Blumen, Kerzen und Botschaften an das Opfer liegen an der Tankstelle in Idar-Oberstein. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Thomas Frey)

Mordprozess in Bad Kreuznach

Angeklagter: "Meine Schuld bestimmt seitdem mein Leben"

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Mit gesenktem Kopf betritt der Anklagte den Gerichtssaal. Alle Augen sind auf ihn gerichtet, als sein Verteidiger sein Geständnis vorliest. Für die Mutter des Opfers beginnen zwanzig qualvolle Minuten.

Es ist Freitag um kurz nach 9 Uhr. Der Angeklagte, dem vorgeworfen wird, im September vergangenen Jahres einen Tankstellenmitarbeiter in Idar-Oberstein heimtückisch erschossen zu haben, betritt den Gerichtssaal des Landgerichts in Bad Kreuznach. Im Saal wird es auf einmal mucksmäuschenstill. Man hört nur ab und an noch die Blitzlichter der Fotografen.

Auch die Mutter des Opfers ist erschienen. Ganz in schwarz gekleidet sitzt sie dem Mann gegenüber, der erst vor wenigen Monaten ihren Sohn erschossen hat. Doch ihr Blick ist während der Verhandlung meistens nach unten gerichtet.

Angeklagter wirkt ruhig und überlegt

Der Prozess beginnt und der 50-jährige Idar-Obersteiner wird von der Vorsitzenden Richterin aufgefordert, Angaben zu seiner Person zu machen. Dabei soll es vor allem um seinen beruflichen Werdegang und um sein Privatleben gehen. Ruhig und überlegt beginnt er zu erzählen, wobei er seinen Blick zunächst stets auf den Tisch vor sich richtet.

Auch die Mutter blickt weiterhin nach unten. Es scheint ihr schwer zu fallen, den Mann anzuschauen, der ihrem 20-jährigen Sohn das angetan hat. Immer wieder spielt sie nervös mit ihren Händen.

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Vorsitzende Richterin hat viele Nachfragen

Während er Angaben zu seiner Person macht, wird der 50-Jährige immer wieder von der Vorsitzenden Richterin unterbrochen. Sie hat einige Fragen, vor allem, was seinen Alkoholkonsum angeht. Aber es scheint, als ob er alle bereitwillig beantworten möchte. Nur sein Verteidiger fällt ihm ab und zu ins Wort.

Angeklagter macht einen gefassten Eindruck

Während seiner gesamten Erklärung wirkt der Beschuldigte gefasst. Erst, als die Vorsitzende Richterin ihn auf seine Familienverhältnisse anspricht, beginnt er zu stocken. Er erzählt von dem Selbstmord seines Vaters und wie dieser kurz davor seine Mutter angeschossen hat. Er beschreibt, wie seine Mutter daraufhin wochenlang im Krankenhaus war und er sie wegen der Corona-Maßnahmen nicht besuchen konnte. Auch der starke Alkoholkonsum seines Vaters wird in der Verhandlung angesprochen.

Verteidiger liest Geständnis vor

Zu der Tat selbst äußert sich der Angeklagte zunächst nicht. Er lässt sein Geständnis von seinem Verteidiger vorlesen. Wieder sind alle Augen auf den 50-Jährigen gerichtet. "Ich bereue meine Tat und schäme mich dafür. Ich weiß, welches Leid ich der Familie zugefügt habe. Meine Schuld bestimmt seitdem mein Leben in Haft" - das sind die Worte, mit denen das Geständnis beginnt.

Und das scheint auch der Moment zu sein, in dem es für die Mutter des 20-jährigen Opfers zu viel wird. Sie vergräbt ihr Gesicht in ihren Händen und fängt an zu weinen. Die detailgenaue Beschreibung der Tat, die Gedanken des Angeklagten an diesem Abend - das alles bringt sie in nur wenigen Minuten an den Tatabend im September zurück. Die Aussagen des mutmaßlichen Mörders ihres Sohnes, es wirkt, als ob sie sie an den Rand des Erträglichen bringen.

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Angeklagter gibt Corona-Maßnahmen die Schuld

Der Tod des Vaters habe seinen Mandanten sehr mitgenommen, erzählt der Verteidiger. Ebenso der Tod der Mutter. Sie starb, während er in Untersuchungshaft saß. Der 50-Jährige gibt den Corona-Maßnahmen die Schuld dafür, dass sein Vater sich das Leben genommen hat. Der Verteidiger liest vor, dass der Vater Krebs hatte und durch die Corona-Maßnahmen keinen Arzttermin bekomme habe. Deswegen habe er sich dann selbst therapiert.

Der Verteidiger fährt fort und erzählt, wie verzweifelt der Angeklagte gewesen sei, als er seine schwer kranke Mutter nicht im Krankenhaus habe besuchen können. Und er erzählt, wie sehr den 50-Jährigen die Maskenpflicht störe, da er Asthmatiker sei und durch die Maske nur schwer atmen könne.

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Er habe an diesem Abend mehrere Dosen Bier und auch Wein getrunken, liest der Verteidiger weiter vor. Dann sei der Angeklagte zur Tankstelle in Idar-Oberstein gefahren. Dort seien ihm die Sicherungen durchgebrannt, als der junge Mann ihn auf die Maskenpflicht hingewiesen habe.

Es müssen schreckliche Bilder sein, die in diesem Moment der Mutter durch den Kopf gehen. Beiden fällt es sichtlich schwer, den genauen Tatvorgang noch einmal so deutlich vorgeführt zu bekommen. Die Mutter des Opfers vergräbt immer wieder weinend ihr Gesicht in ihren Händen. Aber auch der Angeklagte wischt sich Tränen aus seinem Gesicht.

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