Orgelbauer Stefan Niebler stimmt die Orgelpfeifen (Foto: SWR)

Ein Mann und 5.000 Pfeifen

Herz-OP an der neuen Orgel im Mainzer Dom

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AUTOR/IN
Gesa Walch
Bild von Gesa Walch, Studio Mainz (Foto: SWR, Daniel Brusch)

Im Mainzer Dom läuft gerade ein Mammutprojekt. Das tausendjährige Bauwerk bekommt neue Orgeln. Die zweite ist jetzt fertig. Dazu gehören 5.000 Pfeifen, die seit Februar gestimmt werden.

Stefan Nieblers Arbeitsplatz ist hoch oben im Ostchor des Mainzer Doms. Da ist das Herz der neuen Orgel aufgebaut: 5.000 Pfeifen, die längste ist elf Meter lang. Bei jeder einzelnen von ihnen hat der Orgelbauer von der Traditionsfirma Rieger aus Österreich genau auf den Ton gehört.

"Ich muss beurteilen, ist eine Pfeife zu laut, ist sie zu hell oder zu dunkel, ist sie zu langsam oder zu schnell oder klingt sie scharf", sagt Stefan Niebler. Seit zwanzig Jahren arbeitet er schon als Orgel-Intonateur. Auf der ganzen Welt hat er Orgeln gestimmt. Sein Gehör ist für diese kleinen Unterschiede geschult.

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Klang wie ein Presslufthammer

Findet Niebler einen Fehler, baut er die Pfeife auseinander. Nimmt sein Werkzeug, feilt, klopft, prüft, baut sie wieder zusammen. Der Klang muss nicht nur in sich stimmen, sondern auch mit den Nachbarpfeifen zusammenpassen - und mit der besonderen Akustik des Mainzer Doms. Bis in dem Kirchenschiff ein Ton verklingt, dauert es zehn Sekunden.

Die größte Pfeife hat 32 Fuß, das ist die Maßeinheit für Orgelpfeifen. Sie heißt "Kontrabombarde" und ähnlich wie ihr Name macht sie ein donnerndes Geräusch - es klingt wie auf einer Baustelle. "Bei einer so großen Orgel wie dieser braucht man diese Frequenzen im Pedal, um noch das letzte Fundament im Klang rauszuholen", sagt Stefan Niebler.

Im Kirchenraum zusammen mit den anderen Pfeifen klingt sie ganz anders. Sie verleiht dem Orgelklang Macht und Fülle, beispielsweise bei festlichen Liturgien. Stefan Niebler setzt sich an den Spieltisch des Instruments. Er hat auch Kirchenmusik studiert und improvisiert auf der neuen Orgel. Seine Hände drücken unzählige Register, wandern über vier Klaviaturen, seine Füße spielen die großen Pfeifen.

Drei Orgeln im Mainzer Dom sind miteinander verbunden

Alle Orgeln im Mainzer Dom sind über dünne Kabel gekoppelt. Von jedem Spieltisch können alle drei Orgeln gleichzeitig gespielt werden. "Ich kann den Klang auch wandern lassen", erklärt er. "Ich kann jetzt zum Beispiel einfach den Klang der Ostchor-Orgel verlängern und gebe ihn nach vorne an die Orgel an der Marienkapelle weiter." Diese Orgel der Firma Goll wurde vergangenen September eingeweiht.

Neue Rieger-Orgel im Mainzer Dom (Foto: SWR)
Die neue Orgel im Ostchor des Mainzer Doms wurde von der österreichischen Firma Rieger gebaut. Ihre Orgeln stehen auf der ganzen Welt: von China über die USA bis zum Stephansdom in Wien.

Computer in der Orgel

Auch der Abstand zwischen Spieltisch und Orgelpfeifen ist erheblich. Die Orgel im Ostchor des Mainzer Doms thront viele Meter über den Tasten. Der Impuls der Finger des Organisten wird über Glasfaserkabel zu den Orgelpfeifen geleitet.

"Es ist ein Computer oben in der Orgel", sagt Stefan Niebler. "Diese Informationen, die man hier gibt - dass ich die Tasten spiele und die Register verwende - werden oben zerlegt und gehen dann elektromechanisch weiter zu den Tonventilen der Pfeifen."

Finanzierung für dritte Orgel noch nicht gesichert

Stefan Niebler ist in den letzten Zügen. 5.000 Pfeifen stimmen - fast geschafft. Am 21. August wird die neue Orgel im Ostchor von Bischof Kohlgraf geweiht und mit einer Reihe von Konzerten eröffnet. 2,9 Millionen Euro hat sie gekostet.

Aber das Projekt Mainzer Domorgel ist noch nicht vorbei. Nachdem zwei Orgeln komplett neu gebaut wurden, steht jetzt noch die Restaurierung der Klais-Orgel im Westchor aus dem Jahr 1928 an. Der Auftrag wurde jedoch noch nicht vergeben, teilte eine Sprecherin des Bistums Mainz mit. Bislang hapere es an der Finanzierung.

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