Mütter ohne Namen: Zehn Jahre vertrauliche Geburt

Seit zehn Jahren möglich

So läuft eine vertrauliche Geburt in RLP

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Es sind Geburten, von denen niemand wissen soll: Mütter bringen bei sogenannten "vertraulichen Geburten" ihre Kinder unter einem Pseudonym zur Welt. Die Gründe sind vielfältig.

Es sind Probleme mit dem Kindsvater. Angst vor Gewalt, vor religiösem Fanatismus oder vor einer Verschleppung ins Ausland. All das sind mögliche Gründe, warum sich eine Frau für eine vertrauliche Geburt entscheidet, erklärt Christine Joniks. Sie ist Leiterin der Beratungsstellen Westpfalz des Vereins donum vitae.

Die Frauen, die bei ihr in der Beratungsstelle Hilfe suchen, sind manchmal obdachlos. Oder sie haben mehrere Kinder, gesundheitliche oder psychische Probleme. "Finanzielle Probleme kommen immer mehr dazu", hat Joniks beobachtet.

Kulturelle Hintergründe spielen oft eine wichtige Rolle

Tanja Gambino von der Diakonie Pfalz erzählt von ähnlichen Gründen. "Was wir tatsächlich meistens haben, ist insgesamt eine schwierige belastende Situation im Leben", sagt sie.

Auch kulturelle Hintergründe seien oft ausschlaggebend, warum Frauen bei der Geburt ihre Daten geheim halten wollen. In Rheinland-Pfalz können Schwangere in schwierigen Situationen seit zehn Jahren vertraulich gebären.

Erster Kontakt für Schwangere ist oft eine Beratungsstelle 

Der erste Schritt ist für viele Schwangere der Kontakt zu einer Beratungsstelle. Nach Angaben des Familienministeriums gibt es in Rheinland-Pfalz 61 Beratungsstellen mit speziell geschultem Fachpersonal für eine vertrauliche Geburt.

"Die Frauen rufen eigentlich gezielt an, weil sie wissen, dass sie eine vertrauliche Geburt wollen", erzählt Gambino. "Der Großteil der Frauen kennt sich gut aus. Sie wissen, dass sie anonym bleiben müssen für eine vertrauliche Geburt."

Nach der Geburt kommen Kinder in die Obhut des Jugendamtes

Hat sich eine Frau für eine vertrauliche Geburt entschieden, bekommt sie im Krankenhaus, bei der Hebamme oder beim Gynäkologen ein Pseudonym, erklärt Gambino. Der richtige Name der Frau werde sicher verwahrt. Dafür gibt es den sogenannten Herkunftsnachweis.

Das Kind kommt nach der Geburt in die Obhut des Jugendamtes, es übernimmt zunächst die Vormundschaft. Oft kommen es dann in eine Pflegefamilie. Nach rund einem Jahr wird es zur Adoption freigegeben. Bis dahin kann sich die Mutter noch entscheiden, das Kind zu behalten. 

Vier vertrauliche Geburten im Jahr 2023

Laut Familienministerium gab es im vergangenen Jahr nach vorläufigen Zahlen vier vertrauliche Geburten. 2022 waren es drei, 2021 und 2020 jeweils vier.

Die Abrechnung der medizinischen Kosten einer vertraulichen Geburt läuft laut Gambino über das Familienministerium. Dieses teilt mit: "Von allen Möglichkeiten der anonymen Kindsabgabe ist die vertrauliche Geburt für alle Beteiligten damit die beste und sicherste Option."

Mütter geben Kindern zum Abschied Kuscheltiere und Briefe

Anfangs habe es viel Aufklärungsarbeit in den Krankenhäusern benötigt, sagt Gambino. Mittlerweile funktioniere das aber gut. "Wir sind ganz oft das Sprachrohr der Patientinnen, wir passen auf, dass die Regeln eingehalten werden", erklärt sie.

Gambino ist wichtig zu betonen, dass Frauen, die sich für eine vertrauliche Geburt entscheiden, dies nicht wegen vermeintlicher Gefühlskälte tun. "Den Frauen ist es wichtig, dass das Kind gut versorgt ist", sagt sie. Sie seien aber in Situationen, in denen sie sich nicht vorstellen könnten, ein Kind gut zu versorgen. Für ihre Kinder geben sie nach der Geburt oft etwas mit: ein Kuscheltier oder einen Brief.

Nach 16 Jahren hat das Kind ein Recht auf Auskunft und kann den Namen der Mutter erfragen.

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