Winzer an der Ahr von der Flutkatastrophe stark betroffen (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres)

Ein Rückblick

Zwei Wochen nach der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz

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Mehr als 14 Tage ist es her, dass ganze Orte durch die Flutkatastrophe zerstört wurden. Der Wiederaufbau hat begonnen, doch immer noch werden Opfer geborgen und Menschen vermisst. Wir blicken zurück.

Nach Dauerregen und örtlich extrem starken Regenfällen am Mittwoch, 14. Juli, und in der Nacht zu Donnerstag , 15. Juli, gibt es in Rheinland-Pfalz Überflutungen in nie gekanntem Ausmaß. In der Region Trier stehen zahlreiche Orte unter Wasser. Besonders schwer getroffen ist jedoch das Ahrtal im Kreis Ahrweiler.

Unvorstellbare Wassermassen reißen Häuser und Brücken mit, die Pegel steigen in nie gekannte Höhen. Die ganze Tragweite der Katastrophe wird langsam am Donnerstagmorgen deutlich. In dem Vorher-Nachher-Foto der Gemeinde Altenahr ist deutlich zu sehen, wie das Flüsschen Ahr zu einem reißendem Strom wird und Altenahr überschwemmt.

Die Zahlen: 134 Opfer der Flutkatastrophe sind bisher geborgen, 73 Menschen sind bis heute vermisst. 766 Menschen werden verletzt (Stand: 28.07.2021). 42.000 Menschen sind vom Hochwasser betroffen. Die Schäden gehen in die Milliarden. Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es nach Überschwemmungen zahlreiche Tote. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) spricht am Donnerstag nach der Flut von einer noch nie erlebten Katastrophe.

Die Lage in den Hochwassergebieten bleibt zunächst unübersichtlich, Strom- und Mobilfunknetz sind ausgefallen, genauso wie die Gas- und Wasserversorgung. Vier Kreise rufen den Katastrophenfall aus. In Trier wird der Stadtteil Ehrang im Laufe des Donnerstags wegen Hochwasser geräumt, darunter auch ein Krankenhaus und ein Seniorenheim. Ganze Orte sind von der Außenwelt abgeschnitten, zahlreiche Straßen und Brücken zerstört.

Tausende Rettungskräfte sind im Einsatz, auch die Bundeswehr ist im Katastrophengebiet. Unzählige Freiwillige helfen bei der Rettung. Alleine mit Hubschraubern werden 330 Personen von Dächern und aus Bäumen geholt. Der Landrat von Ahrweiler, Jürgen Pföhler (CDU), spricht von der größten Katastrophe der Region seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Rettungseinsätze ziehen sich bis in den Freitag hinein. Zunächst gelten 1.300 Menschen vermisst, die Opferzahlen steigen. Alleine in einer Einrichtung für behinderte Menschen in Sinzig werden insgesamt zwölf Personen tot geborgen.

Soforthilfe von Bund und Land

Bereits am Donnerstag kündigt das Land 50 Millionen Euro Katastrophenhilfe an. Bundeskanzlerin Angela Merkel reist wenige Tage nach der Flut in die Region. Sie sagt schnelle Hilfe für die Katastrophengebiete zu. Wenige Tage später beschließt der Bund eine Soforthilfe von 100 Millionen Euro für Rheinland-Pfalz.

Riesige Hilfs- und Spendenbereitschaft

Die Hilfs- und Spendenbereitschaft in der Bevölkerung ist enorm: Erste Lager mit Sachspenden sind bereits am Freitag voll. Alleine am Nürburgring werden Spenden auf einer Fläche gesammelt, die so groß ist wie drei Fußballfelder. Der Nürburgring wird später auch Zentrale für den Katastropheneinsatz von Feuerwehr, THW und Bundeswehr.

Außerdem werden Millionen Euro Spendengelder gesammelt: Auf dem Spendenkonto der rheinland-pfälzischen Landesregierung für die Flutopfer gehen alleine innerhalb der ersten Woche 8,5 Millionen Euro ein. Auch auf den Spendenkonten für die Opfer des Hochwassers im Eifelkreis Bitburg-Prüm, im Vulkaneifelkreis und der Verbandsgemeinde Trier-Land kommen mehrere Millionen zusammen. Bei der Kreisverwaltung Ahrweiler gehen mehr als 12 Millionen Euro an Spenden für Flutopfer ein. Beim ARD-weiten Benefiz-Tag zugunsten der Hochwasseropfer werden insgesamt 16 Millionen Euro gespendet. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Spendenaktionen.

Shuttle-Busse für Helfer

Weitere befürchtete Unwetter bleiben in den Hochwasserregionen aus. Nun sind die Aufräumarbeiten in vollem Gange. Im Mittelpunkt stehen das Beseitigen und der Abtransport von Unrat und Müll, der tonnenweise entsorgt wird. Unzählige Freiwillige helfen vor Ort beim Aufräumen. Die Hilfsbereitschaft im Kreis Ahrweiler ist so gewaltig, dass aktuell nur Anwohner, Einsatzkräfte sowie Beschäftigte der Verwaltungsbehörden und der Müllabfuhr in die Sperrzone fahren dürfen. Für alle anderen Helfenden gibt es Shuttle-Busse in die Region.

Infrastruktur teilweise völlig zerstört

Schon jetzt steht fest, dass die Flut die Region verändern und der Wiederaufbau lange dauern wird. Das finanzielle Ausmaß der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz ist noch unklar. Das Finanzministerium des Landes geht alleine bei den sichtbaren Schäden von einer Milliardenhöhe aus.

Die Infrastruktur ist teilweise völlig zerstört. Aktuell wird das Mobilfunk- und Festnetz wieder aufgebaut. In Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen muss die Deutsche Bahn sieben Strecken komplett neu bauen oder sanieren. Nach Angaben der Bahn sind 600 Kilometer Schiene zerstört und 80 Bahnhöfe teilweise schwer beschädigt. Eine Gasleitung im Kreis Ahrweiler ist ebenfalls über mehrere Kilometer völlig zerstört, der Wiederaufbau könnte bis in die kalte Jahreszeit dauern.

Auch zahlreiche Straßen sind zerstört. Insgesamt riss die Flut außerdem 60 Brücken mit. Aktuell werden fünf Behelfsbrücken über die Ahr aufgebaut. Dies ist besonders wichtig für die Infrastruktur, denn immer noch müssen Einsatz- und Hilfskräfte weite Umwege fahren, um über den Fluss zu kommen.

"Flut wird Narben hinterlassen"

In der Politik wird nun der Katastrophenschutz diskutiert. Der Landkreistag fordert neue Warnsysteme. In der Katastrophenregion selbst wird neben den Aufräumarbeiten nun auch die Aufgabe der Seelsorger immer wichtiger. Im Ahrtal haben viele Menschen großes Leid erlebt. Für Helfer und Betroffene gibt es nun eine kostenlose Seelsorge-Hotline. "Diese Flut hat Narben hinterlassen", fasst der Ortsbürgermeister der schwer betroffenen Gemeinde Schuld, Helmut Lussi, zusammen: "Narben, die man nicht vergisst, die nicht zu bewältigen sind."

Ahrweiler, Antweiler, Altenahr, Schuld, Insul, Bad Neuenahr-Ahrweiler

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