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Traditionell ist der Fastenmonat Ramadan für gläubige Muslime eine Zeit des Zusammenrückens. Mit dem Konzept des "Social Distancing" ist das nur schwer zu vereinbaren. Wie gehen Muslime in Rheinland-Pfalz mit der Situation um?

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Als am Donnerstagabend die Sonne unterging, begann der muslimische Fastenmonat Ramadan. Gläubige auf der ganzen Welt fasten nun vier Wochen lang tagsüber, erst nach Sonnenuntergang wird das tägliche Fasten gebrochen. Normalerweise wird dann gemeinsam gegessen und getrunken. In Rheinland-Pfalz leben etwa 200.000 Muslime - sie bilden damit die drittgrößte religiöse Gemeinschaft und stellen rund fünf Prozent der Bevölkerung des Landes.

Für sie hat, so wie zuvor für die Christen das Osterfest und für die Juden Pessach, der Ramadan unter besonderen Bedingungen und mit erheblichen Einschränkungen begonnen. So sorgt die Corona-Pandemie dafür, dass das erste Fastenbrechen am Donnerstagabend nicht wie sonst in größerer Runde stattfinden konnte.

Kontaktbeschränkungen werden eingehalten

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hatte zuvor die Einhaltung der Kontaktbeschränkungen zugesagt: "Die Unversehrtheit der Menschen ist dabei nicht nur Bürgerpflicht, sondern steht im vollkommenen Einklang mit unseren Glaubensbestimmungen", so der Vorsitzende Aiman Mazyek. Der Zentralrat stimme sich mit dem Krisenkabinett und dem Bundesinnenministerium ab, was gesundheitlich erforderlich sei.

Nun steht fest, dass die Moscheen zumindest zu Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan noch geschlossen bleiben müssen. "Bevor die staatlichen Stellen eine Gottesdiensverbot ausgesprochen haben, haben Moscheen sehr frühzeitig ihren gewohnten Betrieb eingestellt und sind seit mehr als einem Monat geschlossen", betont Seyfi Ögütlü vom Landesverband der Islamischen Kulturzentren Rheinland-Pfalz (VIKZ) gegenüber dem SWR. Das übliche Gemeindeleben sei derzeit praktisch stillgelegt. Von vielen Gemeinden werden Livestreams oder Online-Konferenzen angeboten, um die Gemeindemitglieder zu erreichen.

Austausch unter erschwerten Bedingungen

Gerade der nun begonnene Fastenmonat Ramadan sei allerdings eine sehr besondere und spirituelle Zeit der Gemeinschaft und Solidarität, betont Ögütlü: "Neben Gebeten, Predigten und Koranrezitationen werden beispielsweise Iftaressen veranstaltet, die Muslime und Nicht-Muslime, Freunde und Bekannte an einen Tisch bringen und einen wichtigen Beitrag für das friedliche Zusammenleben leisten. In diesem Ramadan wird all dies anders sein."

Das bestätigt auch der Integrationsbeauftragte des Landes Rheinland-Pfalz, Miguel Vicente (SPD), im Gespräch mit dem SWR: "Es ist üblich, dass auch Nachbarn und Menschen aus dem öffentlichen Leben eingeladen werden, also ist es auch ein gesellschaftliches Ereignis, das im Rahmen von Ramadan stattfindet, und das fällt in diesem Jahr nun komplett weg."

Land im ständigen Austausch mit den Gemeinden

Miguel Vicente leitet den 2012 von der Landesregierung ins Leben gerufenen "Runden Tisch Islam". Er tagt vierteljährlich und vertritt mit seinen 22 Mitgliedern die Interessen von rund 100 Moscheegemeinden im Land. "Wir haben zuletzt Mitte Januar getagt, da war die Corona-Pandemie noch ganz weit weg von uns allen", so Vicente. Obwohl der Runde Tisch Islam aktuell deswegen nicht persönlich zusammenkommen könne, stehe er selbst im ständigen Kontakt mit den Mitgliedern, um sich auszutauschen: "Ich erlebe sie als sehr informiert darüber, was die Verordnungen in Bezug auf die Restriktionen des Landes angeht."

Schrittweise Öffnung wird beraten

Am vergangenen Sonntag erklärte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), man wolle Gottesdienste unter strengen Schutzauflagen möglichst von Mai an wieder zulassen. Dies betrifft auch die Moscheegemeinden. Unmittelbar vor Ramadan finden nach Angaben des Integrationsbeauftragten Vicente zwei Gespräche statt: Auf Einladung des Kulturstaatssekretärs würden sich zunächst die Vertreter aller Religionsgemeinschaften darüber austauschen, welche Schutzkonzepte zu erarbeiten sind und wie eine schrittweise Öffnung der Gotteshäuser ab Mai aussehen könnte. Das zweite Gespräch erfolge auf Einladung von Ministerpräsidentin Dreyer mit den islamischen Verbänden, die auch am Runden Tisch Islam vertreten sind: "Hier wird es sehr spezifisch um die Situation der muslimischen Gemeinden gehen, auch im Hinblick auf den Ramadan."

Diese seien sehr darum bemüht, den behördlichen Auflagen zu entsprechen, so Vicente: "Gerade nach den jüngsten Gesprächen der letzten Tage habe ich den Eindruck, dass alle miteinander ihren Anteil daran tun möchten, das Kontaktverbot einzuhalten. Und sie sagen auch gleichzeitig: Das kann man als islamisches Gebot verstehen, dass alles unterbunden werden soll, was dem einzelnen schadet. Insofern fühlt keiner sich zu etwas verpflichtet, das er nicht mit seinem eigenen Glauben in Übereinstimmung bringen könnte."

Corona kein Hindernis für Ramadan

Lazhar Chaari, Vorsitzender des Arbeitskreises Mainzer Muslime (AKMM), versucht, die Krise im Einklang mit dem islamischen Glauben als Chance zu sehen: "Geduld und Engagement sind gefragt - auch im Glauben. Und dort ist die höchste Priorität der Schutz der eigenen Gesundheit und der der anderen." Die Gesellschaft sei zwar räumlich getrennt - aber nicht separiert. Dies spiegle sich auch im sozialen Engagement der Gemeindemitglieder wider: "Ich sehe da viele kreative Ideen. Mich persönlich hat es berührt, dass die Moscheen in Mainz aktiv geworden sind und Initiativen für Nachbarschaftshilfen gestartet haben, um sich gegenseitig zu unterstützen und zum Beispiel für andere einkaufen zu gehen."

Für Chaari ist die Pandemie auch aus theologischer Sicht kein Problem, für das es keine Lösung gebe: "Bei Gefahr, das ist im Koran sicher überliefert, sollen Gläubige sogar zu Hause beten." In Teilen der islamischen Welt wurde darüber diskutiert, ob Gläubige angesichts der Pandemie in diesem Jahr komplett von der Pflicht zum Fasten befreit werden könnten. Diese Diskussion hält Ögütlü vom VIKZ für nicht nachvollziehbar: "Die Pandemie hat zwar große Auswirkungen auf das religiöse Leben im Ramadan, aber sie hat keine direkten Auswirkungen auf das Fasten selbst, außer beim Krankheitsfall. Dafür gibt es aber unabhängig von Corona Ausnahmeregelungen."

Soziale Komponente des Gemeindelebens fehlt

Viel schwieriger sei für viele Gemeindemitglieder die soziale Dimension der Situation: "Sie müssen auf alltägliche Dinge des Gemeindealltages verzichten und vermissen das Gemeindeleben sehr." Einige Aktivitäten würden derzeit online angeboten. "Dadurch wird zumindest etwas Abhilfe geschaffen. Nichtsdestotrotz wünschen sie sich eine baldige Rückkehr zum religiösen Gemeindeleben."

Auch aus Sicht Vicentes ist das größere Problem für viele das Fehlen eines Orts, an dem religiöse und soziale Dienstleistungen angeboten werden. Die Gemeinden bereiten außerdem die langfristigen Folgen der Corona-Pandemie Sorgen, denn alle Moscheegemeinden lebten vor allem von Spenden: "Die Freitagsgebete, nach denen vor Ort gesammelt wird, finden ja derzeit nicht statt. Und alle miteinander beklagen, dass sie vor massiven wirtschaftlichen Problemen stehen, weil die Einnahmen hier zusammenbrechen."

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Gemeinden sollen nicht zu langfristig planen

Einen Zeitplan für die schrittweise Wiedereröffnung von Gotteshäusern gibt es nach Auskunft des Integrationsbeauftragen Vicente noch nicht: "Wir haben den Verbänden mitgeteilt, dass sie nicht zu langfristig planen sollten. Ich weiß von keiner Moscheegemeinde, die jetzt schon das Zuckerfest plant - im Gegenteil, die Gemeinden weisen ihre Mitglieder darauf hin, sich an das Kontaktverbot zu halten."

Mit dem Zuckerfest endet am Abend des 24. Mai der Ramadan: Gefeiert wird es in der Regel mit einem mehrtägigen Fest, das ganz im Zeichen der Familie steht. Besonders Kinder, die vor dem Eintritt in die Pubertät nicht fasten müssen, freuen sich darauf, denn es gibt viele Süßigkeiten und Geschenke. Wie es dieses Jahr gefeiert werden kann, ist derzeit noch offen: Über eine vorsichtige Rückkehr zum gemeinschaftlichen religiösen Leben wird weiterhin auf Bundes- und Landesebene beraten.

Wittlich Muslime hoffen auf Moscheeöffnung zu Ramadan

Wie die Christlichen und jüdischen Gemeinden in der Region Trier, hoffen auch die Muslime, ihre Gotteshäuser bald wieder für die Gläubigen öffnen zu können. Für die Muslime beginnt am 24. April der Fastenmonat Ramadan. Vor diesem Hintergrund soll es auf Bundesebene Gespräche zu einer teilweisen Lockerung der Moscheeschließungen geben.
Yilmaz Yildiz aus Wittlich, Vorsitzender des Verbandes DITIB für Rheinland-Pfalz sagte, Ramadan ohne Moschee sei für die Muslime sehr schwierig. Der Verband DITIB traue sich zu, in den Moscheen Abstände und Hygienevorgaben umzusetzen.  mehr...

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