Sozialpsychologin Eva Walther (Foto: privat/Eva Walther)

Interview mit Trierer Sozialpsychologin

Sozialpsychologin Walther: "Impfgegner bekommen zu viel mediale Aufmerksamkeit"

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Wer sich nicht impfen lassen will, muss Corona-Tests selbst bezahlen - und mancherorts gilt sogar die 2G-Regel. Führt das zu einer Spaltung der Gesellschaft? Wir fragen die Trierer Sozialpsychologin Eva Walther.

SWR Aktuell: Ein Student der TH Bingen fühlt sich durch die aktuellen Corona-Bestimmungen benachteiligt und hat Rechtsmittel dagegen eingelegt. Ist dieser Fall für Sie Ausdruck der aktuellen Situation?

Eva Walther: Um die allgemeine Situation zu betrachten, ist es zielführender, zu schauen, wie sich die Zahl der Impfwilligen entwickelt hat. Und wenn man sich das anschaut, sieht man, dass die Zahl binnen eines Jahres von unter 50 auf über 80 Prozent hochgestiegen ist.

"Es sind eben nicht zwei gleich große Teile in der Gesellschaft, die sich da gegenüberstehen."

Repräsentativer für ein Gesamtbild ist es also, zu schauen, was die Mehrheit einer Gesellschaft macht. Und die Mehrheit lässt sich impfen. Und es gibt eine kleine Gruppe, die sich nicht impfen lassen will, obwohl sie es vielleicht könnte. Deshalb würde ich nicht von einer Spaltung der Gesellschaft sprechen. Denn es sind eben nicht zwei gleich große Teile in der Gesellschaft, die sich da gegenüberstehen.

SWR Aktuell: Sind Sie der Meinung, dieser Minderheit wird zu viel Beachtung geschenkt? 

Walther: Ja, ich glaube, ein Teilproblem liegt darin, sich auf diese kleine Gruppe auch medial zu stürzen und zu sagen: Ja, das sind die Problemleute. Man könnte es ja auch ganz genau von der anderen Seite aufziehen und sagen: Schaut mal, eigentlich ist die Corona-Impfung eine riesige Erfolgsgeschichte. Obwohl viele Leute anfangs skeptisch waren, sind fast alle Leute mittlerweile geimpft. Und es gibt eine Minderheit, die sich nicht impfen lassen will. Das wäre eine deutlich andere Erzählung, als die wenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, in den Mittelpunkt medialer Berichterstattung zu stellen. Denn das ist genau die Aufmerksamkeit, die diese Leute häufig suchen und die sie auch bestärkt. 

SWR Aktuell: Wird diese Minderheit nicht automatisch in den Mittelpunkt gerückt, wenn man über neue Corona-Vorschriften berichtet, wie etwa: Corona-Tests sind künftig nicht mehr für alle kostenlos? 

Walther: Die Kommunikationsstrategie der Politik ist an dieser Stelle etwas unausgewogen. Was mir fehlt, sind die Erfolgsgeschichten und auch die Geschichten der vielen, vielen Leute, die geimpft sind oder von Leuten, die erst dagegen waren und sich dann doch haben impfen lassen. Diese Geschichten sollten ins Zentrum gerückt werden. Solange wir noch keine Herdenimmunität haben, stellen diejenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, aber ein Problem dar, auf das die Politik reagieren muss. Die Frage ist aber, wie gehen wir mit dieser Gruppe um.

SWR Aktuell: Wird diese Minderheit, wenn man sie ignoriert, nicht noch mehr ins Abseits gedrängt? Besteht da nicht die Gefahr, dass sich diese Gruppe immer mehr abschottet?

Walther: Ich habe auch nicht gesagt, dass man sie ignorieren soll, aber so wie wir es jetzt machen, ist es eine Art mediale Belohnung für deren Verhalten.  

SWR Aktuell: Was müsste die Politik besser machen? 

Walther: Aus psychologischer Sicht würde ich empfehlen, erstmal den Druck rauszunehmen. Also mit positiven Anreizen die Menschen für Corona-Impfungen gewinnen. Dann ist es wichtig, dass Menschen, die Vertrauen genießen - das können junge Influencerinnen und Influencer sein - von ihren Impferfahrungen erzählen. Als drittes müssen Fake News im Internet sehr streng gehandhabt und abgeschaltet werden. Es muss verhindert werden, dass solche Falschmeldungen über das Impfen verbreitet werden.

"Das Problem ist: Es gibt keine Sicherheiten. Wahrscheinlichkeiten sind keine Sicherheiten und der Mensch sucht Sicherheit." 

SWR Aktuell: Aber das Problem ist doch auch, dass es Influencer gibt, Schauspieler, Musikerinnen und Ärzte, die Zweifel säen? 

Walther: Ja, das ist richtig. Da muss man sehr genau hinschauen. Aber ich würde doch nicht einer kleinen Gruppe von Schauspielern oder Ärzten, die eine absolute Minoritäts-Meinung vertreten, meine Gesundheit anvertrauen. Das Problem ist: Es gibt keine Sicherheiten. Wahrscheinlichkeiten sind keine Sicherheiten und der Mensch sucht Sicherheit. Um diese Unterschiede zu kommunizieren und auch in der Gesellschaft aufzufangen, da fehlt die Kommunikationsstrategie.

SWR Aktuell: Sowohl Impfbefürworter als auch Impfgegner fordern von der Gegenseite mehr Solidarität ein. Sehen Sie das gerechtfertigt?

Walther: Der Begriff Solidarität ist hier meiner Ansicht nach völlig fehl am Platz. Denn Solidarität bringt man ja jemandem entgegen, der in einer Notlage ist. Und die kann ich nun bei der Gruppe der Impfgegner wirklich nicht erkennen. Allenfalls bei der älteren Generation, die durch das Coronavirus besonders gefährdet ist. Wenn jetzt Impfgegner den Begriff Solidarität kapern, ist das eine missbräuchliche Verwendung des Begriffs Solidarität. Damit soll das eigene Verhalten moralisch legitimiert werden. Gleichwohl sollte die Politik versuchen, Menschen, die Corona-Impfungen kritisch sehen, zu erreichen, zum Beispiel durch Belohnungen oder eine andere Kommunikationsstrategie, wie ich sie skizziert habe.

SWR Aktuell: Impfgegnerinnen und Impfgegner berufen sich auch auf ihre Freiheitsrechte. Sehen sie die tatsächlich beschnitten?

Walther: Freiheit ist, wenn man geimpft ist und wieder ins Konzert gehen kann (lacht). Ja, über diesen Freiheitsbegriff kann man sehr kritisch reflektieren. Impfgegner sind, in meinen Augen, ja sehr unfrei in ihrer Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen. Denn sie sind abhängig von ihrer winzig kleinen Kommunikationsgruppe, die ihr immer wieder erzählt, wie gefährlich impfen ist. Das ist eine schwere Form von Abhängigkeit. Sie werden dabei von politischen Gruppen manipuliert, die sich die Unsicherheit in der Corona-Pandemie für ihre Ziele zunutze gemacht haben.

SWR Aktuell: Der Streit um Corona-Impfungen belastet einen auch im Freundes- und Familienkreis. Wie kann man weiter im Gespräch bleiben?

Walther: Man kann ja auch mal über andere Themen sprechen und die Gemeinsamkeiten, die es ja immer noch gibt, betonen.

Das Interview führte SWR Aktuell Redakteurin Jeanette Schindler.

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