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Die Mainzer haben gewählt: Amtsinhaber Michael Ebling (SPD, 41 Prozent) und Nino Haase (parteilos, 32,4 Prozent) sind in der Stichwahl. Wir haben die Kandidaten vor der Oberbürgermeisterwahl getroffen und stellen sie vor.

Nino Haase bestellt Karotten-Apfel-Salat mit Walnüssen. Es ist ein Samstagmorgen vor der Wahl, 10:30 Uhr, die Sonne scheint. Der parteilose OB-Kandidat sitzt in einem seiner Lieblingscafés in Mainz, am Neubrunnenplatz. Sein Wahlkampfstand gegenüber ist schon aufgebaut, aber, weil noch nichts los ist, geht Haase erstmal frühstücken. Um diese Uhrzeit Salat? „Sportler", sagt er, "vielleicht kommt daher mein Hang zu gesunder Ernährung."

Haase ist Rugby-Fan

An diesem Morgen ist er um 6:00 Uhr aufgestanden, um die Rugby-WM im Fernsehen zu schauen - Australien gegen Fidschi. Nino Haase hat selbst jahrelang Rugby gespielt, für den Rugby Club Mainz sogar in der Bundesliga. Und für diesen Sport steht er immer noch gerne früh auf, auch wenn er, wie er sagt, "eigentlich ein Nachtmensch" ist.

OB-Kandidat Nino Haase sitzt beim Frühstück draußen am Neubrunnenplatz (Foto: SWR, L. Gather)
OB-Kandidat Nino Haase (parteilos) beim Frühstück am Neubrunnenplatz im Herzen von Mainz. L. Gather

Der 36-Jährige steckt mitten im Wahlkampf. "Und der ist stressig", sagt er, "stressiger als gedacht." Und zwar nicht, weil es ihm keinen Spaß mache auf Menschen zuzugehen und über seine Ideen zu sprechen. Sondern, weil Wahlkampf aus seiner Sicht ein Knochenjob ist. Familie und Freunde würden hinten runterfallen. "Ich habe unterschätzt, wie viel Zeit so ein Wahlkampf frisst", sagt der parteilose Haase. Er vermittelt den Eindruck, dass er trotzdem Vollgas geben will - und dass er für die Sache brennt.

CDU, ödp und Freie Wähler unterstützen Haase

Der Mann hat Energie und offensichtlich große Lust, für sich zu werben, für seine Ideen und für sein Konzept einer von Parteien unabhängigen Stadtpolitik. Denn obwohl Nino Haase Anfang des Jahres von der Mainzer CDU ins Rennen geschickt wurde, legt der 36-Jährige größten Wert auf seine Unabhängigkeit. Auch wenn die Freien Wähler und die ödp ihn unterstützen - sein Credo lautet: „Es muss egal sein, von wem eine Idee ist, Hauptsache sie ist gut“.

Kleine Pralinen wurden mit essbaren Haase-Fots dekoriert. (Foto: SWR, L. Gather)
"Haase-Pralinen": In Mainz geht Wahlkampf auch durch den Magen. L. Gather

Während er draußen in dem Mainzer Café in seinem schwarzen Tee rührt, erklärt er, was er damit meint: In Mainz ist es seiner Meinung nach seit Jahrzehnten so, dass die Grünen zum Beispiel nie einem CDU-Antrag im Stadtrat zustimmen, auch wenn er noch so gut ist. Einfach aus Prinzip. Falsche Partei - falsche Idee. Umgekehrt sei das genauso. Das müsse aufhören, findet Haase. Er wolle "die besten Ideen für Mainz" umsetzen. Das sei vielleicht ein bisschen idealistisch, sagt er, möglicherweise sogar naiv. Aber dass die Idee einer überparteilichen Politik ihn wirklich antreibt, nimmt man ihm ab.

"CDU zum Umdenken gebracht" 

OB-Kandidat Nino Haase (parteilos)

Der 36-Jährige will sich von keiner Partei vereinnahmen lassen, auch wenn die CDU ihn als Zugpferd im OB-Wahlkampf sieht. "Mit meiner Forderung für eine fahrradfreundlichere Stadt habe ich einige CDU-Politiker in Mainz ganz schön geschockt", erzählt er. Er habe die CDU aber auch zum Umdenken gebracht, sagt Haase. Wie sehr er die Konservativen in der Mainzer CDU am Ende aber wirklich überzeugen kann, lässt sich schwer sagen. Vielleicht gelingt es dem unabhängigen Kandidaten aber auch, in anderen politischen Lagern Stimmen zu holen. Schließlich sind seine Überschneidungen mit grünen Positionen durchaus groß.

In Dresden geboren

Sich selbst bezeichnet Nino Haase als "bürgerlich-ökologisch" und gleichzeitig "absolut pragmatisch". Jede Form ideologischer Politik lehnt er ab. Das bedeutet: Mit der Partei "Die Linke" hat er Probleme, mit den Grünen in Teilen auch. Das hänge mit der DDR-Vergangenheit seiner Familie zusammen, erzählt er. Geboren wurde er am 14. April 1983 in Dresden - sechs Jahre vor dem Fall der Mauer. Aufgewachsen ist Haase im hessischen Obertshausen bei Offenbach, seit 2003 lebt Haase in Mainz, das Chemie-Studium führte ihn in die Landeshauptstadt. "Mainz ist aber längst meine Wahl-Heimat geworden."

Nino Haase steht am Neubrunneplatz in Mainz und unterhält sich am Wahlkampfstand mit einer Bürgerin (Foto: SWR)
Haase-Wahlkampf in der Mainzer Fußgängerzone.

Haases charmante, freundlich-zugewandte Art kommt offensichtlich bei vielen Mainzern gut an - zumindest an diesem Samstag in der Innenstadt. Inzwischen ist es Mittag und der OB-Kandidat hat am Wahlkampfstand in der Neubrunnenstraße etliche Hände geschüttelt. Er kommt nahbar und sympathisch rüber, Typ "everybody's darling", einer, der mit jedem ins Gespräch kommt. Und die Menschen, die an seinen Stand kommen, scheinen sich zu sehnen nach einem, der vermeintlich nichts mit "de Politik da obbe" zu tun hat.

OB-Kandidat Haase sieht sich als Manager

Da passt es, dass Nino Haase „da obbe“ gerne kritisiert. Er wolle die Verwaltung aufräumen, sagt er. Eine seiner Standard-Breitseiten gegen Amtsinhaber Michael Ebling (SPD) im Wahlkampf: "Die Abläufe im Rathaus müssen modernisiert werden, es braucht einen besseren Chef." Ebling reagiert auf diesen wiederkehrenden Vorwurf auf Podiumsdiskussionen meist genervt. Und manchmal auch ungewohnt einsilbig. Haase lässt dann gerne den Begriff "Scrum" fallen – er stammt aus dem Projekt- und Produktmanagement und ist gerade ziemlich angesagt. Gemeint ist eine Managementmethode zur Verbesserung von Abläufen. Politik als Projekt - das Rathaus als Firma, die optimiert werden muss.

Nino Haase im Wahlkampf in der Mainzer Neustadt. Er sitzt mit jungen Leuten auf einer Aktionsfläche. Diese wird normalerweise als Parkplatz genutzt. (Foto: SWR, L. Gather)
OB-Kandidat Nino Haase Gespräch beim sogenannten Parking Day. L. Gather

In der Mainzer Innenstadt haben inzwischen Umweltaktivisten nur hundert Meter von Haases Wahlkampfstand Parkplätze zu Spielflächen umgebaut. Mit dem "Parking Day" wollen sie zeigen, wie viel Platz Autos in der Innenstadt brauchen. Offen geht Nino Haase auf die Organisatoren zu – und hinterlässt auf einem Zettel seine Botschaft, die bei der vermeintlich Grünen-Klientel gut ankommt: "Mehr Fahrrad! Mehr Fußwege! Mehr Lebensqualität!" schreibt er mit Filzstift auf den Zettel. Wäre spannend zu sehen, ob er die gleichen Begriffe auch bei einer CDU-Veranstaltung in Drais oder Finthen aufschreiben würde - die beiden Mainzer Stadtteile gelten als Hochburgen der Christdemokraten.

Nino Haases Freundin Mandy hat lange braune Haare und ist im Wahlkampf in Mainz auch dabei.  (Foto: SWR, L. Gather)
Lebensgefährtin Mandy im Gespräch mit einer interessierten Bürgerin. L. Gather

Aber das Risiko geht er ein: Der 36-Jährige will in keine Schublade passen. Er sei schon immer ein Macher gewesen, sagt er, jemand "der ändern will, was nervt". "Schon in der Schule oder später im Studium war ich immer derjenige, der vorgeschickt wurde, wenn's 'ne Rede zu halten gab." Spätestens nach seinem Erfolg mit der Bürgerinitiative gegen den Mainzer Bibelturm, einer von der Stadt gewollten Erweiterung des Gutenberg-Museums, hat er wohl gemerkt, dass er mit diesem Talent auch politisch etwas bewegen kann. Seine Lebensgefährtin Mandy habe mal zu ihm gesagt: "Musst Du immer der sein, der vorne steht?" Seine Antwort ist klar: "Ich muss".

Chemiker und Millionär

Als politischer Newcomer in den Mainzer OB-Wahlkampf zu gehen, kann sich Nino Haase auch leisten, weil er 2009 in der TV-Show "Schlag den Raab" drei Millionen Euro gewonnen hat. Damals war er 26 Jahre alt und Chemie-Student. Vier Jahre später zog er nach München für seine Doktorarbeit - die lässt er gerade ruhen. Im Jahr 2017 kam Haase zurück nach Mainz und wurde Teil der Geschäftsführung eines Startups. Inzwischen hat er das Unternehmen verkauft.

Haase rechnet sich Chancen aus

Haase radelt zum nächsten Wahlkampftermin. Die Frauen-Union wartet im Hartenberg-Park mit Kuchen und Pralinen. Er sagt: "So langsam wird mir bewusst, dass ich wirklich Oberbürgermeister von Mainz werden kann." Haase braucht aber eigentlich gar keinen festen Job mehr. Schon gar nicht einen, den er nicht wirklich will. Deshalb die Frage: Möchte er wirklich seine Freiheit aufgeben und die kommenden acht Jahre im Mainzer Rathaus Akten wälzen? Die Antwort: Er will. Und Haase fügt hinzu: "Nur für einen Gag wäre der Aufwand zu groß."

In der sogenannten Tagcloud wird eine Liste an Schlagwörtern angezeigt, die im Online-Wahlprogramm der Kandidaten vorkommen. (Foto: SWR, A. Zieba)
A. Zieba
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