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Das öffentliche Leben steht wieder weitgehend still. Wir sollen am besten niemanden treffen und zu Hause bleiben. Das engt uns nicht nur physisch ein. Es verändert unser Denken, belastet unsere Seele. Darüber haben wir mit dem Mainzer Psychologen, Univ.-Prof. Dr. Michael Witthöft gesprochen.

SWR: Eine Coronainfektion macht die Betroffenen körperlich krank, das ist ja klar. Aber was macht das Virus psychisch mit uns allen, kann man da bereits Veränderungen erkennen?

Professor Witthöft:  Ja, wir hatten relativ früh bei der Durchführung der ersten Lockdown-Maßnahmen Ende März eine Befragung durchgeführt mit etwas mehr als 4.000 Menschen in Deutschland. Mehr als 60 Prozent haben darüber berichtet, dass sie eingeschränkt sind, was ihre Freizeitgestaltung angeht. 40 bis 50 Prozent haben über emotionale Beeinträchtigungen berichtet - über mehr Ängstlichkeit, mehr Traurigkeit oder Einsamkeit. Jeder von uns kennt Beispiele von Menschen, die in ihrem Beruf mehr oder weniger gravierend betroffen sind seit Corona, und das sorgt für Stress. Und insofern kann man, glaube ich, Corona als massiven gesellschaftlichen, weltweiten Stressor auch in diesem Sinne begreifen. 

Portraitfoto von Professor Michael Witthöft, Leiter des psychologischen Instituts der Universität Mainz (Foto: SWR, Gutenberg Universität Mainz)
Michael Witthöfft leitet das Psycologische Institut an der Mainzer Universität. Gutenberg Universität Mainz

SWR: Es wird ja hoffentlich eine Zeit nach Corona geben. Wie lange wird es dauern, zur Normalität zurückzukommen?

Professor Witthöft: Das ist eine extrem schwierige Frage, weil niemand von uns in die Zukunft schauen kann. Wir überlegen schon, wie sich die Situation darstellen wird. Ich glaube, es gibt verschiedene Perspektiven. Auf der einen Seite kann man sagen, die Zeitspanne seit Corona ist auf der einen Seite jetzt quälend lange für viele, die beruflich betroffen sind, also Gastronomie, Hotelgewerbe oder der kulturelle Bereich. Wenn man es aber in Relation setzt, was unsere Lebensführung angeht, kann man sagen, Corona begleitet uns erst relativ kurz. Und insofern glaube ich, dass sich die Lage schnell verbessern wird, durch Impfstoffe, durch andere Dinge, die die Situation verändern. Es wäre meine These, dass wir relativ problemlos in unser gewohntes Leben zurückkehren können. Dadurch, dass wir eigentlich die andere Seite - zusammen zu sein, miteinander umzugehen, körperliche Nähe - viel länger erlernt haben. Meine These ist, dass wir dorthin auch relativ schnell zurückkehren können, im Laufe des nächsten Jahres - hoffentlich. 

Menschen gewöhnen sich an Corona

SWR: Beim ersten Lockdown im Frühjahr, haben die Leute sehr bereitwillig mitgemacht. Dann kam der Sommer, es gab viele Lockerungen. Jetzt ist die zweite Welle da, mit hohen Zahlen. Haben die Menschen die Angst vor dem Virus verloren?

Professor Witthöft: Es gibt schon etliche Untersuchungen, die sich Angstverläufe angeschaut haben seit Beginn der Pandemie. Dass die Menschen die Angst verloren haben, ist zum Teil, glaube ich, richtig. Man kann in diesen Daten sehr schön etwas sehen: Unsere Risikoeinschätzung hängt von zwei Komponenten ab. Wir bewerten sie zum einen rational. Das ist das, was uns die Wissenschaftler sagen, im virologischen Bereich beispielsweise. Zum anderen bewerten wir aber auch emotional. Das funktioniert schneller und wir sind dabei nicht auf Fachwissen angewiesen. Diese emotionale Risikobewertung, die sehr stark mit Angst einhergeht, neigt dazu mit der Zeit abzunehmen. Das ist eigentlich ein sehr gesunder psychischer Prozess. Dass wir uns an bestimmte Ängste gewöhnen, dass sie mit der Zeit schwächer werden. Nehmen sie das Beispiel Autobahn. Schnell mit dem eigenen Auto unterwegs zu sein, ist eigentlich ein unglaubliches Risiko. Daran haben sich viele Menschen aber gewöhnt, weil sie tagtäglich unterwegs sein müssen. Diese emotionale Komponente der Risikobewertung nimmt über die Zeit ab. Und das ist, glaube ich, ein Phänomen, dass wir jetzt auch im Zuge der Corona-Pandemie beobachten können. Die objektive Gefahr bleibt aber bestehen, insofern ist es ein zweischneidiges Schwert. Aber diese Gewöhnung an das Risiko sorgt auch dafür, dass Menschen handlungsfähig bleiben, dass sie auch psychisch gesund bleiben.

Mangelnder Gemeinschaftssinn ist in der Gesellschaft verankert

SWR: Viele haben sich an die Corona-Maßnahmen gehalten, wenige nicht. Muss mit der erneuten Verschärfung der Corona-Maßnahmen jetzt die Mehrheit ausbaden, was die Minderheit verursacht hat? Fehlt der Gemeinschaftsgeist?

Professor Witthöft: Wir leben in einer relativ stark individualisierten Gesellschaft und Welt, in der letztlich die Freiheit und die Bedürfnisse des Einzelnen einen sehr hohen Stellenwert genießen. Insofern glaube ich, ist das, was wir beobachten und manche als mangelnden Gemeinschaftssinn tadeln, fest in unserer Gesellschaft verankert. Vieles davon gab es auch schon vor Corona. In Großstädten werden sehr viel mehr die Ellbogen ausgefahren als im ländlichen Bereich. Wir hatten vor Corona letztlich auch schon Aggressivität. Insofern wäre meine These: Der Gemeinschaftssinn ist jetzt nicht stärker oder schwächer, als er vor Corona war. Er gerät aber aktuell immer stärker in den Blickwinkel, und das eröffnet natürlich die Chance, wieder über unser Wertesystem nachzudenken.  

SWR: Und wie könnte das Ergebnis lauten?

Professor Witthöft:  Letztlich müsste herauskommen: Wir gehen alle sorgsamer mit uns um. Das können wir aber, glaube ich, nicht erwarten, bei 81 Millionen Menschen in diesem Land. Deshalb müssen wir immer wieder zurückkommen, zu einer Art Prozess des Aushandelns, zu Debatten, Gesprächskultur, Streitkultur. Das müssen wir einfach immer wieder fordern.

Jüngere Menschen mit psychischer Erkrankung leiden am meisten

SWR: Von den Einschränkungen jetzt sind wieder ganz bestimmte Bevölkerungsgruppen extrem betroffen. Da rede ich von alten Menschen, die in Wohnheimen sind, die allein zu Hause sind, die sich nicht mehr vor die Tür trauen. Ist es für die jetzt wieder besonders schwer?

Professor Witthöft: Ja, zweifellos. Es gibt Gruppen von Menschen, ältere Menschen in Wohnheimen, die über wenige Kontakte verfügen, die angewiesen sind auf Besuche von ihren Angehörigen, von ihren Kindern beispielsweise. Das ist eine Gruppe, die sehr stark betroffen ist und wo wir gut daran tun würden, die Strategien aus dem ersten Lockdown zu überdenken. Ich will aber noch einmal auf einen anderen Aspekt eingehen, und zwar die Frage der Risikogruppen. Daten aus Großbritannien zeigen, wer derzeit psychisch am stärksten unter der Pandemie leidet. Das sind jüngere Menschen zwischen 18 und 30 Jahren, Frauen, Menschen, die wirtschaftlich schlechter gestellt sind, außerdem sozial benachteiligte Gruppen. Und das sind Menschen mit einer psychischen Vorerkrankung, mit einer Depression oder Angststörung. Die Gruppe der älteren Menschen ist nicht diejenige, die im Moment am stärksten unter der Krise leidet. Und ich glaube, das zeigt uns, dass wir gut daran tun, sehr viel differenzierter über Risiken und über Belastungen sowohl im physischen als auch im psychischen Bereich zu sprechen.

Psychisch Kranke gehören zur Risikogruppe

Eine weitere interessante Information, die wir aus aktuellen Studien weltweit haben, ist, dass Menschen mit psychischen Störung auch stärker gefährdet sind, sich mit dem Coronavirus zu infizieren und auch gravierendere Krankheitsverläufe bis hin zu höheren Todesraten aufweisen. Das verwundert zunächst. Aber es hat einfach etwas damit zu tun, dass die Verbindung zwischen Seele und Körper sehr viel enger ist, als uns das häufig bewusst ist. Das heißt, Menschen mit psychischen Störungen weisen Veränderungen in körperlichen Stressverarbeitungsprozessen auf, die auch zu Veränderungen des Immunsystems führen und damit letztlich anfälliger machen. Also psychisch erkrankte Menschen sind auch eine wichtige Risikogruppen neben den älteren Menschen. Diese bedürfen besonderer Maßnahmen.

Pflegekräfte brauchen finanzielle Anerkennung

SWR: Um das mal ganz plastisch darzustellen: Was jetzt mit und durch den "Lockdown light" aus psychologischer Sicht kaputt gemacht wird, müssen Sie ja, wenn das alles mal vorbei ist, wieder aufräumen?

Professor Witthöft: Das ist richtig. Wir schauen auch mit Interesse und mit Sorge auf das Phänomen. Wir sehen im Zuge des ersten Lockdowns auch erhöhte Raten an Symptomen von psychischen Störungen, erhöhte Ängstlichkeit, erhöhte Depressivität. Glücklicherweise sehen wir noch keine eindeutige Zunahme an psychischen Störungen. Aber es bleibt abzuwarten, ob das nicht in eine erhöhte Rate von psychischen Erkrankungen im nächsten Jahr mündet. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird das dann passieren, wenn die wirtschaftlichen Auswirkungen schlimmer werden, Menschen in existenzielle Nöte geraten. Und ich glaube, dann wird es auch verstärkt zu psychotherapeutischen Behandlungen kommen. Aber auch da ist es wichtig, noch einmal andere Berufsgruppen anzusprechen, die meines Erachtens zu schnell wieder aus dem Fokus verschwunden sind: Pflegepersonal, das jetzt natürlich wieder extrem gefordert ist, auch in der zweiten Welle. Meines Wissens hat dort bislang noch keine adäquate Kompensation monetäre Art stattgefunden. Hier würden wir alle gut tun, gesamtgesellschaftlich auch dafür zu sorgen, dass diese Berufsgruppen, die schon seit Monaten im Ausnahmezustand sind, jetzt wieder verstärkt gefordert sind, nicht nur die gesellschaftliche, sondern auch die monetäre Anerkennung bekommen.

Weihnachten nicht überfrachten

SWR: Jetzt steht Weihnachten vor der Tür, das Fest für Begegnungen, Gemeinschaft, familiäre Treffen schlechthin. Aus ihrer Sicht, wie wird Weihnachten in diesem Jahr mit Corona sein?

Professor Witthöft: Weihnachten ist emotional sehr stark aufgeladen. Mit Weihnachten verbinden Menschen sehr hohe Erwartungen. Man möchte sich im Kreise der Familie versammeln, man möchte schöne Stunden verbringen. Und diese hohe Erwartungshaltung führt sehr häufig und manchmal unweigerlich zur Enttäuschung. Wir sehen das oft, dass im Anschluss an die Weihnachtsfeiertage, psychische Krisen zunehmen. Es gibt Menschen, die einsam sind, die vor allem während der Weihnachtszeit noch mal sehr viel stärker mit ihrer Einsamkeit konfrontiert werden. Also das sind Phänomene, die wir Jahr für Jahr auch unabhängig von Corona beobachten können. Inwiefern das durch Covid-19 nun verschärft wird, bleibt abzuwarten. Vielleicht sollten wir Weihnachten und die Frage wie wir es gut feiern können, nicht zu stark in den Mittelpunkt stellen. Wir sollten Weihnachten in diesem Jahr nicht überfrachten.

Das Interview führte SWR-Reporter Markus Volland

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