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Das Ingelheimer Krankenhaus stellt zum Ende des Jahres den Betrieb ein. Ein Schock für die knapp 200 Beschäftigten, denen gekündigt wurde, erzählt uns Mitarbeiterin Sandra Hofmann. Für die alleinerziehende Mutter werden es traurige Feiertage.

SWR aktuell: Frau Hofmann, wie haben Sie davon erfahren, dass es mit dem Krankenhaus zu Ende geht? 

Sandra Hofmann: Wir haben Anfang Oktober erfahren, dass das Krankenhaus wieder in der Insolvenz ist. Von da an hat man uns wöchentlich mit einer Art Infopost darüber informiert, wie der Stand der Dinge ist. Eine große Mitarbeiterversammlung konnten wir wegen Corona nicht veranstalten. Interessanterweise haben wir eine Woche, bevor das endgültige Aus für unser Krankenhaus kam, noch einen Brief erhalten, in dem von einer Betriebsübernahme zu lesen war. Diese sollte im Januar oder Februar stattfinden. Wir hatten so viel Hoffnung, dass es weitergehen wird. Dementsprechend waren wir dann sehr geschockt, als wir am 15. Dezember eine E-Mail erhalten haben, in der stand, dass das Krankenhaus schließen wird.  

Ingelheimer Krankenhaus wird geschlossen - Mitarbeiterin Sandra Hofmann ist geschockt  (Foto: privat)
Sandra Hofmann arbeitete in der Information des Ingelheimer Krankenhauses. privat

SWR aktuell: Sie schienen zwischendurch also hoffnungsvoll, dass das Krankenhaus doch erhalten wird. Wie war die Situation zwischen Hoffen und Bangen? 

Hofmann: Natürlich war das sehr anstrengend für uns. Für alle. Für die, die noch nicht so lange hier im Haus sind und auch für die, die hier seit 40 Jahren arbeiten. Die Situation war angespannt. Trotzdem hat jeder sein Bestes gegeben, ist zur Arbeit gekommen, hat Überstunden gemacht. Obwohl wir wussten, dass diese Überstunden nicht bezahlt werden können wegen der Insolvenz. Das war bei den vorherigen Insolvenzen auch schon so. Aber das hat jeder in Kauf genommen. Wir haben auf unseren Urlaub verzichtet, dass wir den Betrieb am Laufen halten – eben alles verbunden mit der Hoffnung, dass es mit dem Krankenhaus weitergeht. 

SWR aktuell: Wer hat Sie in der Situation am meisten enttäuscht bzw. von wem hätten Sie sich mehr erhofft? 

Hofmann: Ich hätte mir gewünscht, dass man uns bei der Abwicklung der Insolvenz mehr einbezogen hätte. Und ich hätte mir gewünscht, dass man uns nicht so große Hoffnungen macht, dass es mit dem Krankenhaus in eine gemeinsame Zukunft geht. Dass man uns von einer Betriebsübernahme erzählt und eine Woche später mit der Information kommt, dass es nicht weitergeht für unser Haus. Das passt irgendwie nicht zusammen. Wir sind da, was Informationen angeht, wirklich auf der Strecke geblieben. Vieles war so unklar, wir wussten zum Ende jetzt beispielsweise auch nicht mehr, wie wir die Dienste besetzen sollen. Da hätte ich mir einfach gewünscht, dass sich einige mal öfter hätten blicken lassen und uns auf den neusten Stand bringen. Der Insolvenzverwalter zum Beispiel oder auch der Oberbürgermeister hätten mehr mit uns sprechen müssen oder zumindest unsere Vorgesetzten besser informieren können. Die wussten nämlich auch von nichts. 

SWR aktuell: Was ist Ihre persönliche Perspektive und was sind Ihre Wünsche - auch in Hinblick auf Ihre Krebserkrankung? 

Hofmann: Meine Perspektive sieht so aus, dass ich diesen Schock jetzt erst einmal überwinden muss. Ich werde versuchen, über die Feiertage ein wenig zur Ruhe zu kommen, weil dieser Stress einen krank macht. Das kann ich mir nicht erlauben. Corona-bedingt sehe ich meine Zukunft sehr schwierig. Mir wurde ein großer Teil meiner Lunge entfernt im letzten Jahr, ich bin Risikopatientin. Ich muss jetzt eine Arbeit finden, die mit meinem Gesundheitszustand vereinbar ist. Ich bin körperlich nicht mehr so belastbar, wie ich das früher war. Es wird für mich schwierig werden. 

SWR aktuell: Können Sie denn überhaupt entspannt Weihnachten feiern dieses Jahr? 

Hofmann: Nein, definitiv nicht. Man versucht, das alles zu überspielen. Aber da das alles so plötzlich kam, muss man das Ganze erst einmal realisieren und verstehen. Es fließen noch immer viele Tränen, auch wenn die Informationen jetzt schon ein paar Tage alt sind. Ich war am Dienstag noch einmal im Krankenhaus, habe ein paar Restarbeiten erledigt. Ich will ja sauber aus der Sache herausgehen. Und dann sitze ich wieder zu Hause und denke „Ja, das war es dann.“ Es ist ja nicht nur die Arbeit, die man verliert. Es ist auch die Gemeinschaft. Und wir hatten in Ingelheim ein ganz besonderes Miteinander. Man ist wirklich sehr liebevoll und kollegial miteinander umgegangen.  

Das Interview führte SWR-Reporter Sebastian Grom.

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