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Die Wissenschaftliche Stadtbibliothek in Mainz zeigt gerade eine virtuelle Ausstellung über künstliche Kälte. Kuratiert wurde sie von dem wohl weltgrößten Sammler von Miniaturkühlschränken.

Kühlschränke gibt es in den kuriosesten Formen: Als Salzstreuer, in einer Schneekugel und sogar als Abbildung auf einem Feuerzeug. Eigentlich hätten solche Miniatur-Objekte gerade in den Vitrinen der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Mainz ausgestellt werden sollen. Zusammen mit Werbeanzeigen und Firmenprospekten sowie zahlreichen Infos zur Kältetechnik.

Wegen der Corona-Pandemie findet die Ausstellung jetzt aber virtuell im Internet statt. Das hat die Bibliothek gemeinsam mit Kurator Ullrich Hellmann entschieden. Das sei zwar schade, doch biete auch einige Vorteile, so Hellmann. Immerhin könnten Besucher jetzt auch über die Region hinaus lernen, wie die künstliche Kälte sämtliche Lebensbereiche beeinflusst habe.

Weltgrößte Sammlung von Miniaturkühlschränken

Vor seinem Ruhestand war Ullrich Hellmann Professor für Bildhauerei an der Kunsthochschule Mainz. Seit 30 Jahren begeistert er sich für Kühlschränke. In dieser Zeit hat er nicht nur jede Menge Wissen, sondern auch die vielleicht weltgrößte Kühlschrank-Sammlung zusammengetragen. Anfangs sei er durch die ganze Republik gefahren und habe nicht mehr benötigte Kühlschränke eingesammelt, erzählt Hellmann. Weil diese irgendwann zu viel Platz einnahmen, löste er diese Sammlung auf und schwenkte auf Miniaturkühlschränke um. 140 Stück hat er davon mittlerweile. Bei manchen gehe sogar das Licht an, wenn man die Tür öffne. Andere hätten einen eingebauten Ventilator, "der den Anschein erwecke, aus dem Raum komme kalte Luft", so Hellmann.

Weltgrößte Sammlung aus Mainz-Kastel Kühlschränke im Mini-Format

Kühlschrankminiaturen (Foto: Ullrich Hellmann)
Das Kühlschrankmodell "Monitor Top" wird seit 1926 von General-Electric hergestellt und ist in Amerika ein millionenfacher Erfolg. Hier ist es als acht Zentimeter hoher Salzstreuer nachgebildet. Ullrich Hellmann Bild in Detailansicht öffnen
Die drei Miniaturkühlschränke aus Kunststoff sind in ihrer Form typisch für die 50er Jahre. Es sind Modelle der in Mainz-Kostheim ansässigen Firma Linde sowie von Frigidaire aus Rüsselsheim und Bosch. Die Objekte sind zwischen zehn und zwölf Zentimetern groß. Ullrich Hellmann Bild in Detailansicht öffnen
Fünfzehn Zentimeter groß ist die Nachbildung dieses amerikanischen Kühlschranks. Er hat die typisch bauchige Form der 50er Jahre. Das Motiv der glücklichen Hausfrau auf der Tür ist ebenfalls typisch für die Zeit. Ullrich Hellmann Bild in Detailansicht öffnen
Dieses amerikanische Modell ist etwa dreißig Zentimeter groß. Auffällig ist, dass hier auch die Füllung verewigt wurde. Allerdings wurde der komplette Kühlschraninhalt in die Tür gepackt. Bei einem normalen Modell wäre das mit der Schwerkraft wohl eher nicht vereinbar. Anton Kokl Bild in Detailansicht öffnen
Dieser japanische Automat ist ein sehr kleines Modell und trotzdem funktionsfähig: Aus der unteren Klappe kann man die Flaschen herausziehen. Ullrich Hellmann Bild in Detailansicht öffnen
Ate Kühlschränke wurden von der Alfred Teves GmbH in Frankurt am Main produziert. Dieser Aschenbecher aus Porzellan stammt aus den 50er Jahren. Ullrich Hellmann Bild in Detailansicht öffnen
In den 90er Jahren warb die Zigarettenmarke West mit einer Kühlschrank-Serie. Auch auf der Zigarettenpackung war das Motiv zu finden. Auf dem Feuerzeug wirkt der Hitze-Kälte Kontrast besonders kurios. Ullrich Hellmann Bild in Detailansicht öffnen
Um ein echtes Unikat handelt es sich bei dieser Schneekugel. Ullrich Hellmann bekam sie von einer guten Freundin geschenkt. Darin enthalten ist ein winzig kleiner Kühlschrank der Firma Bosch aus den 30er Jahren. Ullrich Hellmann Bild in Detailansicht öffnen

Kühlschrank ist mittlerweile "lebensnotwendig"

Das Sammeln ist für ihn aber nur eine nette Nebenbeschäftigung. Ihn interessieren vor allem kulturgeschichtliche Aspekte. So gab es nach dem zweiten Weltkrieg kaum Interesse an den Küchengeräten. 1964 legte dann ein Gericht fest, dass der Kühlschrank für die Lebens- und Haushaltsführung notwendig und damit unpfändbar ist. Dieser Sinneswandel innerhalb weniger Jahre hat Hellmann beeindruckt.

"Es ist doch verrückt, dass jeder in seiner Wohnung einen Raum hat, der niedrigere Temperaturen hat als die Umgebungstemperatur. Und wir uns daran gewöhnt haben."

Ullrich Hellmann, Kühlschrank-Experte
Ullrich Hellmann, Kühlschrank-Experte aus Mainz-Kastel (Foto: SWR, Katharina Feißt)
Ullrich Hellmann beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Kühlschränken. Katharina Feißt

Eisgewinnung und Kälteproduktion in der Region Mainz

Im Zuge der Ausstellung hat er sich auch mit der Kälteproduktion in der Region beschäftigt. In Mainz-Kostheim gab es mit der Firma Linde lange eines der größten Kühlschrankwerke Deutschlands. Im hessischen Rüsselsheim wurden Frigidaire-Kühlschränke hergestellt. Bevor der Kühlschrank erfunden wurde, griffen die Menschen auf das Eis vom zugefrorenen Rhein zurück und lagerten dies in Eiskellern. Die seien bis heute präsent, etwa in Weisenau oder Finthen, weiß Hellmann.

Bei seinem eigenen Kühlschrank war er dann aber ganz leidenschaftslos unterwegs. Hier war nicht sein Expertenwissen ausschlaggebend, sondern "ob das Gerät praktisch ist". Damit unterscheidet er sich wohl kaum von den Besuchern seiner virtuellen Ausstellung.

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