Eine Pflegerin hält einem Altenheim die Hand einer Bewohnerin. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Oliver Berg/dpa)

"Kein Trinkgeld ist so viel wert wie die Dankbarkeit der alten Leute"

Mainzerin wechselt während Corona von der Gastronomie in die Altenpflege

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Viele Pflegekräfte haben in der Corona-Pandemie ihren Job aufgegeben. Die Mainzerin Sandra Ferrari hingegen ist in dieser Zeit von der Gastronomie in die Altenpflege gewechselt. Warum sie das nicht bereut, erzählt sie im SWR-Interview.

SWR Aktuell: Frau Ferrari, eigentlich sind Sie gelernte Hotelfachfrau und haben mehrere Jahrzehnte lang in der Gastronomie gearbeitet. Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, in die Altenpflege zu gehen?

Sandra Ferrari: Ich dachte eigentlich immer, die Gastronomie sei ein sicherer Beruf. Damit finde ich auf der ganzen Welt jederzeit einen Job. Dann kam Corona und hat mich eines Besseren belehrt. Im Frühjahr 2020 ging plötzlich gar nichts mehr. Ich saß zuhause in Kurzarbeit und habe mich gefragt: "Was machst du jetzt?".

Also habe ich zusammen mit meinem Partner ein bisschen im Internet geschaut: Was gibt es sonst so für Jobs, in denen man mit Menschen zu tun hat? Und mein Partner meinte dann zu mir: "Mensch, Altenheim!" Da musste ich erstmal schlucken, da hatte ich wirklich nie drüber nachgedacht. Aber warum nicht? Und dann habe ich mich beworben.

Wie schnell ging das, von der Idee bis zur Umsetzung?

Das ging blitzschnell. Die Altenpflege sucht ja händeringend nach Personal, das war auch schon lange vor Corona so. Ich hatte innerhalb weniger Tage schon mein Vorstellungsgespräch. Und die Chefin fragte mich dann: Wann können Sie anfangen? Ein paar Wochen später hatte ich meinen Probetag im Altenheim. Und seit Mai 2020 bin ich dort.

Neustart in der Altenpflege war fordernd

Mit welchen Gefühlen haben Sie der Gastronomie den Rücken zugekehrt?

Ich war sehr traurig. Ich habe den Beruf wirklich geliebt! Schließlich bin ich ein Gastronomie-Kind. Mein Vater hat ein Lokal und ich bin der Gastronomie groß geworden. Das hat schon wehgetan, da bin ich ehrlich.

Wie war Ihr Start in die Altenpflege?

Es war erstmal ein bisschen komisch für mich. Man kennt zwar alte Menschen, man hat eine Oma oder einen Opa, aber dann auch so richtig an den Mann und an die Frau ranzugehen, das Anfassen, das Berühren - diese Nähe kannte ich nicht so. Am ersten Tag bin ich noch ein bisschen mitgelaufen und habe geguckt, was die Kolleginnen und Kollegen machen. Aber ab dem zweiten Tag war ich da schon gefordert.

Ich habe zwar selbst einen Sohn, aber ob du dein eigenes Kind wäschst oder einen fremden erwachsenen Menschen, das sind zwei Paar Schuhe. Aber ich merkte, das geht.

Menschenkenntnis aus Gastro-Branche hilft auch in der Pflege

Welche Eigenschaften oder welche Stärken, die sie aus der Gastronomie hatten, können Sie in Ihrem neuen Job in der Altenpflege einsetzen?

Auf jeden Fall eine gewisse Menschenkenntnis. Dass ich auch mit schwierigen Menschen umgehen kann. In der Gastronomie hast du ja oft schwierige Gäste, die ungeduldig und unfreundlich sind. Zum Beispiel irgendwelche Geschäftsleute, die einen miesen Tag hatten.

Und dass ich so viel mit Menschen zu tun hatte, das nützt mir auch jetzt noch unheimlich in diesem Beruf. Mit Menschen umgehen und sie einschätzen können. Und natürlich brauche ich auch in der Altenpflege ein bisschen Geduld und Freundlichkeit.

Sandra Ferrari vor einem Weihnachtsbaum (Foto: SWR)
Sandra Ferrari ist glücklich mit ihrem neuen Job als Altenpflegerin.

Woran haben Sie dann gemerkt, dass Ihnen dieser Job Spaß macht?

Ach, das ging ganz schnell. Die alten Leute sind wirklich so lieb und so dankbar. Und die reden dann mit dir und zeigen dir das einfach, das spürst du. Und ich hatte ja auch vorher immer mit Menschen zu tun, das merkt man einfach. Und deswegen war für mich klar: Ich bleibe da, auch nach meiner Probezeit.

Aber bei allem Schwärmen: Die Altenpflege ist doch auch ein ziemlicher Knochenjob, oder?

Sie werden lachen: Ich dachte vorher, durch meine Erfahrung aus der Gastronomie, ich könnte hart arbeiten. Aber die Altenpflege toppt das wirklich. Wir arbeiten viele Tage am Stück und körperlich hart: Die Menschen sind schwer, die muss man heben, beim Waschen, in den Rollstuhl, auf die Toilette. Das ist ein sehr harter Beruf.

Corona-Zeit für Altenheime "sehr schwer"

Und dann auch noch mitten in der Corona-Pandemie. Wie haben Sie das bisher erlebt?

Die Corona-Zeit ist für uns alle, aber vor allem für die Bewohnerinnen und Bewohner sehr schwer. Die waren ja zeitweise, zum Höhepunkt der Corona-Wellen, sehr isoliert. Keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr, keine Programmpunkte wie zum Beispiel Spiele, alle müssen auf ihren Zimmern bleiben, kein Besuch mehr.

Und dann sahen wir Pflegerinnen und Pfleger zwischendurch wirklich aus wie Marsmenschen. Wir hatten Schutzanzüge an, doppelt Handschuhe, Visiere, Masken. Beim ersten Anblick sind manche Leute sogar erschrocken und wussten nicht, wer da überhaupt drunter ist. 'Wer bist du?' 'Was willst du von mir?' Das war wirklich sehr anstrengend für alle Beteiligten. Zum Glück hat sich das jetzt wieder ein bisschen entspannt. Es finden wieder Veranstaltungen statt, es ist wieder Besuch da. Und wir sind im Altenheim momentan corona-frei. Da machen wir zehn Kreuze!

Nun ist die Altenpflege leider auch ein Beruf, in dem großer Personalmangel herrscht. Nicht erst seit der Corona-Pandemie. Warum würden Sie anderen Menschen empfehlen, in die Altenpflege zu gehen?

Was die alten Leute einem zurückgeben, an Dankbarkeit, an kurzen Berührungen, die lachen dich an - so viel ist wirklich kein Trinkgeld der Welt wert! Die freuen sich jeden Tag aufs Neue, wenn du zu ihnen kommst. Kein Geld der Welt entlohnt dich so sehr wie das Glück der alten Leute!

Wunsch nach mehr Gehalt und Wertschätzung in der Pflege

Und trotzdem ist Geld manchmal doch ein Faktor, der einige abschreckt, diesen Beruf zu wählen.

Klar, was man in der Pflege verdient, bei der harten Arbeit, das ist teilweise ein Witz. Man muss es wirklich so sagen. Es geht wie gesagt nicht immer nur ums Geld. Aber trotzdem müssen wir alle davon leben. Ich würde mir wünschen, dass man den Beruf vor allem für junge Leute attraktiver macht. Und das geht meistens erstmal über besseres Gehalt. Und dann auch über mehr Wertschätzung für den Beruf. Das gilt auch für die Gastronomie.

Aber in die Gastronomie zieht es Sie nicht wieder zurück?

Nein, ich werde definitiv in der Altenpflege bleiben. Das ist mein großes Ziel und auch mein Wunsch, mein Herzensding. Ich möchte irgendwann ganz gern in die Betreuung wechseln, da ist dann noch mehr Zeit für das Zwischenmenschliche mit den alten Leuten. Und das wäre dann ein bisschen weniger körperliche Arbeit, man wird ja nicht jünger. Aber auf jeden Fall werde ich dem Altenheim treu bleiben.

Das Interview führte SWR-Reporterin Sarina Fischer.

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