Eine Spritze mit Corona-Impfstoff vor schwarzem Hintergrund und einigen hellen Lichtspots. Wenn nach der Impfung Nebenwirkungen entstehen, lässt sich das häufig auf den Nocebo-Effekt zurückführen, wie eine Studie ergab. (Foto: IMAGO, IMAGO / Hans Lucas)

Studie zu Impfreaktionen

Was der Nocebo-Effekt mit der Corona-Impfung zu tun hat

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Nebenwirkungen von Corona-Impfungen lassen sich laut einer Studie häufig auf den Nocebo-Effekt zurückführen, der auch böser Bruder des Placebo-Effekts genannt wird. Was hat es mit dem Phänomen auf sich?

Wer über den Nocebo-Effekt schreibt oder liest, kommt um die Geschichte von Derek Adams nicht herum: Der 26-Jährige schluckte nach einem Streit mit seiner Freundin 29 Kapseln eines Antidepressivums. Mit starken Symptomen einer Überdosis wurde er in die Notaufnahme gebracht. Dort stellt sich heraus: Die Tabletten, die Adams geschluckt hatte, waren wirkungslos. Er hatte sie bei einer klinischen Studie bekommen, an der er teilgenommen hatte - nur war er in der Placebo-Gruppe. Als die Ärzte dem Patienten das mitteilten, verschwanden die Symptome.

Wenn der Beipackzettel krank macht

Der Fall von Derek Adams mag besonders drastisch sein. Es geht auch alltäglicher. Da wäre zum Beispiel das Jucken und Kribbeln im Gesicht, wenn man glaubt, etwas gegessen zu haben, gegen das man allergisch ist. Die Laktose-Intoleranz, die gar keine ist. Die Beschwerden, die man bekommt, nachdem man ein Medikament eingenommen hat, dessen Beipackzettel man vielleicht etwas zu genau studiert hat.

All diese Phänomene haben eines gemeinsam: Hinter ihnen verbirgt sich meist der Nocebo-Effekt. Er wird häufig als böser Bruder des viel bekannteren Placebo-Effekts beschrieben. Nocebo ist lateinisch und bedeutet "Ich werde schaden", Placebo hingegen "Ich werde heilen".

Der umgedrehte Placebo-Effekt

Positive Erwartungen können die Wirksamkeit eines Präparats verstärken und sogar bei einem Scheinmedikament zu einer Wirkung führen - das wird Placebo-Effekt genannt. Umgekehrt sorgt beim Nocebo-Effekt allein die Erwartung negativer Folgen dafür, dass diese tatsächlich zu spüren sind.

Diese negativen Folgen können zum Beispiel nach der Einnahme von wirkungslosen Medikamenten eintreten, aufgrund von Umwelteinflüssen, die der Betroffene als schädlich erachtet oder auch nach Impfungen.

Studie bestätigt Nocebo-Effekt nach Corona-Impfung

Eine Studie zum Nocebo-Effekt nach Corona-Impfungen sorgt für Aufmerksamkeit. Forschende der Harvard Medical School und der Philipps-Universität in Marburg veröffentlichten eine Studie im Fachmagazin "Jama Network Open", aus der hervorgeht, dass ein großer Teil der empfundenen Impfreaktionen bei Corona-Impfungen auf den Nocebo-Effekt zurückgeht.

Für ihre Forschungen analysierten die Forscher zwölf klinische Studien zu Impfungen mit verschiedenen Corona-Impfstoffen mit insgesamt rund 45.380 Teilnehmern, die Impfreaktionen meldeten - davon 22.802, die Impfstoff gespritzt bekommen hatten, und 22.578, die ein Scheinpräparat bekommen hatten, ein Mittel ohne Arzneistoff.

Anteil der Menschen, die nach der Impfung eine Impfreaktion spürten
Art der ImpfreaktionImpfung mit WirkstoffImpfung mit Scheinwirkstoff
lokal (z.B. Schmerzen an Einstichstelle)1. Impfung: 66 %
2. Impfung: 73 %
1. Impfung: 16 %
2. Impfung: 12 %
systemisch (z.B. Fieber, Kopfschmerz, Müdigkeit)1. Impfung: 46 %
2. Impfung: 61 %
1. Impfung: 35 %
2. Impfung: 32 %

Die Forscher gehen davon aus, dass insgesamt rund drei Viertel (76 Prozent) aller nach der ersten Impfung gemeldeten systemischen Impfreaktionen auf den Nocebo-Effekt zurückzuführen sind. Bei der zweiten Impfung waren es noch rund die Hälfte (52 Prozent).

Nocebo-Effekt nach Corona-Impfung überrascht nicht

Doch ist das Ergebnis wirklich überraschend? Nein, sagt Michael Witthöft, Universitätsprofessor in der Abteilung für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Experimentelle Psychopathologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz dem SWR. Er forscht seit zehn Jahren zum Thema Nocebo.

Ähnliche Werte beim Nocebo-Effekt finde man in allen Bereichen, wo Medikamente verabreicht werden. "Vielleicht ist er in der Pandemie etwas stärker ausgeprägt, weil alles bedrohlich, sehr aufgeladen und emotional ist", so Witthöft. Guter Nährboden für das Phänomen.

In die gleiche Richtung argumentieren auch die Macher der Studie: "Symptome wie Kopfschmerzen und Fieber, die besonders häufig Nocebo-Effekte sind, werden in Informationsbroschüren besonders häufig als mögliche Folgen einer Corona-Impfung gelistet", sagt Ted J. Kaptchuk, einer der Autoren der Impfstudie von der Harvard Medical School. Diese Informationen könnten dazu führen, dass die Menschen alltägliche Empfindungen auf die Impfung zurückführen und besonders ängstlich und sensibel auf Körperempfindungen reagieren.

Erwartungshaltung und Lernprozesse triggern Nocebo-Effekt

Wer fest damit rechnet, dass ihm eine Behandlung, ein Medikament, ein Lebensmittel oder ein Umwelteinfluss schaden wird, der wird womöglich tatsächlich eine negative Reaktion spüren. Eine selbsterfüllende Prophezeiung. Dahinter stecken Erwartungshaltungen und Lernprozesse. Was sich auf neurobiologischer Ebene dabei genau im Körper abspielt, ist noch nicht abschließend erforscht.

Eine wichtige Rolle für Entstehen oder Nicht-Entstehen des Nocebo-Effekts misst Witthöft auch den Medien bei: "Medien stehen unter dem Druck, Aufmerksamkeit zu generieren und das geht besser, wenn Nachrichten spektakulär oder bedrohlich formuliert sind." So würden sich etwa Überschriften nach dem Schema finden: Schadet 5G der Gesundheit? "Diese Überschrift ist quasi schon für den Nocebo-Effekt konstruiert", so Witthöft, denn sie könne Angst hervorrufen.

Auch bei der aktuellen Studie zum Nocebo-Effekt nach der Corona-Impfung beobachtet Witthöft eine problematische Berichterstattung. "Impfnebenwirkungen alle nur im Kopf", würde da getitelt. Damit würde eine Trennung von Körper und Seele suggeriert, die es so nicht gebe. "Das kreiert Angst und Ablehnung. Die Leute fühlen sich nicht ernst genommen und lesen das gar nicht mehr."

Nocebo-Effekt: Die Symptome sind real

Wichtig sei es jedoch, zu verstehen, dass es sich bei Symptomen, die durch den Nocebo-Effekt hervorgerufen werden, eben gerade nicht um Einbildung handle. "Die Symptome sind genauso real wie andere Symptome. Man kann sie mit Messinstrumenten sichtbar machen."

"Menschen sind unterschiedlich anfällig für den Nocebo-Effekt", sagt Witthöft. Grundsätzlich könne er bei den meisten auftauchen, jedoch mit unterschiedlicher Intensität. Viele Faktoren spielten dafür eine Rolle: die Persönlichkeit, die Erfahrungen, die man im Leben etwa mit Medikamenten und Impfungen schon gemacht hat. Belastung, Stress und Angst könnten Menschen anfälliger machen.

Wie man den Nocebo-Effekt wieder los wird

Aufklärung und Information könnten dem Nocebo-Effekt aber entgegenwirken. Wenn Menschen das Phänomen kennen, werde der Effekt automatisch schwächer, so Witthöft. Medien könnten durch sachliche Berichterstattung zu Themen, die möglicherweise Angst auslösen, ihren Teil beitragen.

Und auch Ärztinnen und Ärzte sollten mehr für das Thema sensibilisert werden, fordert zum Beispiel das Kompetenznetzwerk Placebo. Statt zu sehr auf unwahrscheinliche Nebenwirkungen zu fokussieren, könnte der Nutzen eines Medikaments oder einer Impfung mehr in den Mittelpunkt gerückt werden. Statt zu sagen "Fünf Prozent der Patienten vertragen dieses Medikament nicht", sei es besser zu sagen: "95 Prozent vertragen dieses Medikament sehr gut".

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