STAND

Das Netzwerk QueerNet Rheinland-Pfalz fordert von der Landesregierung eine Wiedergutmachung für die Verfolgung Homosexueller nach dem Ende der Nazi-Diktatur. Bis 1969 war Homosexualität unter Männern eine Straftat.

Von 1947 bis 1969 habe es in Rheinland-Pfalz allein rund 6.000 Strafverfahren wegen des Paragrafen 175 gegen homosexuelle Männer gegeben - und 2.880 Urteile, sagte Joachim Schulte von QueerNet Rheinland-Pfalz der Deutschen Presse-Agentur in Mainz. Das Land solle einen Fonds auflegen, mit dem die Regionalgeschichte der Homosexuellenverfolgung erforscht und eine Erinnerungskultur aufgebaut werden könne. Es gehe darum, die Erfahrung wachzuhalten, dass Verfolgung auch in einer Demokratie passieren könne.

Dauer

Entdeckung bedeutete den sozialen Tod

Dazu sei die "soziale Verurteilung" gekommen, die zu vielen Suiziden von Schwulen geführt habe, erinnert Schulte. "Das ist überhaupt nicht erforscht." Der Landtag habe sich 2012 für die Verfolgung homosexueller Menschen entschuldigt. Das sei ein wichtiger Schritt gewesen. Acht Jahre später und 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz sei es aber an der Zeit für Wiedergutmachung der Verfolgung.

Mit der Befreiung Deutschlands von der NS-Diktatur endete die Verfolgung Homosexueller nicht. "Es gibt sonst keine Opfergruppe, die diese Kontinuität mit demselben Gesetz und denselben Richtern erlebt hat", sagt Schulte. Die Gefängnisse seien im Sommer 1945 für viele Schwule auf- und im Herbst des selben Jahres wieder zugegangen. Das Leben mit Erpressung und Suizid sei auch später weiter gegangen. Entdeckt zu werden habe für viele Schwule lange den sozialen Tod bedeutet. Bereits in der Lagerhierarchie der Nazis hätten Homosexuelle ganz unten rangiert und sich daher oft als politische Gefangene ausgegeben.

Gemeinsamer Antrag von Ampelfraktionen und CDU

Die Verfolgung Homosexueller ist am Holocaust-Gedenktag erstmals Thema einer Plenarsitzung des Landtags. Die drei Ampelfraktionen und die oppositionelle CDU fordern in einem gemeinsamen Antrag zur Gedenkkultur von der Landesregierung, den mit dem Forschungsprojekt "Verfolgung und Diskriminierung von Homosexualität in Rheinland-Pfalz (1946-1975)" begonnenen Aufarbeitungsprozess der strafrechtlichen Verfolgung, Diskriminierung und Rehabilitierung homosexueller Menschen fortzuführen - unter Berücksichtigung regionalgeschichtlicher Aspekte.

Die Ausstellung "Verschweigen - Verurteilen. Verfolgung von Homosexualität in Rheinland-Pfalz von 1946 bis 1973" zeigt derzeit im Landtag die Hintergründe der Verfolgung. Sie ist bis zum 7. Februar im Foyer des Abgeordnetenhauses (Kaiser-Friedrich-Straße 3) zu sehen. Montags bis freitags, 8.00 bis 17.00 Uhr.

STAND
AUTOR/IN