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Im Bistum Mainz hat es fünfmal mehr Missbrauchs-Täter im Kirchenumfeld gegeben als in einer vorangegangenen Studie angenommen. Das ist die Zwischenbilanz einer unabhängigen Studie zu sexueller Gewalt in der Kirche, die das Bistum vorgestellt hat.

Die aktuelle Aufklärungs-Studie "Erfahren, Verstehen, Versorgen" (EVV) des Regensburger Rechtsanwalts Ulrich Weber geht davon aus, dass es seit Kriegsende 273 Täter im Bistum Mainz gab. Das teilte er bei der Vorstellung seiner Zwischenbilanz am Mittwoch mit.

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Die Bistumsleitung hatte Weber im Juni 2019 mit dem unabhängigen Projekt zur Aufklärung der Taten im Bereich der Diözese Mainz im Zeitraum zwischen 1945 bis 2019 beauftragt. Man verfolge damit eine konsequente Transparenz der Öffentlichkeit gegenüber. "Bischof Kohlgraf kann und will nach unserer Einschätzung alle Karten auf den Tisch legen", betonte Weber.

422 Menschen von sexuellem Missbrauch betroffen

Betroffen von dem sexuellen Missbrauch seien 422 Menschen gewesen. Diese Zahl liegt deutlich über der bisher angenommenen von 169. Bei den Opfern habe es sich sowohl um Mädchen und erwachsene Frauen, als auch Jungen und erwachsene Männer gehandelt.

Zu den Tätern sollen laut Weber neben Klerikern auch Laien, kirchliche Angestellte und Gruppenleiter im Bistum Mainz gehört haben. Die Vorwürfe gehen von verbalen sexuellen Belästigungen bis hin zu schwerem sexuellem Missbrauch eines Vorschulkindes. Die Taten hätten sich sowohl innerhalb kirchlicher Räumlichkeiten, in Institutionen unter kirchlicher Verantwortung wie Internaten, auf kirchlich organisierten Unternehmungen und in familiären beziehungsweise privaten Umgebungen von Betroffenen und deren Umfeld ereignet.

"Fehlverhalten" früherer Bistumsleitungen

Der Rechtsanwalt sagte, die Bistumsleitung habe ein Fehlverhalten beim Umgang mit den Vorfällen sexualisierter Gewalt gezeigt. So sei auf einschlägige Meldungen oft nicht angemessen reagiert worden. Auch habe es keine funktionierenden Kontrollmechanismen gegen den weiteren Einsatz von Klerikern trotz Kenntnis früherer Taten gegeben. Oft habe man die Betroffenen nur in eine andere Pfarrei versetzt. Schweigegebote gegenüber Opfern, Meldern und Tätern sowie gezielte Aktenführung hätten zudem zu einer systematischen Verschleierung beigetragen. Melder und Betroffene seien - teils sogar unter Anwendung körperlicher Gewalt - unter Druck gesetzt, diskreditiert und isoliert worden.

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Kohlgraf: Opfer sollen sich melden

Mit Blick auf die Studie sagte der amtierende Bischof Peter Kohlgraf: "Sie helfen uns, in einen schrecklichen Abgrund im Bistum Mainz zu blicken." Die Kardinäle Lehmann und Volk seien "große Bischofs-Persönlichkeiten", die zu Recht ein hohes Ansehen hätten. Ihn wundere es angesichts der Erkenntnisse von Weber aber nicht, dass auch bei diesen Namen "solche Themen im Raum stehen". Kohlgraf appellierte daran, dass sich weitere mögliche Opfer und Zeugen bei der unabhängigen Untersuchungsgruppe melden. Weihbischof Udo Benz sagte, das Bistum richte derzeit einen Betroffenenbeirat ein, der in einer Aufarbeitungskommission mitarbeiten soll. Das Bistum zahle Therapiekosten und fordere auch von noch lebenden Tätern Zahlungen ein.

Webers Vorwurf: "Wie kann es sein, dass das Umfeld von Betroffenen trotz klarer Indizien für eine Täterschaft insbesondere Priestern ein unerschütterliches Vertrauen entgegenbrachte? Wie kann es sein, dass verantwortliche Stellen nicht informiert wurden, obwohl pädophile Neigungen eines Beschuldigten bereits Stadtgespräch waren? Zugleich kündigte der Rechtanwalt an, auf diese Fragen in seinem Abschlussbericht Antworten finden zu wollen.

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