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Wenn jemand stirbt, dürfen zurzeit in Mainz nur fünf Personen zur Beerdigung kommen. Sich in den Armen liegen ist tabu. Trauerrednerin Kirsten Witte versucht in dieser schweren Zeit zu helfen.

"Wir nehmen den Menschen, denen schon ein ganz wichtiger Teil ihres Lebens genommen wurde, die Möglichkeit, Abschied zu nehmen"

Kirsten Witte arbeitet schon seit vielen Jahren als Trauerrednerin bei einem Bestattungsinstitut in Mainz-Weisenau. Doch so viel Leid und Schmerz von Hinterbliebenen hat sie noch nie gesehen. Sie würde gerne trösten, aber die Hand halten, in den Arm nehmen – diese kleinen, aber so wichtigen Gesten des Mitgefühls sind im Moment nicht erlaubt. Es sei schlimm, mit anschauen zu müssen, dass die Menschen, die einen ganz großen Verlust erfahren haben, allein sind in ihrer Trauer.

"Freunde und Familienmitglieder, die sich sonst auf den Weg machen, die Hinterbliebenen zuhause zu trösten, sind jetzt in Quarantäne in ihren Wohnungen."

Trauerfeiern so nüchtern wie nie

Auch Blumengestecke am Grab, Verzierungen an den Särgen – alles nicht erlaubt, als Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz der Friedhofsmitarbeiter. Die Trauerfeiern sind so nüchtern gestaltet wie noch nie.

"Das ist ein Schock! Da ist nichts, was das Auge tröstet, sondern nur nackte Wahrheit."

Abschied nehmen per Videobotschaft

Kirsten Witte weiß nur zu gut, wie sich die Trauernden dabei fühlen. Auch sie hat vor Kurzem zwei geliebte Menschen verloren und musste lernen, anders Abschied zu nehmen. Sie hat ihrer Patentante noch eine lange Videobotschaft geschickt, in der sie ihr gesagt hat, was sie ihr bedeutet und wie sehr sie ihr fehlen wird. "Aber das ist letztendlich surreal", sagt Kirsten Witte. "Sie sitzen vor einer Kamera und sagen jemanden Dinge, die ihnen ganz wichtig sind und können ihn nicht berühren."

"Ich hätte sie viel lieber im Arm gehalten, ihr einfach nochmal Wärme geschenkt."

Kleine Lücken nutzen für individuellen Abschied

Doch auch wenn der Verlust nur schwer zu begreifen ist, findet Kirsten Witte in dieser Zeit der Coronakrise auch etwas Positives. Die Hinterbliebenen nehmen bewusster Abschied, sagt sie, werden kreativer und offener.

"Die Menschen sind angesichts dieser eigentlich unwürdigen Abschiedssituation bereit, neue Wege zu gehen."

Sie nutzten gemeinsam mit dem Bestattungsinstitut kleine Lücken, die den Abschied noch individuell und persönlich machen, sagt die Trauerrednerin. Es sei wichtig, Trauer, Schmerz und Leid zuzulassen. Und auch wenn Kirsten Witte den Trauernden nicht so beistehen kann, wie sie es gern würde - ihre Worte schaffen dennoch Nähe und Mitgefühl.

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