Studentin sitzt erschöpft vor Labtop (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Studium unter Corona

Studierenden in Rheinland-Pfalz geht die Luft aus

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Seit einem Jahr findet das Studium digital statt. Manche Studierende haben noch nie einen Hörsaal gesehen und kennen keinen ihrer Kommilitonen. Den Lehrenden geht es wenig besser. Ein Blick in die Arbeitszimmer.

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Acht Uhr morgens: Alina Voss fährt ihren PC hoch. Gleich beginnt das erste Online-Seminar für diesen Tag. Sie weiß schon, dass das bis in den Abend so weiter gehen wird. Die 21-Jährige studiert Internationales Bauingenieurwesen an der Hochschule Mainz. Gerade hat das zweite Semester begonnen.

Dozentin demonstriert Laborversuch digital (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Allein im Labor statt im vollen Hörsaal: Eine Dozentin hält eine digitale Vorlesung Picture Alliance

"Im Schnitt sind wir zwischen 70 und 90 Teilnehmer in einer Online-Veranstaltung", erzählt sie. "Die meisten haben ihre Kamera aus, weil sonst das Netz überlastet wäre, aber auch weil man nicht dauernd gesehen werden will." Alina Voss kennt ihr Kommilitonen nicht mal vom Sehen und zu Wort melden sich auch die wenigsten.

Vereinsamung ist großes Problem

"Ich hab das Glück, dass es bei meiner Einführung an die Hochschule vergangenen Oktober noch ein paar Veranstaltungen zum Kennenlernen gab. Die drei Kontakte von damals helfen mir jetzt, das auszuhalten", sagt sie. Lehrvideos und Online-Seminare - so ist der Tag von Alina getaktet.

Keine Plauderei zwischen zwei Seminaren, kein gemeinsames Lernen in der Bibliothek. Vom Ausgehen am Abend und all den verpassten Freundschaften will sie gar nicht reden.

Studierende in Rheinland-Pfalz beginnen zu resignieren

"Bei den Studis ist die Luft raus", stellt Dr. Manuel Seeger, Dozent an der Universität Trier, fest. Es sei schwieriger als im ersten Lockdown, die Studierenden zu motivieren. Seeger lehrt physische Geografie und ist Fachstudienberater. Die technischen Voraussetzungen seien inzwischen gut, sagt er. An der Uni Trier benutze man die Plattform Zoom für Lehrveranstaltungen, dies funktioniere ganz zuverlässig.

Student verfolgt auf Labtop-Bildschirm Vorlesung (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Allein vor dem Laptop: Studierendenalltag in der Pandemie Picture Alliance

Schwierig sei die Kommunikation mit den Studentinnen und Studenten. "Das kostet unglaublich viel Zeit", erzählt Seeger. "Was man sonst persönlich vor dem Seminarraum besprechen konnte, daraus sind jetzt zahllose digitale Sprechstunden geworden. Ich hab viel mehr Sprechstunden als vor Corona." Durch die Pandemie sei der Arbeitsaufwand 50 Prozent größer geworden, klagt er. Auch weil es so viel zu organisieren gebe.

Auch nach einem Jahr Corona: Schwierigkeiten in allen Bereichen

Der Campusbeauftragte der Universität Koblenz-Landau, Professor Norbert Wenning, stellt fest: Auch nach einem Jahr Pandemie-Betrieb gibt es noch in praktisch allen Bereichen Schwierigkeiten. Die Universität Koblenz-Landau hat ein Gremium eingerichtet, in dem sich Studierende, die Hochschulleitung am jeweiligen Standort und die Studierenden-Sekretariate austauschen.

Vieles sei ungeklärt, kritisiert Wenning. "Schwimmen steht zum Beispiel im Studienplan, aber die Schwimmbäder sind geschlossen. Wie sollen die Studierenden üben und wie sollen die vorgeschriebenen Prüfungen abgenommen werden?" Darauf habe das rheinland-pfälzische Bildungsministerium noch keine Antwort gegeben.

Die Perspektivlosigkeit mache den Studierenden zu schaffen, erklärt Doris Chakraborty, an der Uni Koblenz-Landau zuständig für die psychologische Beratung am Campus Landau. Viele kämen zu ihr, weil sie mehrfach durch Prüfungen gefallen seien oder große finanzielle Schwierigkeiten hätten. Einsamkeit oder Angst um die Eltern und Großeltern seien Themen in den Gesprächen. Und es werde mit jedem Monat schlimmer.

Wurden die Hochschulen in der Pandemie vergessen ?

84 Studierende hätten 2020 bei ihr Hilfe gesucht, nur noch halb so viele wie im Jahr davor. Kein Wunder, die Beratungsstelle war ja auch lange Zeit nur telefonisch zu erreichen. Erst seit ein paar Monaten sind persönliche Treffen mit Lüften und Maske möglich. Die Situation der Studierenden sei verheerend. Sie müssten wie Krankenhaus-Personal und Erzieher priorisiert geimpft werden, fordert Chakraborty, und an den Universitäten und Hochschulen müsse es kostenlose Schnelltests geben. Das fordert auch der Campusbeauftragte Wenning.

Wie viele in diesem Jahr mit Corona ihr Studium abbrechen, weiß man noch nicht. Die abschließenden Daten liegen noch nicht vor. Alina Voss hat eine schwierige Matheprüfung ins nächste Semester verschoben. Sie hofft, dass der Lockdown dann vorbei ist und sie sich mit Unterstützung von Dozenten und Kommilitonen besser darauf vorbereiten kann.  

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