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Die Lüftungsanlage des Max-Planck-Institutes aus Mainz galt als kostengünstige Alternative für Schulen gegen Corona-Viren im Klassenraum. Jetzt gibt es Kritik.

Zwei Forscher des Mainzer Max-Planck-Institutes für Chemie hatten vor wenigen Wochen das neue Lüftungssystem für Schulen entwickelt, das ganz einfach zu bauen ist.

Mit Materialien aus dem Baumarkt haben sie Abzugshauben über jedem Tisch im Klassenzimmer befestigt. Ein Rohrsystem an der Decke transportiert die verbrauchte Luft nach draußen. Mit Messungen belegten die Forscher, dass sie so eine beträchtliche Menge der potenziell virenverseuchten Luft nach draußen befördern konnten.

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Eine Schule in Mainz wurde testweise mit dem System ausgestattet. Jetzt sollen alle Mainzer Grundschulen damit ausgestattet werden. Auch bundesweit folgten viele diesem Beispiel und bauten die Anlage nach.

"Seifenkisten auch keine Alternative zu Auto"

Doch nun gibt es Kritik an dem System. Experten für Lüftungs- und Klimatechnik halten es für weitgehend nutzlos. Christoph Kaup ist Professor für Energieeffizienz am Umweltcampus Trier und Chef einer Firma, die Lüftungsanlagen baut. Zusammen mit mehreren Experten kritisiert er das selbst gebaute Lüftungssystem: "Das ist ungefähr so, als würde man VW mit einer Seifenkiste konfrontieren und sagen, warum baut ihr so umständliche Autos, das funktioniert doch auch mit einfacheren Mitteln aus dem Baumarkt." So einfach ist es laut Kaup aber nicht.

Nicht alle Aerosole erfassbar

Kaup kritisiert am selbstgemachten Lüftungssystem der Mainzer Forscher, es könne längst nicht alle Aerosole im Raum erfassen. Vor den lampenschirmartigen Hauben, die über jedem Tisch im Klassenzimmer hängen, könne sich eine Art Luftstau bilden. Außerdem verteile sich Luft auch quer im Raum. Wenn zum Beispiel jemand niesen oder husten müsse oder sich im Raum bewege, könne es zu sogenannten Sekundärströmungen kommen, so Kaup. Und das bedeute, potenziell virenverseuchte Aerosole blieben im Raum.

Institut wehrt sich gegen Kritik

Frank Helleis, Mitentwickler des neuen Systems vom Mainzer Max-Planck-Institut, erwidert, es sei trotz guter Studienergebnisse immer klar gewesen, dass nicht alle Aerosole aus einem Klassenraum entfernt werden könnten. Man habe nie erwartet, dass sich die guten Ergebnisse bei Labormessungen auch auf den Realbetrieb übertragen ließen. Das sei aber auch gar nicht nötig, meint Helleis.

Das Ziel sei nur gewesen, das ständige Stoßlüften durch ein System zu ersetzen, das mindestens 50 Prozent der Aerosole im Raum entfernt. Das sei gelungen. Die Kritik der Experten nehme er sportlich, Diskussion gehörten zum wissenschaftlichen Prozess.

Auch den Einwand, die selbst gebaute Lösung sei weder nachhaltig noch brandschutzsicher, nimmt Helleis hin und kontert, sein System sei selbstverständlich von Sachverständigen abgenommen worden.

Kritiker sitzt im Klimatechnikverband

Kritiker Christoph Kaup ist übrigens auch im Vorstand eines großen Verbandes von Unternehmen, die Klimatechnik herstellen. Kritisiert er die selbst gebaute Anlage vielleicht nur, weil er fürchtet, dass sie der Branche das Geschäft kaputt machen könnte? "Nein", sagt Kaup. Schließlich seien Schulen bislang nicht mit Lüftungsanlagen ausgestattet worden, also erleide die Branche durch die neue Anlage auch keinen Verlust.

Kaup bleibt bei seinem Auto-Beispiel: "Das wäre das Gleiche, als würde sich VW über die Seifenkisten ärgern, weil sie dann ihren Golf nicht verkaufen können."

Die Integrierte Gesamtschule in Mainz-Bretzenheim bleibt hingegen bei ihrer Planung. Sie will, genau wie andere Schulen im Land, alle Klassenräume mit der Lüftungsanlage des Mainzer Max-Planck-Institutes ausstatten.

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