Aussenansicht der vom Hochwasser stark beschädigten Philipp Freiherr von Boeselager Realschule in Ahrweiler (Foto: SWR)

Wie geht es weiter?

Schulstart in den Flutgebieten von Rheinland-Pfalz - eine Herausforderung

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Christian Papadopoulos
Johannes Baumert
Julia Schifferings
Johanna Wahl
David Kirchgeßner

Am Montag beginnt in Rheinland-Pfalz wieder der Unterricht nach den Sommerferien. Wie gehen die Schulen in den Flutgebieten mit der Situation um?

Unvorstellbare Wassermassen haben in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 die Region Trier und das Ahrtal in der Eifel getroffen. Die Folgen: Viele Tote und Verletzte und Schäden in Milliardenhöhe. Auch zahlreiche Schulen wurden zerstört. Bis zu den Sommerferien mussten viele Schülerinnen und Schüler an Schulen in anderen Landkreisen oder anderen Bundesländern ausweichen. Doch wie soll es jetzt nach sechs Wochen Schulferien für die rund 7.000 betroffenen Kinder und Jugendlichen weitergehen?

Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium zeigt sich auf SWR-Anfrage zuversichtlich, dass der Unterricht nach der Sommerpause für alle sichergestellt werden kann. Wie Pressesprecher Henning Henn erklärte, wurde daran in den letzten Wochen vor Ort mit Hockdruck gearbeitet. Dabei sei mit "viel Kreativität und Tatkraft" vorgegangen worden.

Viele Schulen zerstört oder stark beschädigt

Landesweit hätten rund 40 Schulen Schäden davongetragen, mindestens 17 Schulen seien so stark beschädigt, dass sie gar nicht oder nur eingeschränkt genutzt werden könnten. Der Schaden an der Bildungsinfrastruktur summiert sich nach ersten Schätzungen des Ministeriums auf einen dreistelligen Millionenbetrag.

Eine der schwer getroffenen Einrichtungen ist die integrative Erich-Kästner-Realschule in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Schulleiterin Doris Stutz ist nun besonders wichtig, dass die Jugendlichen sich nach der Katastrophe zumindest in der Schule einigermaßen wohl fühlen können. Das aber sei eine Herausforderung, denn das Erdgeschoss der Erich-Kästner-Schule gleiche einem Rohbau.

Erich-Kästner-Realschule Bad Neuenahr-Ahrweiler nach der Flutkatastrophe 2021 (Foto: SWR)
Das Wasser hat in der Erich-Kästner-Realschule seine Spuren hinterlassen.

Boden und viele Wände, die durch den Schlamm verunreinigt waren, mussten laut Stutz komplett entfernt werden. Der Unterricht werde erst einmal in den oberen Stockwerken stattfinden. Dort müssten 320 Kinder untergebracht werden. Dank der Spenden anderer Schulen bauten die Lehrkräfte nun im ersten Stock eine neue Schulbibliothek auf. Platz für ein großes Lehrerzimmer für Konferenzen fehle noch.

Nach der Flutkatatsrophe wird in der Erich-Kästner-Realschule Bad Neuenahr-Ahrweiler die Bücherecke neu aufgebaut. (Foto: SWR)
Die Leseecke wächst nach und nach.

Übergangslösungen in Grafschaft

Teilweise setzt man für den Schulstart auch auf Container-Lösungen - zum Beispiel in der Verbandsgemeinde (VG) Grafschaft. Wie Bürgermeister Achim Juchem dem SWR mitteilte, wurden dort Übergangslösungen für von der Flutkatastrophe betroffene Schulen getroffen.

Die Grundschule Altenburg soll gemeinsam mit der Ahrtalschule (Realschule plus) aus Altenburg eine Containeranlage auf einem Bolzplatz gegenüber der Grundschule Gelsdorf nutzen. "Die Erdarbeiten laufen und die formelle Auftragsfreigabe liegt bei der VG Altenahr", so der Bürgermeister. Es bleibe zudem bei der Aufteilung der sechs Klassen auf die drei Grundschulen in Gelsdorf, Leimersdorf und Ringen. Derzeit würden außerdem Belüftungsanlagen in den Grundschulen installiert.

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Schulen müssen improvisieren

Einige Schulen planen ihren Unterricht derweil in einem Schichtmodell. So sollen die Schülerinnen und Schüler des Peter-Joerres-Gymnasiums in Bad Neuenahr-Ahrweiler zunächst nachmittags am Gymnasium am Kalvarienberg in Ahrweiler unterrichtet werden. Wie lange das so sein wird, ist noch offen.

Schulleiterin fordert psychologische Betreuung der Kinder

Doch neben den Räumlichkeiten gebe es noch eine andere große Baustelle: "Wir brauchen auf jeden Fall eine Schulpsychologin", sagt Schulleiterin Stutz über die Lage an der Erich-Kästner-Realschule in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Bislang hätten nur direkt nach der Katastrophe drei Psychologen und Traumatherapeuten mit den Kindern gearbeitet.

Laut Bildungsministerium sollen im neuen Schuljahr Schulpsychologinnen und Schulpsychologen die Schulen in der Region mit Beratungs- und Fortbildungsangeboten unterstützen.

Sorge bereitet Stutz außerdem, dass zum Schulstart Kinder "aus unterschiedlichen Welten" aufeinandertreffen würden: Die einen, die gerade vom Strandurlaub zurückkehrten und andere, deren Zuhause in Trümmern liege. Denn 53 Kinder hätten alles verloren, so die Schulleiterin. Sie bekämen am ersten Schultag einen gefüllten Schulranzen gestellt.

Nach der Flutkatastrophe werden 53 Schüler der Erich-Kästner-Realschule Bad Neuenahr-Ahrweiler mit Schulranzen versorgt. (Foto: SWR)
Kinder, die in der Flut alles verloren haben, bekommen an der Erich-Kästner-Realschule Bad Neuenahr-Ahrweiler zum Schulstart einen gefüllten Ranzen.

Wie kommen Kinder aus den Flutgebieten in die Schule?

Eine weitere Frage sei auch, wie die Kinder überhaupt zur Schule kommen sollen, jetzt, da viele Brücken und Straßen an der Ahr beschädigt seien. Vieles müsse wohl auch über sogenannte Elterntaxis organisiert werden, erklärt Stutz. Die Eltern müssten aber viel Geduld mitbringen, denn die wenigen intakten Brücken würden stark frequentiert.

Das zuständige Ministerium für Klimaschutz, Energie, Umwelt und Mobilität hat nach eigenen Angaben bereits in mehreren Runden mit dem Zweckverband Schienenpersonennahverkehr Nord (SPNV), den örtlichen Verkehrsverbünden und den Schulträgern beraten, wie der Schulbusverkehr nach den Sommerferien aufgestellt werden kann.

Ersatzverkehr nach den Sommerferien

Problematisch gestalte sich das Thema vor allem im Ahrtal aufgrund der zerstörten Schienenwege und Brücken sowie der hohen Anzahl an betroffenen Schulgebäuden, hieß es. Auch der Anteil an Schülerinnen und Schülern, die vorübergehend an anderen Orten wohnten, sei in der Region besonders hoch.

Daher würden Ersatzverkehre zu den einzelnen Schulstandorten organisiert. Hierzu erstelle der Verkehrsverbund Rhein-Mosel (VRM) ein entsprechendes Linienkonzept. Die Abstimmungen verliefen sehr zielgerichtet und stünden vor dem Abschluss, teilte das Mobilitätsministerium weiter mit.

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