Mann Anfang 50 vor seinem von der Flut beschädigten Haus. (Foto: SWR)

Trauma-Therapie für Katastrophenhelfer

Seelische Hilfe für Helfer von der Ahr

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Die Mainzer Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (KISS) bietet Menschen, die durch ihren Hilfseinsatz im Flutkatastrophen-Gebiet an der Ahr traumatisiert sind, Hilfe an. Das Angebot richtet sich an private Helfer und professionelle Einsatzkräfte.

Fast drei Monate sind inzwischen vergangen, seit die Flutkatastrophe den Norden von Rheinland-Pfalz und besonders das Ahrtal erschütterte. Hunderte Einsatzkräfte waren tagelang im Einsatz, mussten Schutt und Schlamm von den Straßen räumen, vollgelaufene Keller leerpumpen, die Trinkwasserversorgung wiederherstellen - auch Helferinnen und Helfer aus Mainz waren dabei.

Was bleibt, ist der Schock über das Erlebte

Viele kämpfen noch immer mit den Bildern, die sie im Katastrophengebiet gesehen haben.

Bin ich traumatisiert?

Die Mainzer Trauma-Therapeutin Brigitte Bosse bietet Hilfe an. Die Ärztin und Psychotherapeutin erklärt: “Wenn man ein Trauma hat, bedeutet das, einer Situation ausgesetzt worden zu sein, die einen vollständig ohnmächtig und hilflos macht. Das übersteigt meine Verarbeitungsmöglichkeiten.”

In einem Seminarraum in den Räumlichkeiten der Mainzer Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (KISS) sitzt Bosse mit einer kleinen Gruppe von Menschen, die im Katastrophengebiet an der Ahr im Einsatz waren.

Der Therapeutin ist besonders wichtig, diejenigen, die bei ihr Hilfe suchen, zu schützen. Deswegen spricht nur sie mit uns – die Betroffenen bleiben im Raum.

Leichen geborgen, Häuser von Schutt befreit

Sie erzählt, was die Helferinnen und Helfern auch Wochen nach der Flut belastet: “Die Helfenden sind, ähnlich wie die Opfer betroffen, wenn auch ganz anders. Sie mussten Leichen wegräumen, Häuser leer schaufeln, sie haben so unglaublich viel Leid und Elend gesehen, dem sie ja nicht wirklich Abhilfe verschaffen konnten.”

Überflutungen in Schuld im Kreis Ahrweiler (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/TNN | Christoph Reichwein)
Luftbild, das das ganze Ausmaß der Hochwasser-Katastrophe 2021 in Schuld an der Ahr (Rheinland-Pfalz) zeigt picture alliance/dpa/TNN | Christoph Reichwein Bild in Detailansicht öffnen
Die braune Brühe bahnte sich ihren Weg durch die Straßen. picture alliance/dpa/TNN | Christoph Reichwein Bild in Detailansicht öffnen
Die Wassermassen spülten vier Häuser komplett weg, weitere wurden schwer beschädigt, es besteht Einsturzgefahr. picture alliance/dpa/TNN | Christoph Reichwein Bild in Detailansicht öffnen
Aus der friedlichen Ahr wurde binnen kürzester Zeit ein reißender Fluss. picture alliance/dpa/TNN | Christoph Reichwein Bild in Detailansicht öffnen
Die Aufräumarbeiten in Schuld werden vermutlich Wochen dauern. Bild in Detailansicht öffnen
Das Wasser riss auch diese Fahrzeuge in Schuld um. Bild in Detailansicht öffnen
Treibgut und eine zerstörte Hütte in Schuld an der Ahr. Bild in Detailansicht öffnen
In Schuld ist kaum eine Straße noch passierbar. Bild in Detailansicht öffnen
Von ihren Häusern ist nicht viel übrig geblieben. Anwohner sitzen in Schuld zwischen Trümmerbergen. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Bis die Straßen in Schuld wieder frei sind, wird es vermutlich Wochen dauern. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Unmengen Schutt liegen nach dem Unwetter und den Überschwemmungen im Kreis Ahrweiler in den Straßen. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Ein Polizist macht sich ein Bild von der Lage im zerstörten Ort Schuld in der Eifel. Picture Alliance Bild in Detailansicht öffnen
Wasser überall im kleinen Eifelort Schuld. Bild in Detailansicht öffnen
Kein Durchkommen mehr - Straße nach Schuld ist vom Hochwasser unterspült und derzeit unpassierbar. Bild in Detailansicht öffnen
Autos wie Spielzeug: Die Wassermassen haben große Teile der Bad Neuenahrer Innenstadt verwüstet. Bild in Detailansicht öffnen
In Bad Neuenahr-Ahrweiler haben erste Aufräumarbeiten begonnen. Entlang der Straßen stapeln sich die Schuttberge. Bild in Detailansicht öffnen
Die Wucht der Flutwelle war in Bad Neuenahr-Ahrweiler so groß, dass das Wasser auch Autos und Bäume mitgerissen hat. Bild in Detailansicht öffnen
Große Schäden in Innenstadt von Bad Neuenahr-Ahrweiler. Viele Brücken, Straßen und Häuser sind zerstört. Bild in Detailansicht öffnen
Plastik, Holz, Geröll, Müll - das Hochwasser hat eine Spur der Verwüstung hinterlassen. picture alliance / photothek | Ute Grabowsky Bild in Detailansicht öffnen
Die Wassermassen haben alles mitgerissen. Bild in Detailansicht öffnen
Das Wasser hatte so viel Wucht, dass Autos in Gärten geschwemmt wurden. Bild in Detailansicht öffnen

Unruhe, ein ständiger körperlicher “Alarmzustand”, Reizbarkeit, Konzentrationsschwäche, Schlaflosigkeit, das alles seien Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Dazu könne kommen, dass die Betroffenen immer wieder von Bildern und Sequenzen des Erlebten bedrängt würden.

Genau hier setzt die Therapeutin an. Es sei möglich, mit den schrecklichen Bildern im Kopf klarzukommen, erklärt die Expertin.

Das übt sie mit ihren Seminarteilnehmern in Mainz.

Bilder im Kopf umdeuten

Man könne das Erlebte nicht ausradieren, erklärt Bosse, aber es sei möglich, die Bilder im Kopf durch andere Bilder zu ersetzen.

Ein Autowrack liegt am Ufer der Ahr. (Foto: SWR, picture alliance/dpa | Boris Roessler)
Ein Autowrack liegt am Ufer der Ahr. Helferinnen und Helfer waren Tag und Nacht damit beschäftigt, Straßen in den weitgehend zerstörten Orten wieder befahrbar zu machen. picture alliance/dpa | Boris Roessler

Unbedingt Hilfe suchen

Brigitte Bosse ist es ein Anliegen, dass sich Betroffene Hilfe suchen - und zwar dann, wenn die Beschwerden länger als sechs Wochen anhalten. In der Mehrheit der Fälle bilde sich ein Trauma zwar von selbst zurück. Doch wer Hilfe brauche, solle keine falsche Scheu zeigen.

"Rettende, vor allem Männer, haben manchmal ein Selbstbild, das verlangt, dass sie immer Stärke zeigen müssen und das ist oft schwer kompatibel mit einem Bedürfnis nach Hilfe und Unterstützung.”

Das Training zur Traumabewältigung für Helfende der Flutkatastrophe wird in den kommenden zwei Monaten in verschiedenen Orten in ganz Rheinland-Pfalz angeboten. Denn: auch die Helfenden können Opfer sein.

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