Menschen aus dem Ahrtal halten sich an den Händen - das Miteinander seit der Flutkatastrophe ist in den betroffenen Gebieten sehr groß

Stimmung im Ahrtal und der Region Trier 

SWR-Umfrage: So geht es den Menschen drei Jahre nach der Flutkatastrophe 

Stand
Autor/in
Andrea Lohmann
Andrea Lohmann, Online-Redakteurin bei SWR Rheinland-Pfalz Aktuell

Eine repräsentative SWR-Umfrage drei Jahre nach der Flutkatastrophe zeigt: Die Menschen sind unzufrieden mit dem Krisenmanagement der Behörden. Ein Lichtblick ist der überwältigende Zusammenhalt vor Ort.

Die Flutkatastrophe im Ahrtal und dem Großraum Trier liegt drei Jahre zurück, doch vergessen ist nichts. Die Toten, die Verwüstung, die Verzweiflung. Wir wollten wissen, wie es den Menschen vor Ort heute geht. Wie kommt der Wiederaufbau voran, wie ist die persönliche Lage der Anwohner und Anwohnerinnen? Dazu haben wir eine Umfrage in Auftrag gegeben. Interessiert hat uns dabei der Blick zurück, aber auch der Blick nach vorne: Wie werden nach drei Jahren die Verantwortlichkeiten beurteilt - und Verbesserungen für die Zukunft gesehen?  

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Die Ergebnisse der Umfrage haben wir in fünf Blöcken zusammengefasst.

Krisenmanagement und politische Verantwortung 

Die traumatischen Erlebnisse der Menschen während der Flutkatastrophe waren einschneidend und nachdrücklich. Auch mit einem zeitlichen Abstand von mittlerweile drei Jahren überwiegt die Unzufriedenheit mit dem Krisenmanagement der Landesregierung in den Tagen der Flut.

Nur ein Fünftel der Befragten äußert sich zufrieden oder sehr zufrieden (20 Prozent), was das Krisenmanagement angeht. Fast dreiviertel der Befragten bewerten das Krisenmanagement der Landesregierung als weniger oder gar nicht zufriedenstellend. 

Unzufrieden sind die befragten Menschen auch, wenn sie auf das Krisenmanagement der Landkreise in den Tagen der Flut zurückblicken. Allerdings stehen diese nicht so deutlich in der Kritik wie die Landesregierung. Immerhin äußert sich ein Drittel der Menschen zufrieden oder sehr zufrieden mit dem Krisenmanagement der Landkreise. Ein Landkreis sticht jedoch mit einer anderen Beurteilung des Krisenmanagements hervor: Der Landkreis Ahrweiler. 

Hier starben die meisten Menschen und es entstanden die schlimmsten Schäden. Die Arbeit des Landkreises Ahrweiler wird von einer großen Mehrheit (84 Prozent) als weniger zufriedenstellend oder gar nicht zufriedenstellend beurteilt. Von den sechs betrachteten Landkreisen ist es der einzige, bei dem das Krisenmanagement des Kreises schlechter benotet wird als das der Landesregierung. 

Im Landkreis Ahrweiler verorten die Menschen auch die Verantwortung stark auf der regionalen Ebene: Fast jeder Zweite (48 Prozent) meint, dass insbesondere die Kreisverwaltung für Versäumnisse verantwortlich ist. Insgesamt sehen die Befragten aber nur zu 31 Prozent die Landkreise als die Verantwortlichen für mögliche Versäumnisse, 39 Prozent dagegen die Landesregierung. 

Kritik an juristischer Aufarbeitung

Eine deutliche Unzufriedenheit zeigt die Umfrage zur juristischen Aufarbeitung der Vorgänge während und nach der Flutkatastrophe. Nur ein Fünftel (21 Prozent) der Befragten ist zufrieden mit der Aufarbeitung von Versäumnissen durch die zuständige Staatsanwaltschaft Koblenz.  

Eine Mehrheit von 60 Prozent der Befragten ist demnach nicht zufrieden mit der rechtlichen Aufarbeitung durch die Staatsanwälte. Auch hier gibt es insbesondere bei den Befragten aus dem Landkreis Ahrweiler überdurchschnittlichen Unmut: Von ihnen halten 82 Prozent die rechtliche Aufarbeitung für nicht ausreichend. 

Die Unzufriedenheit mit der Arbeit der Staatsanwaltschaft mündete konkret in einer vor wenigen Tagen eingereichten Beschwerde von Hinterbliebenen gegen die Einstellung der Ermittlungen.

Wiederaufbau und Unterstützung 

Die Flutkatastrophe haben in Rheinland-Pfalz 136 Menschen nicht überlebt. Die Schäden sind immens und bis heute ist der Wiederaufbau nicht abgeschlossen. Auf einer Ebene jedoch zeigt die Umfrage auch Ermutigendes: Die Befragten empfinden seit der Flut einen sehr starken Zusammenhalt untereinander. Das Miteinander vor Ort bewertet eine große Mehrheit (82 Prozent) als sehr gut oder gut. Im Eifelkreis (89 Prozent) und im Landkreis Ahrweiler (88 Prozent) wird der Zusammenhalt dabei besonders stark hervorgehoben. 

Wie gut kommt der Wiederaufbau voran? Hier tritt in den Umfrageergebnissen ein Unterschied zwischen dem Aufbau vor Ort und der Wiederherstellung des persönlichen Eigentums zutage. 

Die Fortschritte vor Ort bewerten 39 Prozent der Befragten als weit fortgeschritten, 13 Prozent meinen sogar, dass der Wiederaufbau in der Region bereits abgeschlossen sei. Immerhin ein Drittel findet aber auch, dass der Aufbau noch am Anfang stehe oder nur wenig vorangekommen sei (33 Prozent). Auch bei der Frage zum Wiederaufbau gibt es große Skepsis im Landkreis Ahrweiler. Die Menschen hier erkennen mehrheitlich wenig Fortschritte beim Wiederaufbau (65 Prozent).  

Positiver schätzen die Menschen den Wiederaufbau des persönlichen Eigentums ein, wenngleich ein Viertel der Befragten zu diesem Thema keine Angaben machen will. Diese Frage wurde ausschließlich Personen gestellt, die persönlich von der Flutkatastrophe betroffen waren. Fast zwei Drittel geben in der Umfrage an, dass die persönliche Schadensbeseitigung bereits abgeschlossen (45 Prozent) oder weit vorangeschritten (19 Prozent) sei. 

Hier fällt auf: Je stärker die Menschen vom Hochwasser betroffen waren, desto positiver beurteilen sie den Fortschritt auf persönlicher Ebene. Dreiviertel der Personen mit einer sehr starken oder starken Betroffenheit sagen, dass ihr persönliches Eigentum wiederhergestellt sei oder man bei der persönlichen Schadensbeseitigung weit vorangekommen sei. 

Bei der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB) konnten Betroffene Anträge auf finanzielle Unterstützung stellen. Davon haben 15 Prozent Gebrauch gemacht, 8 Prozent haben sich erfolglos um die Hilfen bemüht. Eine große Mehrheit (68 Prozent) der Betroffenen gab an, gar nicht versucht zu haben, die Unterstützung zu bekommen. Diese Frage wurde nur denjenigen gestellt, die vom Hochwasser betroffen waren. 

Dabei gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Grad der Betroffenheit und der Häufigkeit der Antragstellung. Überdurchschnittlich viele Anträge wurden in der Gruppe derer gestellt, die von der Flut sehr stark betroffen waren. Und auch in der Aufspaltung nach Landkreisen zeigt sich: Mehr Anträge als im Durchschnitt wurden im Landkreis Ahrweiler und in der Stadt Trier gestellt - beides Regionen, die besonders von der Flut in Mitleidenschaft gezogen wurden. 

 In Zusammenhang mit der Bearbeitung von Wiederaufbau-Anträgen durch die ISB wurde aktuell Kritik aus dem Kreis Ahrweiler laut. Die parteilose Landrätin, Cornelia Weigand, wies bei einer Veranstaltung darauf hin, dass 885 Betriebe aus dem Ahrtal Anträge für Geld aus dem Wiederaufbau-Fonds gestellt hätten. Erst 653 davon seien aber durch die ISB genehmigt worden. 

Persönliche Situation nach der Flut 

Die Flutkatastrophe war für die Menschen in den betroffenen Gebieten sehr schwer zu ertragen. Von den Betroffenen sagen in der Umfrage fast Dreiviertel (71 Prozent), dass ihre damalige persönliche Situation sehr belastend oder etwas belastend war. 

Wenig überraschend war die persönliche Belastung umso höher, je stärker die Betroffenheit von der Flut war. Betroffene im Landkreis Ahrweiler sprechen fast alle von einer sehr großen bis großen Belastung (93 Prozent).  

Deutlichen Einfluss haben auch das Einkommen und das Alter der Betroffenen: Personen mit niedrigem Einkommen sowie ältere Menschen empfinden die Belastung nachträglich als besonders stark. 

Angesichts der Bürde, die die Menschen seit der Flutkatastrophe tragen müssen, verwundern die Umfrageergebnisse zur Inanspruchnahme von psychologischer Hilfe: Neun von zehn Menschen, die sich als belastet durch die Flut beschreiben (89 Prozent), haben darauf verzichtet.  

Nach den Gründen gefragt, gaben 30 Prozent an, für psychologische Hilfe keine Notwendigkeit gesehen zu haben. 

Nur wenige wollen wegziehen aus dem Ahrtal

Wegziehen wegen des Hochwassers, das wollen die wenigsten Menschen. Neun von zehn Menschen geben an, in ihrer Heimat bleiben zu wollen – trotz der traumatischen Ereignisse.  

Und auch in den regional stark betroffenen Gebieten ist der Wunsch nach Wegzug nicht sehr ausgeprägt, wenngleich auch höher als im Durchschnitt: Sechs Prozent der befragten Menschen im Landkreis Ahrweiler und in der Stadt Trier hegen Umzugspläne. 

Prävention und Hochwasserschutz 

In der Umfrage wurde schließlich auch der Blick in die Zukunft gerichtet. Viele stellen Rheinland-Pfalz kein gutes Zeugnis aus, wenn es um die Vorbereitungen für mögliche Katastrophen in der Zukunft geht. Mehr als die Hälfte der Befragten (57 Prozent) beurteilen das Vorbereitungsniveau als weniger gut oder schlecht. Nur 30 Prozent sehen das Land gut aufgestellt für mögliche zukünftige Herausforderungen. 

Wir haben hier nicht alle Fragen und Ergebnisse der Umfrage dargestellt. Die komplette Umfrage mit allen Grafiken finden Sie hier:

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