Eine Sirene auf einem Hausdach. (Foto: imago images, IMAGO / Steinach)

Viele veraltet, Neuanschaffung teuer

Sirenen nach Flutkatastrophe wieder gefragt

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Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal mit 134 Toten sind die Warnsysteme in Rheinland-Pfalz auf dem Prüfstand. Einen landesweiten Überblick über die Sirenen gibt es nicht. Zuständig sind Kommunen und Kreise.

Eine Minute Dauerton, zweimal unterbrochen: An jedem dritten Samstag im Quartal schrillen die Sirenen in Bingen beim Probealarm. "Das ist der Feueralarm, den verwenden wir auch noch bei größeren Einsätzen", sagte Feuerwehrleiter Marco Umlauf. Daneben gibt es aber auch einen Alarm zur Warnung der Bevölkerung bei besonderen Gefahrenlagen. Dann ist eine Minute lang ein Heulton zu hören.

Viele veraltete Sirenen in Rheinland-Pfalz

Die Kreise, kreisfreien Städte und Gemeinden entscheiden in Rheinland-Pfalz eigenverantwortlich, wie, womit und in welchem Umfang sie ihre Bürger warnen. Das sieht das Brand- und Katastrophenschutzgesetz des Landes so vor. Eine Übersicht etwa über alle Sirenen im Land gibt es nicht. "Insbesondere fehlt uns der Gesamtüberblick, auf welchem Stand die Sirenen sind", sagt der Direktor des Städtetags, Rheinland-Pfalz, Michael Mätzig. "Wir gehen davon aus, dass viele veraltet sind und erneuert werden müssen."

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Der von der Flutkatastrophe Mitte Juli schwer getroffene Kreis Ahrweiler will laut Kreistagsbeschluss eine Firma zur Planung und dem Aufbau eines elektronischen Sirenenwarnnetzes beauftragen. Gesamtvolumen: rund zwei Millionen Euro. Zunächst geht es um die Gemeinden direkt an der Ahr. Die Warnmöglichkeit solle mit Blick auf den Winter und mögliches Hochwasser so schnell wie möglich geschaffen werden, berichtet Kreissprecherin Cora Blechen.

Rund 80 neue elektronische Sirenenanlagen würden gebraucht, davon 22 als Ersatz für bei der Flut zerstörte Motorsirenen, die ausschließlich mit Strom funktionierten - ohne Notstromversorgung oder Batterie - und nur zur Alarmierung der Feuerwehr genutzt worden seien.

Keine Sirenen in Trier, neue in Koblenz

In der Stadt Trier gibt es noch gar keine Sirenen, aber einen Warn- und Evakuierungsplan, der etwa beim Hochwasser in Ehrang angewandt wurde, wie Stadtsprecher Ernst Mettlach berichtet. Mit Planungen für den Aufbau eines Sirenen-Alarms sei vor dem Hochwasser Mitte Juli begonnen worden. Abgeschlossen ist das Projekt noch nicht.

Koblenz braucht mindestens 46 Hochleistungssirenen. 16 davon stehen schon, noch im Oktober sollen alle funktionieren, wie eine Stadtsprecherin berichtet. Die meisten seien in den regelmäßig vom Hochwasser betroffenen Stadtteilen an Rhein und Mosel aufgestellt worden. Die übrigen 30 Sirenen werden nächtes Jahr errichtet, Anfang 2023 soll das Sirenennetz dann vollständig in Betrieb gehen.

Sirenenausbau wäre eine "größere Investition"

"Nach dem Fall der Mauer wurde der Zivilschutz heruntergefahren, der Bund hatte in der Folge den Kommunen die Zuständigkeit für die Sirenen übertragen", stellt die Sprecherin der Stadt Kaiserslautern, Nadin Robarge, fest. Dies habe vielerorts zum Abbau von Sirenen geführt.

In Kaiserslautern etwa sind von einst 95 noch 11 im Einsatz, meist in den Ortsteilen. "Um eine flächendeckende Alarmierung des Stadtgebietes zu erreichen, bedarf es einer Planung und größeren Investition." Dafür seien inzwischen mehr als die ursprünglich 95 Sirenen notwendig, denn die Stadt sei an ihren Rändern inzwischen gewachsen. Das gilt auch für viele andere Städte und Gemeinden.

Die Sirenen müssten zudem auch in dreifach verglasten und gedämmten Gebäuden gehört werden, gibt Robarge zu Bedenken. Im Juni seien in der Innenstadt Kaiserslauterns bereits intelligente Straßenlaternen mit digital gesteuerten Lautsprechern mit Sirenensignal und konkreten Durchsagen vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe getestet worden. Die Auswertung laufe noch.

In Mainz "ältere" Sirenen im Einsatz

In der Landeshauptstadt Mainz sind derzeit 54 Sirenen im Einsatz, alle älteren Typs, wie Sprecher Ralf Peterhanwahr sagt. Geplant sei die Anschaffung von 33 neuen Sirenen, "die jeden Winkel im Stadtgebiet erreichen" und bei denen sich auch Sprachnachrichten programmieren ließen. Ein Typ wurde bereits getestet, der zweite ist im Frühjahr 2022 dran. Dann soll die Entscheidung fallen und der Auftrag erteilt werden.

Im Kreis Mainz-Bingen etwa läuft noch eine Bestandsaufnahme, wie der Sprecher der Kreisverwaltung, Bardo Faust, sagt. Der Gemeinderat der Verbandsgemeinde Rhein-Selz aus dem Kreis aber hat beispielsweise Anfang September bereits beschlossen, ein gestuftes Beschallungskonzept zu erarbeiten und damit ein Unternehmen beauftragt, wie die erste Beigeordnete Gabriele Wagner berichtet.

Ludwigshafen kann auf 34 Sirenen bauen, davon 6 Hochleistungssirenen und 28 aus der Nachkriegszeit, wie Sprecherin Sandra Hartmann sagt. "Diese 28 Sirenen werden bis Ende 2022 gegen moderne Hochleistungssirenen ausgetauscht." Einen Probealarm gibt es in der Regel einmal im Jahr.

Moderne Sirenen warnen mit Textnachrichten

Eine hochmoderne Sirene, die nicht nur mit Tönen, sondern auch mit Textnachrichten warnen kann, kostet nach Darstellung der kommunalen Spitzenverbände ungefähr 22.500 Euro. Innenminister Roger Lewentz hat angekündigt, die Ausstattung des Sirenen-Förderprogramms des Bundes auf rund acht Millionen Euro zu verdoppeln.

Mit einem Warnmittel-Mix können die Bürgerinnen und Bürger auf einer Vielzahl von Kanälen erreicht werden. Die Sirene ist dabei ein zentrales Warnmittel, das in der Fläche meist am eindeutigsten als Warnung erkannt wird», stellt der SPD-Politiker fest.

Nach Auffassung von Karl-Heinz Frieden (CDU), Vorstand des Gemeinde- und Städtebundes, ist das der richtige Ansatz, aber nur ein Anfang. "Wir gehen davon aus, dass die neue Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern den zivilen Bevölkerung- und Katastrophenschutz neu aufstellen wird, um auf zukünftige Gefahren besser vorbereitet zu sein", sagt Frieden.

Der Bund habe zudem ja bereits den Auftrag für das sogenannte Cell-Broadcasting erteilt. "Das bedeutet, dass im Unglücks- oder Katastrophenfall auf allen Handys eine entsprechende Warninformation, aber auch eine Verhaltensanordnung übermittelt werden kann."

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