Blick über die Stadt Mainz, aufgenommen vom Dom. Seid des Geldsegens durch den Impstoffhersteller Biontech blicken viele nationale und internationale Medien nach Mainz. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Fredrik Von Erichsen)

Nationale und internationale Pressestimmen

Geldsegen durch BioNTech: So schaut die Welt aufs "neureiche" Mainz

STAND
AUTOR/IN
Sarina Fischer

Bisher war Mainz über die Region hinaus vor allem als Fastnachtshochburg und Gutenbergstadt bekannt. Seit den Gewerbesteuereinnahmen durch BioNTech in Milliardenhöhe wird plötzlich weltweit über das "Wunder von Mainz" berichtet.

"Aber helau!", titelt zum Jahreswechsel die Süddeutsche Zeitung. In einem ausführlichen Artikel widmet sie sich der scheinbar "einzige[n] Stadt, die Glück hatte" in diesen Corona-Zeiten, während der Rest der Welt unter immer neuen Wellen der Pandemie stöhne und fluche. Das sei fast ein bisschen so, wie in einer berühmten Comic-Reihe:

"Würde man ein […] Modell von Mainz in der Welt zeichnen wollen, würde das aussehen wie die berühmte Aufschlagseite der Abenteuer des Galliers Asterix: Die ganze Welt monochrom in Sorgenfarbe, bloß eine kleine Stadt am Rhein erstrahlt in frischem Gold."

Ja, in Mainz, da dürfe man wieder träumen. Eine Stadt, die heute geprägt werde durch "Migration, Moderne und Medien". Und vor allem die Migration habe der Stadt Glück gebracht: Die BioNTech-Gründer Özlem Türeci und Uğur Şahin, beide mit türkischen Wurzeln, sie hätten Mainz nun reich gemacht. Und würden beweisen, dass Migration ein Segen sei - "das wahre Rheingold".

Mainzer Berühmtheiten: BioNTech schlägt Buchdruck

So mancher Pressevertreter hat Mainz auch persönlich besucht. Einem Redakteur von Der Tagesspiegel fiel bei einem Spaziergang durch die Innenstadt in der Weihnachtszeit neben dem prachtvoll geschmückten Weihnachtsbaum auf dem Gutenbergplatz vor dem Staatstheater noch etwas anderes ins Auge: "Dass […] die Statue des Johannes Gutenberg mürrisch von ihrem Sockel starrt, kann unmöglich an der Tanne liegen. Vielleicht missfällt dem berühmtesten Sohn der Stadt, dass Mainz nun nicht mehr zuvorderst für den Buchdruck steht, sondern für BioNTech."

Johannes Gutenberg (Foto: SWR)
Die Statue vom Erfinder des modernen Buchdrucks, Johannes Gutenberg, steht in der Nähe des Mainzer Doms.

Auch wenn Gutenbergs Gesichtsausdruck anderes vermuten lässt: Er hätte sich vielleicht auch gefreut über sein "Mainz im Glück", wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt. Es sei "wie wenn im Leuchtturm das Licht angeht" oder "wie beim Lotto": Dank BioNTech sitze die hoch verschuldete Stadt plötzlich auf einer "sprudelnden Geldquelle". Was das für die Stadt bedeuten werde? "Mainz ist - gerade im Vergleich zum etwas mehr als eine halbe Autostunde entfernten Frankfurt - eine sehr beschauliche Großstadt. Sympathisch, nahbar, aber nicht wahnsinnig weltstädtisch. Das dürfte sich nun ändern."

Aber doch bitte nur zum Positiven, hoffen die Verantwortlichen der Stadt. Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) spricht in der nationalen wie internationalen Presse immer wieder von einer "historischen Chance", die es vernünftig zu nutzen gelte. Dazu schreibt etwa die Zeitung Die Welt: "Goldene Wasserhähne wird es nicht geben im Mainzer Rathaus. Und auch keinen Zebrastreifen aus Marmor vor dem Gebäude, wie ihn sich das zu Wohlstand gelangte Sindelfingen einst genehmigte."

Wie im Märchen: "Das Wunder von Mainz"

"Das Wunder von Mainz" ist der Titel des zugehörigen Artikels - im Übrigen eine gern gewählte Überschrift auch in anderen Zeitungen. Ähnlich beliebt scheint in der Presse zudem noch ein anderes Motiv zu sein - und zwar das eines Märchens. In Der Welt ist zum Beispiel zu lesen: "Und wie in einem Märchen färbt das Glück des Unternehmens mit der beinahe prophetischen Firmenadresse An der Goldgrube […] auf seine Umgebung ab. Die Frage ist allerdings, ob das Aschenputtel vom Rhein dem Wunder überhaupt gewachsen ist."

Mehrere französische Medien, darunter die Zeitung Libération und der Nachrichtensender France24, nennen BioNTech das "Huhn mit den goldenen Eiern" - eine französische Redewendung, die in etwa dem deutschen Goldesel entspricht. Genau wie in Deutschland stammt sie in Frankreich ursprünglich aus einem Märchen. Und die Neue Zürcher Zeitung schreibt: "Aus dem David ist längst ein Goliath geworden."

Journalisten stehen vor der Zentrale von Biontech.  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Boris Roessler)
Seitdem BioNTech seinen Corona-Impfstoff entwickelt hat, ist das öffentliche Interesse an dem Unternehmen riesig. picture alliance/dpa | Boris Roessler

Was macht Mainz mit dem ganzen Geld?

Dass die internationale Presse Mainz für sich entdeckt hat, bekommt auch die Stadtverwaltung durch zahlreiche Interviewanfragen aus aller Welt zu spüren. Dabei geht es vor allem um die Fragen: Warum ist Mainz plötzlich so reich? Und was macht es jetzt mit dem ganzen Geld? Auf letztere Frage findet Oberbürgermeister Ebling auch die eine oder andere scherzhafte Antwort. Der französischen Tageszeitung Libération sagte er zum Beispiel: "Ich lasse mich vom französischen Königtum inspirieren und werde die Innenbereiche aller unserer öffentlichen Gebäude vergolden."

Der britischen Tageszeitung The Guardian antwortete Ebling, Mainz werde den Geldsegen unter anderem nutzen, um seinen Ruf als "Innovator im Fußball" zu pflegen. Als Beispiele werden vom Guardian dann natürlich Liverpool-Coach Jürgen Klopp und Chelsea-Coach Thomas Tuchel genannt, die sich beide bei Mainz 05 einen Namen als Trainer gemacht haben. "Unsere Fußballfelder werden in so einem Zustand bleiben, dass jeder Spieler einen sauberen Pass spielen kann", ergänzt Ebling mit Augenzwinkern.

"Bis gestern die arme Verwandte von Frankfurt"

International bekannter als Mainz war im Rhein-Main-Gebiet bisher wohl die Stadt Frankfurt. Daher wundert es nicht, dass das Verhältnis zwischen beiden Städten nun auch in der Weltpresse aufgegriffen wird. Zum Beispiel von der italienischen Tageszeitung La Stampa. Sie schreibt: "Die antike römische Hochburg an den Ufern des Rheins war bis gestern die arme Verwandte des Nachbarn Frankfurt." Das habe sich nun geändert, BioNTech sei Dank.

Ein kleines bisschen Neid auf Mainz

Es gibt aus dem Ausland auch neidvolle Blicke nach Mainz. Zum Beispiel aus der belgischen Kleinstadt Puurs-Sint-Amands. In der Gemeinde mit 26.000 Einwohnern lässt der US-Pharmakonzern Pfizer zusammen mit Partner BioNTech seinen Corona-Impfstoff produzieren. Und das mit stolzen 4.000 Beschäftigen am Standort.

Der belgischen Zeitschrift Moustique sollte der Bürgermeister der Gemeinde, Koen Van den Heuvel, nun erklären, warum Mainz durch BioNTech im Geld schwimme, Puurs-Sint-Amands durch Pfizer aber nicht. Das liege schlichtweg daran, dass belgische Kommunen im Gegensatz zu deutschen Unternehmenseinkommen nicht besteuern würden, so Van den Heuvel. Das tue schon ein bisschen weh, gibt der Bürgermeister zu. Es sei ein Unterschied "wie Tag und Nacht" zwischen seiner Gemeinde und dem "neureichen" Mainz.

Mainz

Zu viel Geld auf dem Konto durch hohe Steuereinnahmen Mainz rechnet mit hunderttausenden Euro Strafzinsen

Wegen der hohen Steuereinnahmen wird die Stadt Mainz nach eigenen Berechnungen "einen hohen sechsstelligen Betrag" an Strafzinsen zahlen müssen. Das Geld verlangen die Banken für Guthaben auf den Konten der Stadt.

Mainz

Was macht die Stadt zuerst mit dem vielen Geld? So will Mainz die BioNTech-Milliarde investieren

Die Stadt Mainz wird am Ende des Jahres ein Plus von 1,1 Milliarden Euro in der Kasse haben. Im Rathaus hat man bereits feste Pläne was mit dem Geld passieren soll.

Mainz

Milliarden-Überschuss im Haushalt Steuerquelle BioNTech: Mainz will Ende 2022 schuldenfrei sein

"Das ist historisch", heißt es aus dem Mainzer Rathaus. Der Corona-Impfstoffentwickler BioNTech wird zur sprudelnden Steuerquelle für die hoch verschuldete Stadt.

Mainz

Kommentar Mainz - von der armen Kirchenmaus zum Krösus

Noch gehört Mainz zu den Städten mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung. Bald wird das anders sein - auch dank der Steuer-Millionen von BioNTech. Ein Kommentar von Markus Volland.

Mainz

Hohe Gewerbesteuereinnahmen BioNTech-Milliarde: Tipps für Mainz aus Sindelfingen

BioNTech verhilft Mainz gerade zu Reichtum. Das Glück hat auch Sindelfingen in Baden-Württemberg mit dem Autobauer Daimler. Was rät Sindelfingen?

Mainz

Akademiepreis des Landes Zukunftsweisend und innovativ - Weiterer Preis für BioNTech-Gründer

Das Gründerehepaar von BioNTech, Özlem Türeci und Ugur Sahin hat den Akademiepreis des Landes Rheinland-Pfalz für innovative Zukunft und Forschung erhalten. Die Auzeichnung bedeute den beiden besonders viel, sagte Türeci bei der Verleihung.

SWR1 Der Tag in Rheinland-Pfalz SWR1 Rheinland-Pfalz

Mainz

Unternehmen wächst weiter BioNTech investiert eine Milliarde in Mainzer Standort

BioNTech-Gründer Ugur Sahin hat die Investitionspläne des Unternehmens in Mainz konkretisiert. Der Konzern will eine Milliarde Euro in seinen Standort in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt investieren.

Guten Abend Rheinland-Pfalz SWR1 Rheinland-Pfalz

STAND
AUTOR/IN
Sarina Fischer