Goldbarren liegen in mehreren Reihen aufgereiht nebeneinander. Gold als Statussymbol der Superreichen. Die BASF-Erbin Marlene Engelhorn fordert, dass Reiche stärker besteuert werden sollen. (Foto: IMAGO, IMAGO / Andreas Berheide)

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BASF-Erbin Engelhorn: "Ein reicher Mensch hat Steuern zu zahlen und Punkt!"

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Mehr Steuern für Reiche - eine ungewöhnliche Forderung aus den Mündern von denen, die selbst reich sind. Doch genau das fordert eine Gruppe von Millionären, darunter die BASF-Erbin Marlene Engelhorn. Im SWR-Interview erklärt sie warum.

SWR Aktuell: Der übliche Reflex bei sehr reichen Leuten ist es normalerweise, alles zusammenzuhalten. Wie kam es, dass Sie plötzlich gedacht haben: "Ich möchte das alles anders machen"?

Marlene Engelhorn: Es ging darum festzustellen, dass man nicht allein auf der Welt ist und dass es wichtig ist, zu schauen, wem ich es verdanke, dass es mir gut geht. Demokratische Strukturen und die Gesellschaft sorgen dafür, dass es meiner Ansicht nach das einzig Konsequente ist, zu sagen: Selbstverständlich gebe ich etwas zurück. Und abgesehen davon geht es ja nicht darum, alles herzugeben und dann hat man nichts mehr. Sondern es geht darum, angemessen Vermögen zu besteuern. Das hatten wir Ewigkeiten schon. Jetzt haben wir es nicht mehr. Kein Mensch kann mir erklären, warum man nicht Vermögen besteuert, aber zum Beispiel Arbeit.

"Was habe ich davon, wenn ich alleine superreich bin? Dann bin ich ganz allein."

SWR Aktuell: Sie bezahlen ganz normal Steuern. Aber sie möchten noch mehr machen. Das geht ja gegen den normalen Reflex.

Engelhorn: Ich glaube, das ist etwas, das wir uns ganz gern erzählen. Dass das Allertollste auf der Welt der Geiz und die Habgier sind. Aber ich glaube, dass das Quatsch ist und dass das Teilen viel wichtiger ist. Was habe ich davon, wenn ich ganz alleine superreich bin? Dann bin ich ganz allein. In einer gesellschaftlichen Struktur, wo die gesamte Infrastruktur, die unser Leben bestimmt - also Kindergarten, Schule, Uni bis hin zu Krankenhäusern oder Straßennetzen - das ist alles von Steuern finanziert. Alle tragen ihren Teil bei, aber es sollte auch fair sein.

SWR Aktuell: Ihre Forderungen haben Sie zusammen als Gruppe in einen offenen Brief gepackt. Der ging an die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums in Davos in der Schweiz, wo die Mächtigen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam beraten. Gibt es da schon eine Reaktion?

Engelhorn: Das Medienecho ist auf jeden Fall sehr groß. Es gibt Krisen, die uns alle betreffen in Demokratien. Und jetzt sperren sich ein paar superreiche, supermächtige Menschen irgendwo in der Schweiz ein und entscheiden, dass sie über Vertrauensbildung und Weltrettung sprechen, statt sich dem öffentlichen Diskurs zu stellen und die Menschen, die es betrifft, zu fragen und teilhaben zu lassen an den Problemen, die es zu lösen gibt. Ich kann nicht in meinem Büro wissen, was in einem Pflegebetrieb gebraucht wird. Da muss ich zu den Pflegefachkräften gehen und muss die fragen: Was braucht ihr? Wie kann man das finanzieren? Das Mindestmaß ist, dass man wenigstens die Finanzen teilt, auf denen man sitzt und die sich wie von alleine vermehrt haben, wie wir ja auch wissen.

"Teilen ist wichtiger als Geiz und Habgier."

SWR Aktuell: Ihre Forderung nach der Reichensteuer ist ja nichts Neues. Gefühlt tut sich in der Politik trotzdem kaum etwas. Und Kritiker sagen, dass Sie sowieso nicht für die Mehrheit der Reichen sprechen. Was erhoffen Sie sich denn von Ihrem Engagement?

Engelhorn: Ich glaube nicht, dass eine Steuer nur daran bemessen werden sollte, ob die, die sie zu zahlen haben, lustig sind, sie zu zahlen. Ein reicher Mensch hat Steuern zu zahlen und Punkt. Ansonsten kann er an der Gesellschaft nicht teilnehmen und bei der Politik ist es eben ein absolutes Oberversagen. Aber das liegt auch daran, dass die Lobby des großen Geldes jetzt schon seit Jahrzehnten ordentlich Druck macht. Das ist absurd, wenn man sich anschaut, dass allein in Deutschland 400 Milliarden Euro Erbvolumen pro Jahr den Besitzer wechseln. Und was wird daraus besteuert? Acht Milliarden. Das sind zwei Prozent effektive Besteuerung. Das ist lächerlich und ein Skandal. Es funktioniert nicht. Wir haben es ausprobiert. Es funktioniert nicht.

SWR Aktuell: Schauen wir uns die neue Ampel-Regierung hier in Deutschland an. Da kommt eine Vermögenssteuer gar nicht in Frage, weil die FDP da nicht mitmacht.

Engelhorn: Aber das heißt ja nicht, dass es so bleiben muss. Das Schöne an der Demokratie ist, dass man regelmäßig wählt und nicht einmal für immer, weil man sich einbildet, man hätte jetzt die Antwort auf alle Fragen gefunden. Grundsätzlich geht es ja um die Frage, wie wir es schaffen, den öffentlichen Diskurs da hinzubringen, dass wir verstehen, was Vermögen eigentlich bedeutet. Vermögen bedeutet Macht, Einfluss auf die Politik, auf die Wirtschaft, auf die Medien. Das muss man beschneiden, indem man Vermögen beschneidet. Und das geht durch die Vermögenssteuer. Es ist komplex und es ist wichtig. Aber ich glaube, wir sind auf dem besten Weg, das zu diskutieren.

Das Interview führte Michael Lueg.

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