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Egal ob Koblenz, Trier, Mainz oder Kaiserslautern: Der Uni-Campus gleicht einer Geisterstadt. In Zeiten von Corona wird an den Universitäten digital gelehrt. Für die Studierendenwerke und deren Mitarbeiter hat das fatale Folgen.

Mit ganz wenigen Ausnahmen haben Saisonkräfte der Studierendenwerke in Rheinland-Pfalz keine Verträge für das Sommersemester bekommen. Betroffen seien überwiegend Frauen, viele alleinerziehend oder mit Migrationshintergrund. Das teilte Verdi dem SWR mit.

Hoffnung gibt es für die seit Jahrzehnten dort arbeitenden Kräfte nicht. Denn wie die Gewerkschaft dem SWR sagte, müssen die rund 250 Saisonarbeiter auch für das Wintersemester in die Arbeitslosigkeit geschickt werden. In Kaiserlautern seien das zum Beispiel 100 Saisonkräfte - in Landau in der Pfalz und in Trier jeweils 50.

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Stammpersonal ebenfalls gefährdet

Laut Landessprecher der Studierendenwerke Rheinland-Pfalz, Andreas Schülke, ist das nur der Anfang. Denn wenn sich die düsteren Prognosen der Hochschulen über die Präsenzzahlen der Studierenden auf dem Campus für das Wintersemester bewahrheiteten, sei mittelfristig leider auch das Stammpersonal durch betriebsbedingte Kündigungen betroffen. Zurzeit arbeiteten rund 700 Beschäftigte bei den Studierendenwerken.

Digitales Lernen Alltag, Campus leer

Landessprecher Schülke begründet das Dilemma durch den kompletten Ausfall des Sommersemesters. Außerdem sei ein starker Rückgang der Präsenzzahlen für das Wintersemester spürbar. Digitales Lehren sei jetzt Alltag. Außerdem würden Studierende keine Zimmer mehr mieten, deswegen erwarteten die Studierendenwerke bei den Wohnheimen einen Umsatzrückgang von bis zu 40 Prozent.

"Mit diesen Zahlen konnten wir die Verträge der Saisonkräfte nicht mehr verlängern", erklärt Schülke. Alle anderen von diesem Rückgang betroffenen Beschäftigten seien gegenwärtig noch in Kurzarbeit.

Verdi: Verhandlungen fehlten

Diese Haltung stößt bei Verdi auf Unverständnis. "Selbst bei großen internationalen Konzernen wird bei Umstrukturierung zuerst über sozialverträgliche Lösungen verhandelt", erklärt der zuständige Landesfachbereichsleiter Peter Schmitt. Denkbar seien alterbedingte Fluktuationen, freiwillige Abfindungsregelungen oder Altersteilzeitmodelle. Dies sei bei der Beschäftigtenstruktur in den Verpflegungsbetrieben, also häufig weiblich, alleinerziehend und im Niedriglohnsektor, moralisch geboten, so Schmitt weiter.

Auch der Personalratsvorsitzende im Studierendenwerk Mainz, Tomas Noll, macht sich Sorgen. "Wir haben einen sozialen Auftrag - gerade für die Bafög-Empfänger im Land." Auch er sieht die ein oder andere Möglichkeit, um Umsatzeinbußen zu minimieren. "Man könnte freie Zimmer dem allgemeinen Wohnungsmarkt anbieten. Wir hatten allein 500 Zimmer, die wegen den fehlenden Auslandsstudenten leer blieben."

Landessprecher: "Es ging um das Überleben der Studierendenwerke"

Doch wie konnte es soweit kommen? Schülke betont, "das war am Ende eine rein wirtschaftliche Entscheidung." Es sei um das Überleben der rheinland-pfälzischen Studierendenwerke gegangen. "Wir können es uns von unseren Rücklagen nicht erlauben, ein solch großes Team in der Krise aufrechtzuerhalten." Die Studierendenwerke seien den Grundsätzen des wirtschaftlichen Haushaltens unterworfen.

"Wir haben To-Go-Verpflegung angeboten, trotzdem sind die Umsätze um 96 Prozent gesunken. Da wurde uns schnell klar, dass eine geöffnete Mensa nur bei vollständig geöffnetem Campus einen Sinn macht", sagt Schülke. Leider dürften diese Beschäftigten es gerade sehr schwer haben, anderswo eine Arbeit zu finden, ergänzt der Landesprecher.

Hilfe vom Land lässt auf sich warten

Eine Beistandszusage habe es vom Land bisher nicht gegeben, deswegen sei dieser Schritt unumgänglich gewesen. "Nicht auch zuletzt, weil wir mit Geldern der Studierenden, nämlich den Sozialbeiträgen, arbeiten", erklärt Schülke.

Auch Verdi sieht durchaus eine Verantwortung beim Land. "Semesterbeiträge der Studierenden sind nicht die einzige Einnahmequelle der Studierendenwerke. Es fließen durchaus auch Landesmittel in die Etats ein", so Schmitt. Schon alleine deshalb müsse den Studierendenwerken und den dort Beschäftigten durch die Krise geholfen werden. Notwendig sei ein Rettungsschirm, fordert Schmitt.

"Wir bemühen uns beim Land um finanzielle Unterstützung für unsere Angestellten", so Schülke. Sollten die Studierendenwerke keine Hilfe erhalten, könnten sie nach der Krise keine "starke Partner" der Hochschulen im Interesse der Studierenden mehr sein. Deshalb sei ein Brief an das Wissenschaftsministerium rausgegangen, "in dem schnelle Landeshilfe und mögliche Lösungen gefordert wurden".

Keine zusätzlichen Mittel vom Land

Die rheinland-pfälzische Landesregierung wird die Studierendenwerke derzeit nicht mit zusätzlichen finanziellen Mitteln unterstützen. Keines befinde sich in einer wirtschaftlich bedrohlichen Lage, heißt es in einer Mitteilung des Wissenschaftsministeriums. "Da die Studierendenwerke insolvenzunfähig sind, müsste das Land bei drohender Zahlungsunfähigkeit eines Studierendenwerks einspringen."

Nicht notwendige Personalkosten müssten in jedem vermieden werden, damit eine wirtschaftliche Schieflage nicht zusätzlich beschleunigt werde. Hierbei müssten zunächst die Interessen der unbefristet Beschäftigten geschützt werden. Die Landesregierung sei hinsichtlich der Saisonarbeitskräfte sensibilisiert und geht davon aus, dass die sozialen Sicherungssysteme greifen werden.

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