Mehrere Strassen in Winterbnach sind durch das Hochwasser nicht mehr befahrbar (Foto: Markus Lüttger)

Konzepte für Starkregen

Wie steht es um den Hochwasserschutz in Rheinhessen und an der Nahe?

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Verbandsgemeinden in der Region Rheinhessen-Nahe setzen beim Hochwasserschutz auf unterschiedliche Strategien: Sie nehmen Steuergelder in die Hand aber auch Privatpersonen in die Pflicht.

Nach dem Hochwasser im Ellerbachtal im Jahr 2016 war für die Verbandsgemeinde Rüdesheim im Kreis Bad Kreuznach klar: Wir brauchen ein Hochwasserschutzkonzept. Denn im trichterförmigen Ellerbachtal kommt es immer wieder zu Hochwasser, zuletzt Anfang Juni dieses Jahres. Mittlerweile ist das Hochwasserschutzkonzept fertig und wird nach Angaben von Verbandsbürgermeister Markus Lüttger (CDU) zurzeit in den 32 Ortsgemeinden vorgestellt.

Konzept soll vor Starkregen im Ellerbachtal schützen

In der Verbandsgemeinde (VG) soll das Konzept dabei helfen, die Dörfer im Ellerbachtal vor Starkregen zu schützen, sagt Bürgermeister Lüttger. Die Kosten liegen bei rund 250.000 Euro. Das Konzept sieht beispielsweise Notwasserwege vor, über die das Wasser bei Starkregen abfließen kann, sowie Quergräben im Soonwald. "Die sollen dafür sorgen, dass das Wasser nicht ungeschützt runterrauschen kann", sagt Lüttger. Der Bau dieser Quergräben soll noch in diesem Jahr ausgeschrieben werden. "Es wird aber noch weiter an dem Konzept gearbeitet, auch mit Fachbehörden wie dem Landesbetrieb Mobilität oder mit Naturschützern", sagt Lüttger. Außerdem müsse das Konzept noch mit der Landesregierung abgestimmt werden.

Hochwasserschutz: "85 bis 90 Prozent sind private Maßnahmen"

Sobald das passiert ist und auch mögliche Förderungen für Bauprojekte geklärt sind, soll das Hochwasserschutz-Konzept auch für die Bevölkerung online gestellt werden. Denn die Bürgerinnen und Bürger sind beim Hochwasserschutz auch gefragt. "85 bis 90 Prozent sind private Maßnahmen", sagt Lüttger. Wichtig sei, dass das Konzept unter die Leute kommt, damit sie für die Gefahr sensibilisiert werden.

"Anlieger, die in einem Hochwassergebiet wohnen, müssen sich ihre Gedanken machen."

So gibt es in dem Hochwasserkonzept der Verbandsgemeinde Rüdesheim/Nahe bei vielen Häusern zum Beispiel den Vermerk, dass die Inhaber immer Sandsäcke zu Verfügung haben sollten. Für bauliche Maßnahmen stellt der VG-Bürgermeister den Bürgerinnen und Bürgern Beratungen auf Kosten der Kommune in Aussicht.

Private Vorsorge zum Hochwasserschutz gesetzlich verankert

Auch das Klimaschutzministerium weist darauf hin, dass diese Vorsorgekonzepte auch zur Eigenvorsorge motivieren sollen. Denn die private Vorsorge sei ein wichtiger Baustein des Hochwasserrisikomanagements. Zusätzlich sei aber auch jede Person gesetzlich dazu verpflichtet, im Rahmen des Möglichen Vorsorgemaßnahmen zum Hochwasserschutz zu treffen.

In der VG Rhein-Nahe wird seit 2016 an Konzept gearbeitet

In der VG Rhein-Nahe im Kreis Mainz-Bingen ist ein Hochwasserschutzkonzept seit dem Jahr 2016 in Arbeit. Der Abschlussbericht sei für diesen Sommer geplant, sagt Thomas Czech, Werkleiter des Abwasserwerks. Die Erstellung eines solchen Konzepts dauere so lange, weil das zuständige Mainzer Planungsbüro ausgelastet sei, sagt Czech. Außerdem seien die Anforderungen der Politik an diese Konzepte sehr hoch und es gebe kaum Erfahrungswerte.

Holzbrücken über den Hasselbach im Morgenbachtal (Foto: Imago, IMAGO/imagebroker)
2016 hatte es im Morgenbachtal starke Überschwemmungen gegeben. Imago IMAGO/imagebroker

Entscheidend sei aber auch in der VG Rhein-Nahe, dass die Gefahr von Hochwasser immer wieder thematisiert wird und die Bevölkerung weiß, wie sie sich verhalten muss. Denn im Morgenbachtal gebe es keine Sicherheit gegen Hochwasser, sagt Czech. So hatte es 2016 und 2018 rund um das Morgenbachtal starke Überschwemmungen gegeben. Zusätzlich bestehe die Gefahr von Erdrutschen, so der Werkleiter.

VG Rhein-Nahe setzt auf Geröllfang und Rückhaltebecken

Etwas Sicherheit soll aber zukünftig ein sogenannter Geröllfang oberhalb von Trechtlingshausen (in der Planung) und das Rückhaltebecken am Steinbruch Sooneck bringen.

Nachdem Wasser aus dem Steinbruch 2018 die Bundesstraße 9 überflutet hatte, wurde 2019 dort ein Rückhaltebecken mit einem Volumen von 13 Millionen Litern errichtet, sagt der Leiter des Steinbruchs Willem Douw. Zusätzlich soll ein Einlaufbauwerk bei Starkregen, das mit Schlamm und Sand verschmutzte Wasser des Steinbruchs, aufnehmen.

VG Rhein-Selz plant Hochwasserkonzepte für drei Ortsgemeinden

Die VG Rhein-Selz plane zurzeit Hochwasserkonzepte für die Ortsgemeinden Hahnheim, Selzen und Köngernheim, die direkt an der Selz liegen, sagt Gabriele Wagner (CDU), Beigeordnete für bauliche Infrastruktur. Die Verbandsgemeinde gehört zum Kreis Mainz-Bingen. Wagner sieht beim Hochwasserschutz aber auch die Bürger in der Pflicht. Schließlich gebe es in ihrer Verbandsgemeinde bereits Karten von Orten, die von einem Hochwasser betroffen sein könnten (Hochwasserrisikokarte des Landes Rheinland-Pfalz).

So könnten sich Betroffene zum Beispiel auf ihrem Grundstück um Regenrückhaltung bemühen, sagt Wagner. Hochwasserschutzkonzepte seien zwar gut, aber sie müssten auch umgesetzt werden. "Sie müssen auch in die Köpfe der Bürger. In der Schublade bringen die Konzepte nichts."

Ein kleiner See, der von dem kleinen Flüsschen Selz gespeist wird (Foto: SWR)
Hier hat die Selz viel Platz bekommen, um sich auszubreiten - zwischen Sörgenloch und Nieder-Olm.

Gewässer brauchen Auslauf

Die VG Rhein-Selz hat beim Hochwasserschutz bisher vor allem auf die Renaturierung der Gewässer gesetzt. So fließt die Selz seit 2018 bei Friesenheim wieder in ihrem alten Flussbett, der Nordelsheimer Bach bei Undenheim wurde 2019 renaturiert und der Weinholsheimer Flutgraben 2020, sagt die Beigeordnete Gabriele Wagner. Der Sauerwiesengraben bei Dorn-Dürkheim soll demnächst auch noch folgen. "Die Gewässer brauchen Auslauf", sagt Wagner. "Das ist die einzige Möglichkeit gegen Hochwasser."

Neben der VG Rüdesheim/Nahe und der VG Rhein-Nahe erarbeiten in der Region aktuell sechs weitere Verbandsgemeinden und die verbandsfreien Städte Bingen und Alzey ein sogenanntes "Hochwasser- und Starkregenvorsorgekonzept", teilt das rheinland-pfälzische Klimaschutzministerium mit. Das Land fördere diese Konzepte mit bis zu 90 Prozent der Kosten. Sie müssten aber von den Kommunen in Auftrag gegeben werden.

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