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Er spricht pfälzisch und ist Metzgermeister in Speyer - und doch muss sich Viktor Nettey immer wieder wegen seiner Hautfarbe blöde Sprüche anhören oder komische Blicke ertragen. Von ähnlichen Erfahrungen berichtet auch Perla Londole. Sie organisiert in Mainz "Silent Demos" im Zuge der "Black Lives Matter"-Bewegung.

8:46 Minuten wird bei den "Silent Demos" in ganz Deutschland geschwiegen. So lange dauerte der Todeskampf des Amerikaners George Floyd. Der brutale Polizeieinsatz Ende Mai im US-amerikanischen Minneapolis, bei dem er starb, wurde zum Auslöser einer international geführten Debatte über Rassismus. Die Tat hatte in vielen Ländern Proteste ausgelöst. Auch in Deutschland gingen bereits Zehntausende Menschen auf die Straße. In Mainz initiiert die 22-Jährige Studentin Perla Londole den Protest, der bundesweit über Instagram organisiert wird. Gemeinsam mit der Stuttgarterin Nadia Asiamah hat sie die "stillen Demos" unter dem Motto "Nein zu Rassismus - Gemeinsam sind wir stark!" - ins Leben gerufen.

Londole ist es wichtig, in Deutschland ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen. "Es wird oft gesagt, dass es in Deutschland keinen Rassismus gibt. Das ist faktisch einfach falsch." Zwar äußere er sich möglicherweise anders als in den USA - dennoch sei es genauso notwendig, über ihn zu sprechen, um Veränderungen herbeizuführen.

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Frühzeitig gegen Rassismus ankämpfen

Ihre ersten persönlichen Erfahrungen mit Rassismus machte sie bereits in der Grundschule. Auch heute gibt es noch Situationen, in denen sie das Gefühl hat, sich besonders beweisen zu müssen, wie zum Beispiel in Vorstellungsgesprächen: "Man hat ein anderes Bild von einer Person und wird auch erstmal anders angeschaut. Das sind Vorurteile, die ich versuchen möchte, zu verhindern." Einmal sei sie nach einer Bewerbung ohne beigefügtes Foto explizit aufgefordert worden, einen Lebenslauf mit Bild zu schicken. Das betreffende Unternehmen habe sich daraufhin nicht mehr bei ihr gemeldet.

Londole fordert, dass frühzeitig auf Rassismus aufmerksam gemacht wird, am Besten schon im Kindergarten: "Ich würde nicht sagen, dass die Situation schlimmer oder besser geworden ist. Und ich glaube auch, dass es gleich geblieben ist, weil das Thema in der Grundschule gar nicht aktiv angesprochen wird." Man sollte Kindern schon früh beibringen, dass Menschen verschieden seien und Toleranz umso wichtiger. "Es kann auch in Form von Bildern sein, dass man erklärt: Es gibt schwarze Menschen, es gibt weiße Menschen, es gibt asiatische Menschen." Nur so könnten Kinder schon früh lernen, wie wichtig es sei, den Menschen selbst unabhängig von seiner Herkunft oder seines Aussehens zu betrachten.

"Es müssten mehr auf die Straße gehen"

Vor fast zwei Jahren übernahm Victor Nettey eine Traditionsmetzgerei in Speyer. Seine Familie zog aus Ghana nach Deutschland, er wuchs in Speyer auf und hat einen Hang zur Pfälzer Küche. Nettey postet auf Youtube, Facebook und Instagram regelmäßig Videos, Bilder und Stories rund um seine Metzgerhandwerk. Vor allem als Kind habe er Rassismus erlebt, erzählt Nettey dem SWR-Magazin Zur Sache Rheinland-Pfalz. Als Fußball spielendes Kind beschimpfte ihn der Vater eines gegnerischen Spielers: "Ich wiederhole den Ausdruck ungern, denn es hat da schon wehgetan, wenn ich mich so zurückerinnere. Als Kind versteht man das ja nicht so. Und als Erwachsener - habe ich gedacht - sollte man es besser wissen, sollte man eigentlich klüger sein. Aber in dem Augenblick war er es nicht."

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Die Erfahrungen mit Rassismus haben Nettey geprägt - er sieht sich nur bedingt als Teil der Mehrheitsgesellschaft, obwohl er seit seinem zweiten Lebensjahr in Deutschland lebt. Oft habe er das Gefühl, in zwei verschiedenen Welten zu leben: "Manchmal spüre ich schon die Blicke, das ist in mir. Dann werde ich doch auch zurückgeholt - dass ich doch kein Deutscher bin." Die gerade stattfindenden Demonstrationen befürwortet er. Aber: "Es ist zu wenig, ergo bringt es auch nichts. Wenn mehr Leute auf die Straße gehen würden, würde die Politik auch reagieren."

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Wie rassistisch ist die Polizei?

Inwiefern von Rassismus auch die Polizei in Deutschland betroffen ist, ist in der Politik selbst seit Wochen ein strittiges Thema: Die SPD-Bundesvorsitzende Esken hatte eine heftige Debatte angestoßen, als sie der Polizei einen "latenten Rassismus" diagnostizierte und die Einrichtung einer unabhängigen Beschwerdestelle forderte. Die Bundesregierung will mögliche rassistische Tendenzen bei der Polizei jetzt wissenschaftlich untersuchen lassen. Doch Esken erntete auch viel Widerspruch - sowohl von Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) als auch von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Laut Bundesinnenministerium gab es bei der Bundespolizei seit 2012 insgesamt 25 Rassismus-Verdachtsfälle. Davon seien 16 Fälle durch interne Hinweise bekannt geworden.

In Rheinland-Pfalz sehen die Polizeigewerkschaften keinen strukturellen Rassismus bei der Polizei. Einen latenten Rassismus herbeizureden, entbehre jeglicher Grundlage, sagte die Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Sabrina Kunz. Allerdings könne niemand von sich behaupten, frei von Vorurteilen zu sein. Perla Londoles Einschätzung geht in eine ähnliche Richtung: Mit der Polizei selbst habe sie keine schlechten Erfahrungen gemacht. Sie kenne aber durchaus Menschen, die beispielsweise "einfach so kontrolliert werden, ohne Grund". Dafür verantwortlich sind ihrer Meinung nach eben bestehende Vorurteile. Man dürfe nicht den Fehler machen, Menschen nur deswegen in Schubladen zu stecken, "weil die Polizei in dem Bereich Erfahrungen mit schwarzen Menschen gemacht hat, die nicht positiv waren".

Vielfalt "integraler Bestandteil" der rheinland-pfälzischen Polizei

In die Offensive begeben sich Mitarbeiter des Polizeipräsidiums Rheinpfalz in Ludwigshafen: Sie haben unlängst ein YouTube-Video veröffentlicht, in dem 16 Polizeimitarbeiter in verschiedenen Sprache "Nein" zu Rassismus sagen. Das Video soll ein Zeichen setzen - auch gegen Gewalt. "Wir sind eine Bürgerpolizei aus Überzeugung", erklärte Polizeipräsident Thomas Ebling in einer Mitteilung zu dem Video. "Wir haben einen Eid auf die Verfassung abgelegt und wir treten aufrecht, offen, konsequent und menschlich auf. Aus diesem Grund ist Rassismus mit nichts kompatibel was uns wichtig ist." Die Polizisten zeigten in dem Video stellvertretend ihr Gesicht und stünden für eine weltoffene Polizei ein, heißt es. Vielfalt sei ein integraler Bestandteil der rheinland-pfälzischen Polizei.

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