Die vietnamesische Projektteilnehmerin Mong Thuy To (r) steht am 11.01.2018 neben Praxisanleiterin Alina Wulf auf der Station der Abteilung für Geriatrie am Zentrum für Allgemeinmedizin und Geriatrie der Universitätsmedizin Mainz (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Peter Pulkowski/Universitätsmedizin Mainz/dpa | Peter Pulkowski)

Krankenpflege in Rheinland-Pfalz

Pflegekräfte aus dem Ausland: Erfolgreicher Weg aus der Personalnot?

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Götz Kohlmann

Der Bedarf an Fachkräften in der Pflege in Krankenhäusern ist hoch. So heißt es immer wieder und insbesondere vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie. Auch im Ausland wird seit Jahren intensiv um Personal geworben. Mit dauerhaftem Erfolg?

Schon vor der Corona-Krise war der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen eine der größten Aufgaben der Gesundheitspolitik. Weil das Problem nicht neu ist, läuft bereits seit 2013 ein Programm der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) bei der Bundesagentur für Arbeit. Unter dem Namen "Triple Win" werden Pflegefachkräfte aus dem Ausland angeworben.

Wie hoch ist der Anteil der ausländischen Pflegekräfte in Kliniken und Heimen in Rheinland-Pfalz? Die zuständigen Ministerien teilen dazu auf SWR-Anfrage mit, eine spezielle Auswertung liege nicht vor. Laut Angaben der Bundesagentur für Arbeit beträgt der Anteil deutschlandweit in der Gesundheits- und Krankenpflege 12,1 Prozent, in der Altenpflege 11,7 Prozent, in der Krankenpflegehilfe 30,7 Prozent und in der Altenpflegehilfe 29,5 Prozent. Diese Zahlen seien für Rheinland-Pfalz übertragbar, so das Arbeits- und Sozialministerium.

Immer mehr kommen von außerhalb der Europäischen Union

Am Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern mit seinen vier Standorten waren im vergangenen Jahr 202 ausländische Pflegekräfte beschäftigt (Stand Mitte 2021). Der Bedarf an den Standorten sei natürlich unterschiedlich, sodass der allergrößte Teil von ihnen am größten Standort in Kaiserslautern beschäftigt sei, sagt Pflegedirektorin Andrea Bergsträßer. Doch wie lange bleiben diese Mitarbeiter? 2016 habe man verstärkt begonnen, ausländische Pflegerinnen und Pfleger zu aquirieren. Von denen, die man damals angeworben habe, seien heute noch 76 Prozent anwesend, erläutert sie. Zunächst habe man wie wohl die meisten Kliniken innerhalb der EU gesucht, weil das auch einfacher sei. Doch der Blick richte sich zunehmend in Drittstaaten außerhalb der EU.

Das Westpfalzklinikum in Kaiserslautern (Foto: SWR)
Das Westpfalzklinikum in Kaiserslautern.

Von den Vollkräften der Universitätsmedizin Mainz im Pflegedienst kommen 6,6 Prozent aus dem europäischen Ausland (Stand 31.12.2021). Der Anteil hat sich in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert. Insgesamt halten sich bei dieser Personengruppe Zu- und Abwanderung die Waage. Anders sieht es hingegen bei den Drittstaaten aus. Hier beträgt der Anteil nach Angaben der Unimedizin etwas mehr als zehn Prozent. Dies stellt einen deutlichen Anstieg an Beschäftigten im Pflegedienst aus Drittstaaten dar, denn im Jahr 2015 waren es nur 3,5 Prozent.

Anwerbung der Fachkräfte ein komplizierter Prozess

Man werbe ebenso über staatliche Programme wie über private Vermittlungsagenturen die Beschäftigten an, sagt Pflegedirektorin Bergsträßer. Mit manchen Agenturen arbeite man schon sehr lange zusammen. Der Markt der Agenturen sei riesig und ihr Angebot unterschiedlich und man müsse als Einrichtung schon sehr genau hinschauen, mit wem man zusammenarbeite. Manche Agenturen würden auch bei dem kompletten Prozess der Anwerbung helfen, denn der sei sehr kompliziert. Das reiche von Terminen bei der Botschaft bis zu notwendigen Papieren, die noch fehlen.


Corona-Pandemie hat Bindung an die Heimat verändert

Auf die Frage, ob es bestimmte Gründe für die Rückkehr von Fachkräften in ihre Heimatländer gibt, sagt Bergsträßer: Ja, ein Grund sei ganz wichtig - die Bindung an die Familie. In den zwei Jahren Corona-Pandemie habe man da besondere Erfahrungen gemacht. Die ersten Beschäftigten habe man aus Italien angeworben, ein Land, dass dann durch die Pandemie sehr stark betroffen war. Italien habe auf die Pandemie deutlich reagiert und Stellen geschaffen für Pflegende. Das habe den Arbeitsmarkt in Italien verändert. Daher sei ein Teil der hiesigen Italiener, den man integriert hatte, wieder zurückgekehrt, weil sie dort Stellen bekamen.

Quarantäneregeln erschweren das Reisen

Die Folgen von Covid-19 hätten den Markt verändert, sagt Bergsträßer. Vor Covid sei es so gewesen, dass ihre Leute - unter denen auch viele aus Balkanstaaten kämen - mit Bus oder Flugzeug für relativ wenig Geld mal schnell hin und her reisen konnten. Aufgrund der Pandemie habe sich das deutlich verändert. Die Heimreise sei kompliziert geworden, etwa durch Quarantäneregeln. Die fehlende Unkompliziertheit habe das Thema Heimweh verstärkt. Ein Grund, warum auch Menschen die Klinik verlassen hätten.

Die Unkompliziertheit (des Pendelns) ist weggefallen und das hat das Thema Heimweh einfach noch mal verstärkt.

Pflegedirektorin Bergsträßer: "Man braucht Kümmerer."

Was wird getan, damit die ausländischen Mitarbeitenden gut integriert werden? Wichtig seien die Arbeitsbedingungen. Das fange damit an, dass man die anwesenden Beschäftigten auf die neuen Kollegen gut vorbereite, etwa in Form von Seminaren. Man versuche eine Willkommenskultur aufzubauen. Man bitte etwa andere ausländische Kollegen um Unterstützung bei der Integration, sagt Bergsträßer, etwa bei der Suche nach einer Wohnung, um quasi "Patenschaften" herbeizuführen. Man brauche definitiv "Kümmerer" mit viel Zeit und Energie. Bergsträßer verweist auf mangelnde sprachliche Fähigkeiten, Ängste. Das brauche Begleitung. Die Leute müssten sich angenommen fühlen. Ein Paraderezept gebe es da sicher nicht.

Auch die Universitätsmedizin Mainz verweist darauf, wie wichtig Maßnahmen zur Integration seien. Dies müsse schon vor der Anerkennung des Berufsabschlusses beginnen. Kenntnisse der deutschen Sprache seien da natürlich ein wichtiges Element, erklärt Pflegevorstand Marion Hahn. Um die Mitarbeitenden zu unterstützen, fördere die Unimedizin die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, beispielsweise durch ihr Familienservicebüro. Auch durch flexible Arbeitszeitmodelle wolle man als Arbeitgeber attraktiv bleiben. Darüber hinaus kooperiere man bei der Integration der Pflegekräfte aus dem Ausland mit dem Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz (ISM). Die Mitarbeiter begleiten die Menschen während des Anerkennungsverfahrens.

Sprache durchaus eine Hürde

Zum Punkt Sprachkenntnisse betont Bergsträßer, dass es eine Anerkennung in Deutschland als Pflegefachkraft nur mit bestandener Sprachprüfung gebe. Zwei Jahre dauere die Anerkennungsphase. Eine weitere Hürde sei manchmal auch der Dialekt, das könne eine große Herausforderung für alle Beteiligten sein. Die ausländischen Fachkräfte sollten alleine wirklich erst dann arbeiten, wenn man sicher sei, dass sie das auch können. Schwierige Situationen gebe es, sagt Bergsträßer, denn auch wenn eine Pflegekraft noch nicht eigenverantwortlich arbeite, so gehe sie doch allein zum Patienten. Wichtig sei, dass der Mitarbeiter wisse, dass er, wenn er einen Patienten nicht richtig versteht, immer Hilfe holen muss. Da dürfe man nicht aus dem falsch verstandenen Wunsch, alles allein regeln zu wollen, zögern. Es sei kein Manko, nicht alles zu verstehen. Es sei dann gerade professionell, jemand anderes zu holen. Bis zu zwei Jahre könne es dauern, bis jemand in Eigenverantwortung arbeiten dürfe. Man dürfe aber nicht vergessen, in punkto Sprache gebe es auch "total nette, köstliche Anekdoten" aus der Klinik.

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"In vielen Ländern bessere Pflegeausbildung als in Deutschland"

Die ausländischen Fachkräfte am Westpfalz-Klinikum hätten immer im Heimatland eine Pflegeausbildung gemacht. Diese Ausbildungen seien unterschiedlich. Man müsse wissen, sagt Bergsträßer, es gebe viele Länder weltweit, die eine qualitativ viel bessere Ausbildung hätten als in Deutschland. Wir glaubten zwar immer gerne, wir seien das Nonplusultra; das seien wir hier aber nicht. Und das stelle auch eine Schwierigkeit bei der Integration der Mitarbeiter dar. Handlungsspielräume deutscher Krankenpfleger seien mitunter ganz andere als in einem anderen Land, wo die Ausbildung höherwertiger und breiter sei.

Die Perspektive für die Beschäftigten sei eine unbegrenzte Arbeitserlaubnis und damit auch irgendwann eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis. Man habe im Westpfalz-Klinikum höchstes Interesse daran, die Menschen ganz lange, möglichst bis zur Rente, zu behalten, sagt Bergsträßer. Das gehe aber nur mit Unterstützung vom Staat, der ihnen eine Perspektive in Deutschland bieten müsse. Sie müssten auch in die Lage versetzt werden, ihre Familie nach Deutschland zu holen. Das passiere auch sehr häufig. Und dann habe man die größtmögliche Chance, dass die Leute bleiben.


Weltweit Fachkräftemangel in der Pflege

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) glaubt nicht, dass der Bedarf an Pflegekräften durch Anwerbung aus dem Ausland gedeckt werden kann. Problematisch bei der Anwerbung aus dem Ausland sei, dass auch dort Fachkräftemangel herrsche. Eine aktuelle Studie des ICN (international Council of Nurses) stelle fest, dass weltweit etwa 5,9 Millionen Pflegekräfte fehlen. Staaten konkurrieren also miteinander um sie.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe bereits vor einigen Jahren ethische Leitlinien zur Anwerbung von Fachpersonal aus dem Ausland aufgestellt. Außerdem lasse sich bei Anwerbeprojekten immer wieder feststellen, dass die Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland wieder abwanderten, so Uwe Seibel vom DBfK Südwest.

Bei Defiziten müssen ausländische Bewerber in eine Pflegeschule

Wenn ausländische Pflegekräfte nach Rheinland-Pfalz kommen, muss zunächst ihr Berufsabschluss anerkannt werden. Zuständig ist das Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung. Der Referenzberuf ist fast ausschließlich die deutsche Krankenpflegeausbildung; eine Altenpflegeausbildung ist im Ausland weniger verbreitet. Es wird dabei nach Angaben des Ministeriums auf gesetzlicher Basis geprüft, ob die Ausbildungsinhalte identisch sind. Bestehen Defizite zur deutschen Ausbildung, müssen die Anwärter eine Pflegeschule durchlaufen. Ist das erfolgreich absolviert, erhalten sie die Berufsurkunde und können damit in Deutschland eine Tätigkeit aufnehmen.

Im Jahr 2021 wurden in Rheinland-Pfalz insgesamt 272 Berufsurkunden ausgehändigt. In welcher Einrichtung und welchem Bundesland die Antragsteller dann letztendlich arbeiten, wird behördlich nicht erfasst. Ein Vergleich mit den Vorjahren zeigt, dass die Folgen der Corona-Pandemie vorübergehend zu einer Delle führten. Im Jahr 2018 wurden 297 Berufsurkunden erteilt. Im Jahr 2019 waren es 201 und 178 im Jahr 2020. Über das Verhältnis von Zu- und Abwanderung liegen dem Ministerium keine Zahlen vor.

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