Eine Schülerin im Rollstuhl (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Fredrik von Erichsen)

RP Schlusslicht unter den Bundesländern

GEW: Ausgestaltung der schulischen Inklusion ist "beschämend"

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Schlechte Noten für den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung in Rheinland-Pfalz. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zeigt sich nicht überrascht.

"Setzen, Sechs!" - So oder ähnlich lässt sich der Befund des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) für den Zustand der schulischen Inklusion in Rheinland-Pfalz umschreiben. Einer aktuellen WZB-Studie zufolge gehört Rheinland-Pfalz zusammen mit Baden-Württemberg und Bayern zu den Bundesländern, in denen der Zustand der schulischen Inklusion am schlechtesten ist.

Studie zu Inklusion in RP: Verstöße gegen UN-Behindertenrechtskonvention

Die Vorwürfe, die die Autoren der Studie Deutschland im allgemeinen, Rheinland-Pfalz aber im besonderen machen, wiegen schwer: Sie sprechen von einem Verstoß gegen Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention. Diese verpflichte Deutschland unter anderem, Menschen mit Behinderungen nicht vom allgemeinen Schulsystem auszuschließen und in gesonderte Strukturen zu drängen.

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Tatsächlich werden in Deutschland laut der Studie aber noch immer viel zu viele Schülerinnen und Schüler mit Behinderung nicht in einer Regelschule, sondern in einem Sondersystem unterrichtet. In Rheinland-Pfalz ist diese Quote seit der Unterzeichnung der UN-Konvention vor zehn Jahren sogar gestiegen.

GEW zu Inklusions-Studie: "Beschämendes und alarmierendes Fazit"

Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kommen die Studienergebnisse nicht überraschend. Sie spricht von einem beschämenden und alarmierenden Fazit für die rheinland-pfälzische Bildungspolitik. Seit Jahren, so die GEW in einer Mitteilung, kritisiere sie bereits die Doppelstrukturen von Förderschulen und Schwerpunktschulen und die damit verbundene Unterfinanzierung der inklusiv arbeitenden Schulen.

Ein Kind mit Rollstuhl im Unterricht (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Kahnert)
Weniger als ein Drittel der allgemeinbildenden Schulen in Rheinland-Pfalz haben laut der Studie Erfahrung mit inklusivem Unterricht picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Kahnert

Wenig Erfahrung mit Inklusion an allgemeinbildenden Schulen in RP

In Rheinland-Pfalz gibt es nach Angaben des Bildungsministeriums 298 Schwerpunktschulen mit "erweitertem pädagogischen Auftrag": In jeder Klasse werden drei bis vier Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf gemeinsam mit anderen unterrichtet. Daneben gibt es 131 Förderschulen, in denen ausschließlich Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf unterrichtet werden. Lediglich 29 Prozent der allgemeinbildenden Schulen in Rheinland-Pfalz haben laut der Studie bereits Erfahrung mit gemeinsamem Unterricht gesammelt.

Die unabhängige Initiative Esfa (Eine Schule für alle) fordert, Förderschulen mit den Schwerpunkten Lernen, Sprache und sozial-emotionale Entwicklung umgehend abzuschaffen. Die dadurch freiwerdenden Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen könnten dann in inklusiven Regelschulen für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen.

Die Landesarbeitsgemeinschaft GLGL (Gemeinsam Leben Gemeinsam Lernen) kritisiert das Wahlrecht der Eltern von Kindern mit Förderbedarf. Sie können entscheiden, ob ihre Kinder am inklusiven Unterricht einer Schwerpunktschule teilnehmen oder auf eine Förderschule gehen sollen. Zum einen, so die GLGL, sei es nicht Sache der Eltern, darüber zu befinden, ob ihren Kindern das Menschenrecht auf Inklusion zukomme oder nicht. Die Kinder selbst seien Träger ihrer Menschenrechte. Darüber hinaus gebe es keine echte Wahlfreiheit, wenn Eltern als Alternative zur Förderschule nur eine schlecht ausgestattete, pädagogisch kaum gerüstete, vermeintlich inklusive Schwerpunkschule bleibe, so die GLGL.

Bildungsministerin kündigt mehr inklusive Pädagogik in Rheinland-Pfalz an

Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) hat bereits auf die WZB-Studie reagiert. Das Ministerium werde sich die Ergebnisse der Studie genau ansehen. In der Aus-, Fort- und Weiterbildung für Lehrkräfte aller Schularten werde es mehr als bisher auch um die inklusive Pädagogik gehen, kündigte die Ministerin an. Auch werde für die künftige Universität Koblenz ein Studiengang Lehramt für Förderschulen geprüft.

Der GEW geht das alles viel zu langsam. Selbst wenn dieser Studiengang kommen sollte, würden mindestens sechs weitere Jahre vergehen, bis die ersten Lehrkräfte an die Schulen kämen. Die Gewerkschaft rege deshalb an, über die Struktur des Lehramtsstudiums grundsätzlich neu nachzudenken.

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