ergründen, wenn sie über ein Tatgeschehen sprechen, dass möglicherweise 30 Jahre oder länger zurückliegt.

SWR Aktuell: Können Sie den Freispruch, den das Gericht damals ausgesprochen hat, nachvollziehen?

Eric Samel: Die Anklage basierte damals auf dem hinreichenden Tatverdacht, dass wir davon ausgegangen sind, dass es ein Mord war mit den Mordmerkmalen der niedrigen Beweggründe und der Heimtücke. Das war das primäre Ermittlungsergebnis und das musste im Rahmen der Beweisaufnahme in der Hauptverhandlung auch nachgewiesen werden. Was dem Angeklagten nachgewiesen werden konnte, war die Tötungshandlung an Lolita Brieger, was ihm allerdings nicht nachgewiesen werden konnte in der Beweisaufnahme war, dass es sich um Mordmerkmale handelte.

"Da der Totschlag als Tötungsdelikt zu diesem Zeitpunkt verjährt war, war es letztlich auch eine logische Konsequenz, dass es zum Freispruch kam, weil der Totschlag zu diesem Zeitpunkt eben nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden konnte."

Oberstaatsanwalt Eric Samel bei der Staatsanwaltschaft Trier war im Lolita Prozess der zuständige Staatsanwalt (Foto: SWR)
Eric Samel war vor zehn Jahren im Prozess um den "Lolita Brieger"- Fall der zuständige Staatsanwalt.


SWR Aktuell: Wenn man einen Angeklagten sieht, dessen Schuld im Prinzip belegt ist, und er dann als freier Mann aus dem Gerichtssaal spaziert - ist das nicht frustrierend?

Eric Samel: Das ist eine schwierige Frage. Die Staatsanwaltschaft nimmt ja eine objektive Rolle ein. Wir sind eine Strafverfolgungsbehörde, die letztlich den staatlichen Strafanspruch durchsetzt, wir setzen einfach die Strafgesetze um. Aus strafrechtlicher Sicht ist das Urteil Stand des Gesetzes und dann muss man das auch objektiv so hinnehmen. Unabhängig davon denke ich aber, dass ein positives Ergebnis des Verfahrens darin besteht, dass die Ermittlungen dazu geführt haben, dass die Tat aufgeklärt worden ist.

"Das die Tat aufgeklärt wurde, hat ein Stück weit sicherlich auch einen sozialen Frieden hergestellt."

Auch vor dem Hintergrund, dass wir die Leiche von Lolita Brieger gefunden haben und einer Mutter, die sich all die Jahre gefragt hat, was aus ihrem Kind geworden ist, zumindest vom Sachverhalt her Aufklärung geben konnten und auch die Möglichkeit bieten konnten, ihre Tochter endlich ordentlich zu beerdigen.

SWR Aktuell: Können Sie nachvollziehen, dass viele Menschen damals mit Unverständnis auf das Urteil reagiert haben?

Das ist sicherlich nachvollziehbar, wenn man zugrunde legt, dass natürlich das Sühneempfinden der Menschen hier eine Rolle spielt, die gerne eine Bestrafung sehen wollen für derartige Straftaten. Aber der Gesetzgeber hat das Strafrecht so ausgestaltet. Es gibt Verjährungsfristen im Strafrecht. Nicht zuletzt dienen auch diese Verjährungsfristen ein Stück weit dem Rechtsfrieden, dass irgendwann mal ein Ende da ist.

SWR Aktuell: Ist der Fall "Lolita Brieger" etwas, dass Ihnen nachhaltig in Erinnerung bleibt?

Auf jeden Fall. Der Fall hat ja schon viele Besonderheiten, gerade eben im Hinblick darauf, dass er so alt ist, dass es einer der ältesten Cold-Case-Fälle ist, die wir haben. Auch vor dem Hintergrund, dass wir den Fall auch im Zusammenhang mit "Aktenzeichen XY" gute Erfolge erzielen konnten, gerade was auch den damaligen Mitwisser der Tat angeht, der ja dann auch eine Schlüsselrolle im Verfahren als Zeuge gespielt hat.

"Auch das gesamte persönliche Schicksal, dass hinter der Geschichte steht, das macht den Fall schon sehr besonders."

Für uns war das ja über viele Jahre hinweg ein ungelöstes Kapitalverbrechen mit vielen offenen Fragen. Insbesondere die Fragen, was ist mit Lolita Brieger passiert, wo sind die sterblichen Überreste, was ist die Geschichte dahinter? Und das konnten wir durch die Ermittlungen klären und damit das Verfahren auch erfolgreich abschließen.   

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