Portrait Melanie Wery-Sims (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Andreas Arnold)

Wery-Sims für Neuwahl des Bundesvorstands

Rheinland-pfälzische Linke fordern nach Sexismus-Vorwürfen Reformen

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Wahlniederlagen, Sexismus-Vorwürfe, Rücktritte - die Krise bei den Linken ist unübersehbar. Die rheinland-pfälzische Parteichefin Wery-Sims fordert nun, Machtmonopole aufzubrechen.

Am Mittwoch warf die Bundesparteivorsitzende Susanne Hennig-Wellsow das Handtuch. Ihren Rücktritt verband sie mit einem Eingeständnis des Scheiterns. "Wir haben zu wenig von dem geliefert, was wir versprochen haben", heißt es in einer Erklärung Hennig-Wellsows. "Der wirkliche Neuanfang ist ausgeblieben. (...) Das Versprechen, Teil eines Politikwechsels nach vorne zu sein, konnten wir aufgrund eigener Schwäche nicht einlösen." Das hatte sich zuletzt bei der Saarland-Wahl gezeigt, als die Linkspartei auf lediglich 2,6 Prozent kam und damit aus dem Landtag flog.

Wery-Sims: Respekt für den Rücktritt Hennig-Wellsows

Die rheinland-pfälzische Linken-Co-Vorsitzende Melanie Wery-Sims reagierte mit Verständnis auf den Rücktritt der Bundesvorsitzenden. Dem SWR sagte Wery-Sims, sie habe Respekt für die Entscheidung, insbesondere weil Hennig-Wellsow auch private Gründe für ihren Rücktritt geltend gemacht hat. Sie habe ein sehr ehrliches Statement abgegeben. Hennig-Wellsow hatte in ihrer Rücktrittserklärung neben ihrem Frust über den Zustand der Partei auch darauf verwiesen, dass sie einen achtjährigen Sohn habe, der sie brauche und ein Recht auf Zeit mit ihr habe.

Entschuldigung vom Bundesvorstand

Der Bundesvorstand der Linken hat sich Mittwochabend für sexuelle Übergriffe innerhalb der Partei entschuldigt - und dafür, nicht früher reagiert zu haben. Der Vorstand hat eine sogenannte Vertrauensgruppe für Betroffene in den Landes- und Kreisverbänden eingerichtet. Wery-Sims begrüßte die Beschlüsse der Bundespartei zum Handeln gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt. Sie hatte als Mitglied des Bundesvorstands der Linken selbst an den Beratungen am Abend teilgenommen.

Dem SWR sagte Wery-Sims, die einstimmigen Beschlüsse seien ein sehr gutes Zeichen. Zum Beispiel, dass es Sanktionen gegen Mitglieder geben soll, die sexistisch handeln. Ihnen sollen etwa die Ämter entzogen werden können. Auch sei sie froh darüber, dass sich die Partei endlich bei den Opfern entschuldigt habe. Die Sexismus-Thematik sei absolut nicht neu in der Linken. Sie sei erleichtert, dass jetzt endlich der Druck da sei, zu handeln. Was die Zukunft der Bundespartei betrifft, forderte Wery-Sims erneut, die Linke müsse sich jetzt komplett neu aufstellen, auch programmatisch. Alles müsse auf den Tisch.

"Spiegel" hatte über Sexismus-Vorwürfe berichtet

Darüber hinaus erwähnte Hennig-Wellsow auch den Sexismus-Skandal in ihrer Partei. Das Magazin "Der Spiegel" hatte am vergangenen Freitag berichtet, dass es bei den hessischen Linken mutmaßliche Fälle von sexualisierter Gewalt gegeben habe. Unter anderem habe der ehemalige Lebensgefährte von Parteichefin Janine Wissler eine Affäre mit einer Minderjährigen gehabt. Die heute 22-Jährige werfe dem Mitarbeiter der Linken-Landtagsfraktion vor, sie damals in sexuellen Posen gefilmt zu haben. Der "Spiegel" schrieb weiter, es gebe Hinweise auf eine "toxische Machokultur" bei der hessischen Linkspartei. Hennig-Wellsow teilte dazu in ihrer Rücktrittserklärung mit, der Umgang mit Sexismus in den eigen Reihen habe eklatante Defizite der Linkspartei offen gelegt. Sie entschuldigte sich bei den Betroffenen.

Wery-Sims: bekannt gewordene Fälle nur "Spitze des Eisbergs"

Wery-Sims fordert, Sexismus und sexuelle Übergriffe ehrlich aufzuarbeiten. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte sie, die jetzt bekannt gewordenen Fälle seien nur die Spitze des Eisbergs. Sie gehe davon aus, dass sich noch viel mehr Betroffene melden werden. Seximus und sexuelle Übergriffe gebe es zwar nicht nur bei den Linken, so Wery-Sims. Die Partei solle aber höhere Standards haben als die anderen Parteien, denn schließlich kämpfe man für Feminismus und gegen Ausbeutung auf allen Ebenen.

"Awareness-Team" soll in RLP Betroffenen helfen

Wery-Sims und der rheinland-pfälzische Linken-Co-Vorsitzende Stefan Glander verwiesen gegenüber dem SWR darauf, dass der Landesvorstand der rheinland-pfälzischen Linken schon im vergangenen Jahr beschlossen habe, ein "Awareness-Team" zu schaffen. Betroffene sexueller Übergriffe könnten sich künftig dorthin wenden. Auf einer Klausurtagung im Mai solle zudem über einen Verhaltenskodex beraten werden.

Reform des Linken-Bundesvorstands angemahnt

Darüber hinaus sind nach Ansicht von Wery-Sims und Glander tiefgreifendere Reformen nötig. Die Bundespartei brauche einen Neustart mit neuen Strukturen, denn das alte System sei überholt. Der 44-köpfige Parteivorstand sei zu schwerfällig und müsse deutlich verkleinert werden. "Wir müssen Machtmonopole und innerparteiliche Hierarchien aufbrechen", sagte Wery-Sims dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Linken-Vorsitzende Janine Wissler will die Partei bis auf Weiteres alleine weiterführen. Das teilte ein Parteisprecher nach den Krisenberatungen des Bundesvorstands am späten Abend mit. Wissler sei einer entsprechenden Bitte des Bundesvorstands nachgekommen.

Neustadt/Weinstraße

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