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INTERVIEW

In der Corona-Krise werden zunehmend Verschwörungstheorien verbreitet. Was dahintersteckt, erklärt Pia Lamberty, Sozialpsychologin an der Universität Mainz im Interview.

In den vergangenen Tagen sind in mehreren rheinland-pfälzischen Städten Menschen auf die Straßen gegangen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Darunter auch Verschwörungstheoretiker, die unter anderem davon ausgehen, dass das Virus in einem Labor menschengemacht sei oder als Biowaffe einen Teil der Menschheit reduzieren soll. Zu solchen Verschwörungstheorien forscht Pia Lamberty seit sechs Jahren, seit November 2016 ist sie Doktorandin am Lehrstuhl Sozial- und Rechtspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Schon im März hat sie im SWR-Interview vor den Verschwörungstheorien gewarnt.

Pia Lamberty (Foto: Pia Lamberty)
Mainzer Sozialpsychologin Pia Lamberty beschäftigt sich mit Verschwörungstheorien. Pia Lamberty

SWR Aktuell: Warum tauchen gerade in Krisensituationen so viele Verschwörungstheorien auf?

Pia Lamberty: Die aktuelle Pandemie stellt für viele Menschen einen Kontrollverlust da. Sie werden mit so vielen Informationen konfrontiert, die sie oft nicht einordnen können. Außerdem gibt es viele Falschmeldungen. In so einer Zeit, in der man keine Kontrolle hat, versucht man das auf eine psychologische Art und Weise zu kompensieren. Verschwörungserzählungen bieten diese Möglichkeit: Sie bieten Struktur, wo ansonsten Chaos ist, und man sieht Muster, wo vielleicht keine sind.

SWR Aktuell: Ist die Corona-Krise einzigartig, was diese Vielzahl an Verschwörungstheorien angeht?

Lamberty: Sie ist weniger besonders, als wir oft denken. Wenn man sich Virus-Epidemien anschaut, sieht man, dass es immer Verschwörungserzählungen gab. Es geht immer darum, dass jemand die Menschen umbringen will oder dass mit Impfungen Geld gemacht werden soll. Das war auch bei der Spanischen Grippe, beim Zika-Virus, bei Ebola und bei Aids so. Wenn es zu einer größeren Welle an Erkrankungen kommt, suchen Menschen eigentlich immer nach alternativen Erklärungen. Besonders sind aber die sozialen Medien, die es bei den anderen Pandemien so noch nicht gab. Sie können die Theorien nochmal befeuern, aber können auch Menschen aufklären.

SWR Aktuell: Welche Menschen glauben an Verschwörungstheorien?

Lamberty: Das ist unglaublich verbreitet in der Gesellschaft. Für die USA wissen wir, das jeder Zweite mindestens einer Verschwörungstheorie zustimmt. Was wir aber auch wissen ist, dass der Glaube an Verschwörungstheorien mit einem gesteigerten Bedürfnis einhergeht, einzigartig zu sein. Dadurch, dass ich behaupte, dass alles ganz anders ist, kann ich mich selbst aufwerten und besser fühlen.

SWR Aktuell: Und welche Menschen verbreiten Verschwörungstheorien?

Lamberty: Es gibt Menschen, die mit Verschwörungstheorien Geld verdienen wollen. Wir finden viele Webseiten, auf denen behauptet wird, dass es sich bei der Pandemie eigentlich um eine Verschwörung handelt und alles gar nicht so schlimm ist. Diese Seiten preisen gleichzeitig außerdem alternative Heilangebote an, mit denen sie Geld machen können.

SWR Aktuell: Gerade in der aktuellen Corona-Krise sind Virologen und Medien bemüht, Informationen einzuordnen, die Fakten zu checken. Was können Faktenfinder leisten?

Lamberty: Wenn jemand ganz stark überzeugt ist und eine starke Ideologie hat, wird er nicht davon abgeholt. Aber gerade für Menschen, die verunsichert sind, können Faktenchecks auf jeden Fall hilfreich sein. Sie helfen Menschen auch bei Diskussionen weiter, weil sie dann Informationen besser einordnen können.

SWR Aktuell: Wie sollten die Menschen mit der Informationslage um Corona umgehen?

Lamberty: Wichtig ist, dass man sich bewusst macht, wer die Quelle der Information ist. Wenn man eine WhatsApp-Nachricht bekommt, die sagt: "Das war in den Nachrichten und ist ganz wichtig", ist es fragwürdig, warum keine Quelle dabeisteht. Also sich auf offizielle Informationen zu verlassen, finde ich wichtig. Ein anerkannter Epidemiologe und ein Hausarzt zum Beispiel haben auch unterschiedliche Expertisegebiete. Man muss viel stärker auf Quellenkritik achten, als es ansonsten schon wichtig ist.

Die Fragen stellte Alexander Dietz.

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