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Die Affäre um den ehemaligen Oppenheimer Bürgermeister und Bundestagsabgeordneten Marcus Held hatte die Stadt tief gespalten. Das ist jetzt mehr als drei Jahre her. Zum Prozessauftakt gegen Held vor dem Mainzer Landgericht hat der SWR mit seinem Nachfolger im Amt, Walter Jertz (parteilos), gesprochen.

Menschen, die der "Ära Held" nachtrauern
Held hat wohl Haus in Oppenheim verkauft
So wichtig ist der Prozess gegen Held
Herrscht wieder Frieden in Oppenheim?
"Rathauskoalition" statt Koalitionszwang

SWR Aktuell: Ende Februar 2018 ist Marcus Held als Bürgermeister von Oppenheim zurückgetreten. Wie ist das heute: Gibt es immer noch Menschen, die sich die Zeiten von damals zurückwünschen?

Walter Jertz: Da sind immer noch Menschen, die sich daran erinnern, wie es mal war. Wie schnell man einen Wunsch, den man geäußert hat, erfüllt bekam - alles ohne Nachfrage. Diese Leute sind zwar noch da, aber sie sind doch in der absoluten Minderheit. Inzwischen habe ich das Gefühl, die Oppenheimer reden wieder miteinander. Und das ist ein gutes Gefühl. Auch für mich, weil wir in diesen drei Jahren, die ich jetzt in der Verantwortung als Bürgermeister bin, überaus viel erreicht haben. Wir haben in vielen Bereichen einfach Positives bewirkt und das ist gut so.

SWR Aktuell: Wie machen sich diejenigen bemerkbar, die den alten Zeiten nachtrauern?

Walter Jertz: Die melden sich immer wieder mal per Facebook oder in anderen sozialen Medien. Ich habe jetzt eine eigene Facebook-Gruppe mit über 1.800 Mitgliedern. Und da kriege ich natürlich auch mal einen Querschuss. Nach dem Motto: Unter meinem Vorgänger sei alles viel schneller gegangen und er habe viel schneller Dinge genehmigt. Bei mir würde es länger dauern. Ich sage dann: 'Ja, so ist es. Ich will das gerecht machen und das dauert eben'.

Walter Jertz ist seit Juni 2018 Stadtbürgermeister von Oppenheim. Im SWR-Interview spricht er über seinen Vorgänger Marcus Held. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Rainer Ebling/dpa | Rainer Ebling)
Walter Jertz ist seit Juni 2018 Stadtbürgermeister von Oppenheim. picture alliance / Rainer Ebling/dpa | Rainer Ebling

SWR Aktuell: Marcus Held hat damals mit seiner Familie in Oppenheim gelebt. Bis heute vertritt er den Wahlkreis Worms, zu dem auch Oppenheim gehört, für die SPD im Bundestag. Wann haben Sie ihn das letzte Mal in der Stadt gesehen?

Walter Jertz: Ich erinnere mich an das erste Jahr, als ich das Amt übernommen hatte. Da ist er häufiger mal in Oppenheim aufgetreten und hat sich auch gegenüber dem Rathaus aufgehalten. Dann hat er hier rübergeschaut und auch den einen oder anderen, mit dem er früher zusammengearbeitet hat, mitgebracht. Das sind natürlich keine Zufälle, das sind gezielte Handlungen. Aber jetzt habe ich bestimmt zwei Jahre nichts mehr von ihm gesehen. Auch seine Familie ist weg. So wie ich das verstanden habe, hat er wohl auch sein Haus in Oppenheim verkauft.

Prozessbeginn schon zweimal verschoben

SWR Aktuell: Staatsanwaltschaft und Landgericht haben sich mit dem Fall Held sehr viel Zeit gelassen. Wegen Corona wurde der Prozessbeginn zweimal verschoben. Jetzt soll das Verfahren losgehen. Wie wichtig ist dieser Prozess aus Ihrer Sicht?

Walter Jertz: Zunächst einmal ist es gut, dass man sich Zeit genommen hat. Das kann ich verstehen, denn es sind doch viele Facetten, die bearbeitet werden mussten. Wo man nachschauen und in die Tiefe gehen musste. Es ist ja auch noch nicht alles abgearbeitet. Aber ich finde, jetzt wird es Zeit, dass es zu diesem Verfahren kommt.

"Ich habe keine Wünsche, in welche Richtung das Verfahren ausgehen soll. Das ist eine Entscheidung des Gerichts. Aber mir ist wichtig, dass jetzt Recht gesprochen wird."

Walter Jertz, Bürgermeister Oppenheim

SWR Aktuell: Sie sind vor drei Jahren mit dem Ziel angetreten, wieder für Frieden in Oppenheim zu sorgen, die Gräben zwischen den Befürwortern und Gegnern des ehemaligen Bürgermeisters zu zuschütten. Ist Ihnen das gelungen?

Walter Jertz: Ich wollte erreichen, dass die Menschen miteinander und nicht übereinander reden. Dass sie Konflikte offen austragen und dass es wieder erlaubt ist, anderer Meinung zu sein. Und da habe ich das Gefühl, dass mir das inzwischen auch gelungen ist. Die Menschen hören wieder aufeinander. Sie gehen miteinander relativ positiv um. Natürlich gibt es immer wieder Dinge, über die man noch einmal reden muss, denn man kann es ja nicht allen recht machen. Wenn ich ein Projekt habe, das ich im Stadtrat durchbringen will, dann muss ich mir vorher Gedanken machen, mit wem ich da arbeiten kann.

"Rathauskoalition" statt Koalitionszwang in Oppenheim

SWR Aktuell: Das war ja von Anfang an Ihr Wunsch. Keine feste Koalition im Rathaus, immer wieder neue Mehrheiten, kein Koalitionszwang. Funktioniert das?

Walter Jertz: Es gibt in Oppenheim keine Koalition mehr im klassischen Sinne. Stattdessen haben wir die sogenannte Rathauskoalition und das funktioniert. Wir haben viele Projekte und gute Ideen, die im Rat vorgetragen werden. Und da gibt es immer wieder verschiedene Allianzen. Deswegen habe ich den Begriff der "Rathauskoalition" genannt. Das bedeutet nichts anderes, als dass man sich für ein Projekt eine Mehrheit suchen muss - immer wieder aufs Neue. Das gelingt uns seit drei Jahren und da werde ich auch weiter für kämpfen.

SWR Aktuell: Sie sagten, Sie haben keine Wünsche, in welche Richtung der Prozess ausgehen soll. Oft enden solche Verfahren aber mit der Erkenntnis: "Das hätten wir auch lassen können." Befürchten Sie das auch im Prozess gegen Marcus Held?

Walter Jertz: Mein Glaube an die deutsche Justiz ist sehr groß. Ich hoffe und wünsche mir wirklich, dass man sich alles genau anschaut. Wir werden nicht alles aufklären können, davon bin ich überzeugt. Weil vieles einfach entweder schon vergessen oder inzwischen verjährt ist. Aber ich glaube, dass die deutsche Justiz hier auch den richtigen Weg geht und zu den richtigen Ergebnissen kommen wird.

Das Interview führte SWR-Reporter Markus Volland

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