Sommerzeit: Uhren werden um zwei Uhr nachts eine Stunde vor gestellt. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Helmut Fohringer)

Umstellung auf Sommerzeit 2022

Uhren wurden in der Nacht vor gedreht - so "tickt" RLP dazu

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In Deutschland gilt jetzt wieder die Sommerzeit. In der Nacht auf Sonntag wurden die Uhren eine Stunde vor gestellt. Für viele Rheinland-Pfälzer und Rheinland-Pfälzerinnen kein Grund zur Freude.

Denn umstellen auf Sommerzeit heißt, uns wird eine Stunde weggenommen. Heute Nacht wurden die Uhren um zwei Uhr eine Stunde vorgestellt, direkt auf drei Uhr.

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Viele Menschen finden das unnötig. Das zeigt sich auch in der neuen Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag der Krankenkasse DAK. Demnach ist die Ablehnung der Sommerzeit im Südwesten (Rheinland-Pfalz, Hessen und Saarland) mit 79 Prozent bundesweit am höchsten. Nur 16 Prozent der Befragten halten die Umstellung noch für sinnvoll, der Rest antwortete mit "weiß nicht". (Befragt wurden bundesweit 1.001 Menschen zwischen dem 1. und 4. März 2022.)

Viele fühlen sich laut Umfrage gesundheitlich belastet

Für Rheinland-Pfalz, Hessen und das Saarland gaben 26 Prozent der Befragten an, schon einmal gesundheitliche Probleme durch die Umstellung gehabt zu haben. Sie waren müde und schlapp, konnten nicht einschlafen oder waren unkonzentriert. Die große Mehrheit im Südwesten, nämlich 74 Prozent, hatte demnach aber bisher keine Umstellungs-Probleme. Frauen sind laut Umfrage häufiger gesundheitlich betroffen als Männer.

"Mehr kämpfen, um Schüler zu motivieren"

Unter der Zeitumstellung leiden oft diejenigen am meisten, die bereits Schlafprobleme haben oder deren Biorhythmus sich gerade verändert, wie zum Beispiel Kinder und Jugendliche. Bei manchen kann das laut Forschern bis hin zu einem schulischen Leistungsabfall führen. Lehrerin Christiane Herz sagt, in ihren Stunden sei es aber nicht so schlimm. Sie unterrichtet an der IGS in Nieder-Olm (Rheinhessen) und würde es begrüßen, wenn die Zeitumstellung abgeschafft würde.
Man merke schon, dass einige Schüler morgens müder seien und dann müsse "man mehr kämpfen, um sie zu motivieren". Nach ein paar Tagen gehe das aber wieder besser. Leider seien viele Schüler generell nicht ausgeschlafen, weil sie vermutlich bis in die Nacht hinein am Handy oder Computer seien.

Auch Kühe kommen durch Umstellung aus dem Rhythmus

Aber nicht nur wir Menschen tun uns schwer mit der Zeitumstellung und dem Schlaf, sondern auch Tiere. Theresa Scheu ist Tierärztin auf dem Hofgut Neumühle in Münchweiler, im Landkreis Südwestpfalz. Auch sie sagt, ohne die Zeitumstellung wäre es einfacher. Die Tierärztin betreut unter anderem 150 Milchkühe. So eine Zeitumstellung bringe auch Kühe aus dem Gleichgewicht, sagt sie.

Kühe sind Gewohnheitstiere. Für Kühe ist ein Tag gut, wenn immer alles gleich abläuft. Gegen 4:30 Uhr werden sie auf dem Hofgut das erste Mal am Tag gemolken. Durch die Zeitumstellung "kann es allerdings sein, dass man die ein oder andere Kuh wecken muss", so die Tierärztin.

Kühe geben weniger Milch bei Umstellung auf Sommerzeit

Wenn die innere Uhr der Tiere durcheinander gerät, kommt es vor, dass sie kurzfristig weniger Milch geben - etwa ein bis anderthalb Liter weniger als üblich. Denn Kühe produzieren vor allem nachts die mehrheitliche Menge Milch. Fehlt einer Kuh durch die Umstellung eine Stunde Zeit, die sie normalerweise in die Milchproduktion gesteckt hätte, wirds auch im Melkeimer oder der Melkmaschine am Ende ein klein bisschen weniger. Aber das falle letztlich nicht groß ins Gewicht, so Theresa Scheu.

Auf dem Hofgut beobachten die Mitarbeiter, dass die Zeitumstellung zum Winter eher noch problematischer ist als die zum Sommer. Dann müssen die Kühe nämlich unter Umständen länger warten, bis sie gemolken werden und das kann unangenehmer für die Tiere sein.

Viele Landwirte bereiten deshalb die Tiere auf die Umstellung vor, indem sie Tage zuvor jeweils ein viertel Stündchen früher (oder später, je nach Zeitumstellung) melken, wie Klaus-Peter Korst, Herdenmanager vom Hofgut, sagt. Am dritten Tag etwa sei man dann wieder im Rhythmus.

Auch Schlafforscher in RLP für Abschaffung der Zeitumstellung

Dr. Hans-Günter Weeß ist Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums am Pfalzklinikum Klingenmünster und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). Die Gesellschaft will die Behandlung von Patienten mit Schlafstörungen verbessern.

Weeß ist gegen eine Umstellung und plädiert für die dauerhafte Winterzeit. Er sagt, das sei die natürliche Zeit, die eher zum Menschen passe. So schön es auch sei, abends länger draußen zu sein, die Quittung komme am nächsten Morgen. Denn wenn es lange hell ist, werden wir nicht müde. Unser Schlafbotenstoff ist das Melatonin und das wird bei Helligkeit nicht produziert. Deshalb sei die dunklere Winterzeit die bessere Wahl, da kämen wir zu mehr Schlaf, so der Wissenschaftler.

"Arbeit und Schule beginnen sehr, sehr früh und wir kommen durch einen sowieso schon bestehenden Schlafmangel, bedingt durch das frühe Aufstehen, nochmal in einen zusätzlichen Schlafmangel."

Sommerzeit bedeutet laut Weeß zusätzlichen Schlafmangel

Hans-Günter Weeß sagt, wir seien generell eine unausgeschlafene Gesellschaft, eine Frühaufsteher-Gesellschaft. "Arbeit und Schule beginnen sehr, sehr früh und wir kommen durch einen sowieso schon bestehenden Schlafmangel - bedingt durch das frühe Aufstehen - nochmal in einen zusätzlichen Schlafmangel" aufgrund der Sommerzeit, so der Wissenschaftler.

Wissenschaftler: Schlafprobleme ernster nehmen

Er plädiert generell dafür, das Thema Schlaf aus wissenschaftlicher Perspektive ernster zu nehmen. "Auf deutschen Straßen oder Autobahnen sterben doppelt so viele Menschen infolge Müdigkeit, Sekundenschlaf am Steuer als infolge von Alkohol. Aber wir nehmen das einfach zur Kenntnis - wenn wir es überhaupt wissen. Für uns ist es schon ein stückweit normal, dass wir übermüdet sind und dass es schläfrigkeitsbedingte Unfälle gibt beispielsweise." Müdigkeit habe allerdings viele Ursachen, nicht nur die Zeitumstellung.

Hinweise auf mehr Klinikeinweisungen mit Herz-Kreislaufproblemen

Schlafmangel in chronischer Form hat gesundheitliche Konsequenzen, greift Psyche, Stoffwechsel und das Herz-Kreislauf-System an. Weeß zufolge gibt es Hinweise, dass es in der Woche nach einer Zeitumstellung zum Beispiel mehr Krankenhauseinweisungen aufgrund von Herz-Kreislauf-Problemen gibt.

So kommt man besser durch die Zeitumstellung

Der Tipp, um besser durch die Zeitumstellung zu kommen, laute, so Weeß, Tage zuvor in kleinen Intervallen früher ins Bett zu gehen. Man könne den Körper langsam auf die Veränderung einstellen. Generell empfiehlt er, wenig LED-Lampen und Blaulicht vor dem Schlafen.

Und für alle,die sich nicht merken können, wann die Uhr eine Stunde vor und wann sie zurück gestellt wird - eine kleine Eselsbrücke:
Im Sommer werden die Gartenmöbel vor das Haus gestellt und im Winter zurück in den Keller!

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SWR