STAND
AUTOR/IN

Schulbank statt Sprungturm: Es ist unwahrscheinlich, dass Schüler beim Angebot der Sommerschule freudestrahlend "Hurra" rufen. Deswegen ist die Idee nicht automatisch schlecht. Allerdings sehen Experten große Hürden, damit das Projekt ein Erfolg wird.

Es sind Sommerferien und nach dem Aufstehen geht es in die Schule - das hört sich für Schüler und Schülerinnen nicht nach traumhaften Ferien an. Aber das zurückliegende Schuljahr war geprägt von der Corona-Pandemie mit Wechselunterricht, Fernunterricht, Unterrichtsausfall und digitalen Ausfällen. Am Ende stehen bei nicht wenigen Schülern erhebliche Wissenslücken. Es gibt also Handlungsbedarf.

Das Informationsportal des rheinland-pfälzischen Bildungsministeriums führt in einer Liste bislang gut 200 Angebote zur Sommerschule im ganzen Land auf. Wie viele Schüler und Schülerinnen teilnehmen werden, steht noch nicht fest. Die Anmeldungen laufen über die Kommunen und die haben unterschiedliche Fristen gesetzt.

Sommerschule in Rheinland-Pfalz - kein Selbstläufer

Bildungsforscher Dr. Ingo Roden von der Universität Koblenz schätzt die Idee der Sommerschule aufgrund von internationalen Forschungsergebnissen in der Lern- und Wirkungsforschung erst einmal grundsätzlich positiv ein. Im Gespräch folgen die Bedenken allerdings auf dem Fuße und schnell ist klar: Ein Selbstläufer ist die Sommerschule nicht. Damit am Ende ein positiver Effekt stehe, müssten mehrere Bedingungen erfüllt werden – und da tauchen bei dem pädagogischen Psychologen, der seit zwei Jahren die Vertretungsprofessur Empirische Unterrichts- und Bildungsforschung an der Uni Koblenz inne hat, erhebliche Zweifel auf.

Roden befürchtet, dass in der Sommerschule "ins Blaue hinein unterrichtet wird". Nach seiner Einschätzung fehlen umfassende Lernstandserhebungen, um den Bedarf bei den Schülern zu erfassen. Also: Wo sind die Lücken genau und wie groß sind sie? "Ohne diese Diagnostik, die es meines Wissens nach nicht gibt, kann kein bedarfsorientierter Unterricht stattfinden." Deshalb hält Roden die Umsetzung der Sommerschule in der Praxis eher für ein fragwürdiges Konzept. "Hier wird leider Potenzial verschossen."

Ich fürchte, in der Sommerschule wird ins Blaue hinein unterrichtet.

Auch Juniorprofessorin Aleksandra Kaurin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie hat Zweifel am Konzept der Sommerschule, sie blickt insbesondere skeptisch auf die Ziele: "Ich denke, es ist illusorisch anzunehmen, dass drei Stunden am Tag für ein oder zwei Wochen dazu beitragen werden, dass Lerndefizite, die kontinuierlich über ein Jahr entstanden sind, kompensiert werden. Das kann niemand ernsthaft erwarten und hoffentlich ist das auch nicht das Ziel der Sommerschulen in diesem Jahr." Sie fordert zugleich, dass Schule auf der einen Seite und Angebote, die explizit der Förderung des seelischen Wohlbefindens der Kinder dienen, auf der anderen Seite, nicht in ein Entweder-Oder-Verhältnis gestellt würden.

Juniorprofessorin Aleksandra Kaurin erhofft sich von der Sommerschule in Rheinland-Pfalz ein bisschen Normalität für die Kinder und Jugendlichen (Foto: Privat)
Juniorprofessorin Kaurin hofft, dass "es in dieser Zeit nicht nur darum gehen soll, stoisch Inhalte zu vermitteln". Privat

Sommerschule für das Gefühl von Normalität

Kinder und Jugendliche könnten auf ganz andere Art und Weise profitieren: Die Sommerschule könne für manche Kinder eine Ressource darstellen, zum Beispiel dann, wenn Eltern wenig Zeit haben alternative Ferienangebote sicher zu stellen. "Es könnte den Kindern auch ein Gefühl von Normalität vermitteln und ihre viele freie Zeit strukturieren. Ein paar Stunden außerhalb können für alle Beteiligten wohltuend sein" sagt Kaurin, die bis vor Kurzem am Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz gearbeitet hat, bevor sie als Juniorprofessorin an die Uni Witten/Herdecke wechselte.

Ein Erfolg kann die Sommerschule nach Meinung von Bildungsforscher Roden aber nur dann werden, wenn die richtigen Kinder und Jugendlichen erreicht werden. Das seien insbesondere die bildungsschwächeren Schüler und Schülerinnen, denn: "Diese profitieren im Durchschnitt an meisten von solchen Programmen."

Ein Schüler stürmt freudig aus dem Klassenzimmer in die Ferien. Manche Schüler in Rheinland-Pflaz drücken allerdings in den Sommerferien in der Sommerschule die Schulbank. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Armin Weigel)
Unbeschwerte Sommerferien - geht das, wenn man in die Sommerschule geht? picture alliance / dpa | Armin Weigel

Zugleich seien es aber diese Schüler, die am schwierigsten zu erreichen seien - und auch zu überzeugen, dass Mathe und Deutsch doch die bessere Idee im Vergleich zum Freibad sei. "Es kommt also darauf an, wie gut solche Programme vorbereitet sind und dann auch entsprechend umgesetzt werden können, damit ein möglichst großer Nutzen für schwächere Schüler entsteht."

Sommerschule braucht Unterricht auf sehr hohem Niveau

Der Erfolg der Sommerschule hängt nach Meinung von Bildungsforscher Roden aber auch davon ab, wer vorne an der Tafel steht. "Das ist Unterricht auf sehr, sehr hohem Niveau", betont Roden. Nach seinem Kenntnisstand müssten sich die Ersatzlehrer um relativ viele Schüler kümmern, deren individuelle Bedürfnisse sie gar nicht kennen. Oft werde auch jahrgangsübergreifend gearbeitet. Die Ersatz-Lehrkräfte brauchen vorab viel Unterstützung und Fortbildungen, wie der Unterricht stattfinden soll. Außerdem müsste es vorab einen Austausch zwischen regulären Lehrkräften und Sommerschullehrern geben. "Das alles dürfte aber in der Regel nicht der Fall sein - nicht in Rheinland-Pfalz und nicht in anderen Bundesländern."

Lernlücken effektiv schließen - das sehen die Experten wohl eher als frommen Wunsch. Aber die Kinder- und Jugendpsychologin Kaurin erhofft sich von der Sommerschule eine Sensibilisierung für die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen. "Sie mussten plötzlich ihren Schulalltag selbst entlang vorgegebener Aufgaben strukturieren und durchziehen. Das ist, je nach Entwicklungsstand und entwicklungsbedingter Motivationslage eine enorme Herausforderung". Selbst Schüler mit bislang unauffälliger Schullaufbahn, gerieten durch diese Umstände ins Wanken.

Die Chance, die ich in der diesjährigen Sommerschule sehe, ist eine Sensibilisierung aller für psychische Gesundheit im Kindes- und Jugendalter.

"Es wäre eine enorme Chance, wenn die diesjährige Sommerschule den Fokus verstärkt auf die soziale Gestaltung des Schullebens legen würde und Kindern und Jugendlichen dabei helfen würde, sich wieder in der Schule wohlzufühlen und diese als einen Ort zu sehen, an dem sie gerne sind und gesehen werden. Erst, wenn diese Voraussetzungen geschaffen sind, können wir uns darum kümmern, die Lücken aus dem vergangenen Jahr nachhaltig zu schließen", sagt Kaurin. Die Chance, die sie in der diesjährigen Sommerschule sehe, sei vor allem eine Sensibilisierung aller für die psychische Gesundheit im Kindes- und Jugendalter. Denn allzu oft erlebe sie in ihrer therapeutischen Praxis, dass es bei Lehrkräften weniger Verständnis für psychische Störungen als für körperliche Beschwerden gebe.

Wie können Schüler und Schülerinnen nach dem Corona-Pandemiejahr noch für Unterricht in der Sommerschule motiviert werden? (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Jens Kalaene)
picture alliance / dpa | Jens Kalaene

Auch Bildungsforscher Roden macht klar, dass eins in der Sommerschule auf gar keinen Fall passieren darf: Sommerschule darf zu keiner zusätzlichen Belastung führen, sie darf kein zusätzliches Stresserlebnis für die Jugend sein. Denn dann wäre es unterm Strich besser, den Schülern einfach Sommerferien zu gönnen.

Rheinland-Pfalz

Aktuelle Lage im Land Corona-Live-Blog in RP: Impf-Rikscha in Mainzer Innenstadt

Die Sieben-Tage-Inzidenz steigt in Rheinland-Pfalz wieder, bewegt sich aber immer noch auf niedrigem Niveau. Die aktuelle Entwicklung hier im Blog.  mehr...

Kaiserslautern

Nur Hauenstein fehlen noch ein paar Lehrkräfte Kein Lehrermangel für die Sommerschule in der Westpfalz

Für die Sommerschulen in der Westpfalz haben sich genug Lehrerinnen und Lehrer gemeldet. Einzig in Hauenstein kann der Unterricht noch nicht wie geplant stattfinden.  mehr...

STAND
AUTOR/IN