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Millionenfach werden fragwürdige, irreführende Videos rund um das Coronavirus verbreitet. Wieso sie boomen und wie man Verschwörungstheorien entkräften kann, erklärt Flemming Ipsen von Jugendschutz.net im Interview.

SWR Aktuell: Aktuell sorgen "Corona-Rebellen", "Hygiene-" und andere Widerstandsdemos für Aufsehen - sind das aus Ihrer Sicht alles Anhänger von Verschwörungstheorien?

Flemming Ipsen: Teilweise zeigt es sich sehr deutlich, dass dort Verschwörungstheorien eine große Verbreitung haben. Wenn man sich anschaut, welche Slogans dort hochgehalten werden – auch wie die Internet-Kommunikation innerhalb dieser Gruppen stattfindet – so spielen Verschwörungstheorien schon eine große und beachtliche Rolle. Wir sehen, dass sich Verschwörungserzählungen wie zum Beispiel, dass 5G-Funkmasten für COVID-19-Symptome verantwortlich wären oder der Virus eine im Labor gezüchtete Biowaffe sei, durchaus auch in diesen Gruppen wiederfinden und dort propagiert werden.

Jugendschutz.net-Referent Flemming Ipsen (Foto: jugendschutz.net)
Flemming Ipsen arbeitet im Bereich Politischer Extremismus bei jugendschutz.net jugendschutz.net

SWR Aktuell: Wie sehr boomen denn gerade diese Verschwörungstheorien rund um Corona? Über welche Reichweiten reden wir?

Ipsen: Insgesamt verbreiten sich diese Verschwörungserzählungen tatsächlich rasend schnell. Entsprechende Videos werden auf YouTube beispielsweise millionenfach geschaut. Kanäle von rechtsextremen Akteuren, beispielsweise beim Messengerdienst Telegram, haben in den letzten Wochen ihre Mitgliederzahlen teilweise verdreifacht und mittlerweile über hunderttausend Mitglieder. Wir sehen also, dass diese Verschwörungstheorien und diese Kanäle auch immer mehr Menschen erreichen. Insbesondere Rechtsextreme versuchen aus dieser Corona-Pandemie Kapital zu schlagen, indem sie gezielt Propaganda dort ansetzen, wo Verunsicherung und auch Ängste herrschen und es ihnen so auch gelingt, über die eigene Szene hinaus zu wirken.

SWR Aktuell: Welche deutschen Anbieter finden Sie denn gerade bedenklich?

Ipsen: Es gibt sehr viele, die auch im deutschsprachigen Raum solche Verschwörungserzählungen verbreiten. Was wir beobachten, ist, dass Akteure, die vorher gar nicht so sehr im Fokus waren, solche Verschwörungserzählungen verbreiten. Wenn beispielsweise bekannte Sänger wie Xavier Naidoo jetzt auch öffentlich verstärkt auftreten als Leute, die Verschwörungserzählungen anhängen, steigert das natürlich auch die Popularität solcher Erzählungen und kann so auch neue Menschen erreichen.

SWR Aktuell: Viele von uns haben Familien-Chat-Gruppen, zum Beispiel bei WhatsApp, aber auch bei Telegram. Wie gehe ich damit um, wenn da merkwürdige Nachrichten oder Videos auftauchen?

Ipsen: Um Verschwörungserzählungen nicht auf den Leim zu gehen, ist die grundlegende Kompetenz die, die auch im Umgang mit Medieninhalten gilt: Inhalte zu hinterfragen, die Quellen zu prüfen und dann auch zu überlegen, was eine mögliche Reaktion darauf wäre. Gerade mit Blick auf die Corona-Pandemie gibt es ja auch eine Fülle an Artikeln und Beiträgen, die kursierende Verschwörungserzählungen mit fundierten Argumenten widerlegen. Gerade diese können dann als Material dienen, um im Gespräch mit Familienangehörigen, Freunden, Kolleginnen und Kollegen rote Linien deutlich zu machen und eben auch argumentativ gegen diese Erzählungen gegenzuhalten.

SWR Aktuell: Welche Rolle spielen Impfgegner gerade in der Debatte? Wie beobachten Sie das?

Ipsen: Sie spielen eine große Rolle. Eines der populärsten Narrative ist, dass Bill Gates hinter dem Virus stecke, um sich mit angeblichen Investitionen in Impfstoffe zu bereichern. Oder einige gehen sogar so weit, ihm zu unterstellen, er würde dann im Zuge angeblicher Zwangsimpfungen Menschen mit einem Chip versehen wollen. Das sehen wir durchaus, dass hier letztlich die Argumentation von Impfgegnern eine große Verbreitung findet. Gerade auch ein solch klares Feindbild dient der Popularisierung von Verschwörungserzählungen, weil hier kann dann etwas fest gemacht werden. Gerade in Zeiten, die für viele Menschen mit großen Verunsicherungen oder einem gefühlten Kontrollverlust einhergehen, gibt ein solch eindeutiges Feindbild letztlich vermeintlich Orientierung. Während es schwierig ist, gegen ein unsichtbares Virus irgendwie anzukämpfen, sind der Hass und das so personifizierte Böse wie in Form von Bill Gates schlicht greifbarer.

SWR Aktuell: Warum ist das aus Ihrer Sicht gefährlich?

Ipsen: Es ist einerseits gefährlich in der Hinsicht, dass rationale Argumente und auch eine realitätsgetreue Betrachtung der gesellschaftlichen Entwicklung gar nicht mehr stattfinden kann.

Wir sehen auch, dass zum Beispiel die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Pandemie dann als Beleg genutzt werden, um einen Umbau der Bundesrepublik in eine Diktatur herbeizufantasieren, wenn man so will. Also Angela Merkel wird mit Adolf Hitler verglichen oder ihr Handeln mit der nationalsozialistischen Machtergreifung. Solche Propaganda soll auch eine antidemokratische Einstellung befördern, das Vertrauen in die Demokratie beschädigen. Auf der anderen Seite können solche Verschwörungserzählungen natürlich auch dazu führen, dass Menschen sich eben an gewisse Schutzmaßnahmen gar nicht mehr halten. Also Abstandsregelungen oder Maskenpflicht nicht mehr einhalten. Und so auch aktiv zu einer Verbreitung des Virus beitragen können. Was letztlich die Gesundheit anderer Menschen gefährdet.

SWR Aktuell: Welche Maßnahmen gibt es denn, um diese Verschwörungstheorien zu entkräften?

Ipsen: Es gibt auf jeden Fall Möglichkeiten diese Verschwörungserzählungen zu entkräften. Es geht letztlich auch darum - sofern Menschen noch für Argumente erreichbar sind, was nicht immer der Fall ist - hier mit eindeutigen Belegen und guten Argumenten dagegen zu argumentieren und zu zeigen, es ist eben nicht so, dass Bill Gates jetzt der Strippenzieher im Hintergrund und für das Virus verantwortlich ist. Da kann man eben wirklich auf Inhalte zurückgreifen, die es im Netz gibt, die solche Erzählungen widerlegen. Im Großen und Ganzen geht es natürlich auch darum, gerade mit Blick auf Kinder und Jugendliche, ihnen mögliche andere altersgerechte Informationsquellen an die Hand zu geben und sie so darüber aufzuklären, was denn tatsächlich überhaupt passiert.

Die Fragen stellte Kristina Kiauka.

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