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Die EU-Kommission hat den Corona-Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer zugelassen. Im Gespräch mit SWR Chefredakteur Fritz Frey äußert sich Biontech-Chef Ugur Sahin zuversichtlich über die Wirksamkeit des Impfstoffs auch im Hinblick auf Mutationen des Virus.

SWR: Herzlich willkommen, Herr Professor Sahin. Erst mal herzlichen Glückwunsch. Das ist ja jetzt nach der Schweiz das erste Mal, dass Ihr Impfstoff nach einem regulären Prüfverfahren nun auch von der EU zugelassen wurde. Was bedeutet das für den weiteren Verlauf der Pandemie?

Ugur Sahin: Wir sind sehr glücklich, dass wir in enger Zusammenarbeit mit der europäischen Regulierungsbehörde die Impfstoffgenehmigung bzw. den Vorschlag für die Genehmigung erhalten haben. Das ist ein ganz, ganz wichtiger Schritt. Das ist ja die Grundlage dafür, dass wir in allen Ländern der EU unseren Impfstoff verfügbar machen können und auch die Grundlage dafür, dass wir jetzt zum ersten Mal in Europa einen Impfstoff haben. Und dementsprechend bin ich natürlich sehr glücklich. Und wir sind konzentriert und schon bei der Arbeit, die nächsten Schritte einzuleiten, damit wir den Impfstoff auch ausliefern können.

Brüssel

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SWR: Wagen Sie eine Prognose, was das für den Verlauf der Pandemie jetzt bedeutet, wenn am 27. Dezember in allen EU-Ländern mit dem Impfen begonnen wird? Wir wird sich das weiterentwickeln?

Sahin: Es ist wichtig, dass wir mit der Impfung anfangen. Die Impfung selbst wird zunächst einmal den Menschen zugute kommen, die als erste geimpft werden. Wir werden in den ersten Monaten sicherlich keinen Einfluss der Impfung auf die Pandemie und auf die Infektionszahlen haben. Deswegen ist es notwendig, dass jeder weiterhin die empfohlenen Maßnahmen befolgt und dass wir versuchen, gut über den Winter zu kommen und die Infektionszahlen zu reduzieren. Ich glaube, wenn wir es schaffen, ausreichend Dosen bis zum Frühjahr auszuliefern, dass dann dort erste Effekte durch die Impfung auch auf die Statistik der Infektionszahlen eintreten können. Aber richtige Kontrolle können wir nur erreichen, wenn wir es tatsächlich schaffen, mindestens 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung zu erreichen, um dann eine deutliche Kontrolle der Pandemie zu bewirken.

SWR: Jetzt gab es ja am Wochenende Meldungen über eine Mutation des Virus. Das ist ja bei Viren nichts Ungewöhnliches, aber es wurde verlautbart, dass diese Mutation um 70 Prozent ansteckender sei als die bisherigen Formen. Kann das die Wirksamkeit ihres Impfstoffes beeinträchtigen? Oder ist das jetzt noch viel zu früh, um darauf seriös antworten zu können?

Sahin: Also, das ist sehr früh. Wir haben uns die Mutation der Virus-Variante angeschaut. Es sind mehrere Mutationen dort an der Andockstelle des Virus. Was für funktionelle Auswirkungen diese Mutationen haben werden, wissen wir nicht. Wir wissen, dass unser Impfstoff das Virus an vielen verschiedenen Stellen attackiert. Wir haben jetzt zwei Mechanismen: Das sind auf der einen Seite sogenannte Antikörper-Antworten, auf der anderen Seite sogenannte T-Zell-Antworten. Und wir wissen auch - das haben wir schon überprüft - dass die Antikörper, die wir induzieren, und auch die T-Zellen, die wir induzieren, auch an vielen anderen Stellen des Virus andocken können, die jetzt nicht mutiert sind. Dementsprechend sind wir zunächst einmal zuversichtlich, dass Immunantworten, die durch unseren Impfstoff bedingt werden, in der Lage sein könnten, auch dieses Virus zu neutralisieren. Das haben wir in der Vergangenheit auch für andere Virusvarianten gezeigt. Aber wir werden entsprechende Experimente durchführen und die Ergebnisse auch mitteilen. Ich gehe davon aus, dass wir in zwei Wochen genauer darüber berichten können.

SWR: Wie lange sind wir vor dem Coronavirus geschützt, wenn wir geimpft werden? Von der Grippeimpfung wissen wir ja, dass die regelmäßig aufgefrischt werden muss. Müssen Sie als Hersteller auch davon ausgehen, ihren Impfstoff regelmäßig mit einem Update zu versehen?

Sahin: Zunächst einmal wissen wir, dass der Impfschutz nach der Impfung relativ schnell einsetzt. Wir haben einen frühen Effekt bereits nach ca. zwölf Tagen, ein voller Impfschutz setzt erst ca. vier Wochen nach der ersten Immunisierung ein. Wir wissen, dass der Impfschutz mindestens für zweieinhalb bis drei Monate anhält. Wir haben eben keine längeren Daten vorliegen. Wir sind momentan dabei, quasi laufend neue Daten zu generieren. Dementsprechend werden wir in ca. anderthalb bis zwei Monaten wissen, wie der Impfschutz für den Zeitraum bis zu sechs Monaten aussieht. Und wir würden dann die Öffentlichkeit entsprechend informieren. Da wir einen kombinierten Impfschutz haben, gehe ich davon aus, dass wir mindestens für einen Zeitraum von zwölf Monaten einen deutlichen Impfschutz haben werden. Falls es dann notwendig ist, eine erneute Impfung durchzuführen, wäre das kein Problem. Das könnte man dann einfach durch eine Re-Immunisierung entweder mit dem Impf-Antigen, das wir momentan haben, oder - falls notwendig - mit einem aktualisierten Impf-Antigen durchführen.

Mainz

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SWR: Eine Frage noch zu möglichen Nebenwirkungen: In den USA sind bis zum Wochenende ca. 300.000 Menschen schon geimpft worden. Rückmeldung - glaube ich - ist: Sechs Menschen haben mit allergischen Reaktionen reagiert. 300.000 zu 6 Menschen - ist das eine Rate, zu der Sie sagen: Das ist normal bei einem solchen Unternehmen?

Sahin: Es gibt unterschiedliche Impfstoffe: Es gibt solche, die sehr geringe allergische Reaktionen auslösen, und es gibt andere, die Allergien relativ häufig zur Folge haben. Wir haben zum Beispiel viele Impfstoffe, die Allergien im Bereich von 1 zu 50.000 auslösen und die über Jahre zugelassen sind. Und das ist ungefähr die Frequenz, die sich momentan andeutet. Ich kann die Zahlen jetzt nicht bestätigen, weil wir die sogenannten Pharmakovigilanz-Aktivitäten laufend aktualisieren und dementsprechend nicht sicher sein können, ob es jetzt 1 zu 50.000, 1 zu 80.000 oder 1 zu 30.000 sind. Aber das ist für einen rekombinanten Impfstoff etwas ganz Normales.

SWR: Was bedeutet dieser Tag für Sie persönlich und für Ihre Frau, mit der sie ja das Projekt gemeinsam entwickelt haben?

Sahin: Wir sind sehr glücklich und wir sind erleichtert, dass wir jetzt einen wirklich wichtigen weiteren Schritt erreicht haben. Wir haben ja schon Notfallgenehmigungen in den USA und anderen Ländern. Vorgestern die erste konditionale Zulassung in der Schweiz und heute in Europa. Als Unternehmen quasi im Herzen von Europa ist es für uns natürlich ein besonderes Anliegen, unsere Impfstoffe auch der Bevölkerung hier zugänglich zu machen. Und es ist natürlich auch ein historisches Ereignis: Noch nie wurde in der Medizin-Geschichte ein Impfstoff so schnell entwickelt und in einem formalen Prozess zugelassen, wie wir es heute sehen. Und darauf sind wir natürlich auch ein bisschen stolz und glücklich.

SWR: Sie selbst haben sich noch nicht geimpft. Wäre das nicht ein starkes Signal an die, die jetzt noch zögern, die noch nicht so ganz bereit sind, sich impfen zu lassen, wenn Sie sich selber impfen würden - so nach dem Motto: Schaut her, ich der Entwickler bin bereit, mich selbst zu impfen. Damit könnt ihr alle sehen, wie sehr ich meiner Entwicklung vertraue.

Sahin: Ich möchte mich natürlich liebend gerne impfen lassen. Wir müssen einfach sehen, dass wir die rechtlichen Grundlagen dabei befolgen. Es ist für uns als Unternehmen wichtig, unsere Mitarbeiter zu schützen. Wir werden in den nächsten zwölf Monaten über 1,3 Milliarden Impfstoffdosen herstellen müssen. Es ist wichtig, dass da keine Mitarbeiter ausfallen und dementsprechend denken wir darüber nach, dass wir die Möglichkeit finden, die rechtlich uns erlaubt, unsere Mitarbeiter zu schützen. Aber das ist momentan noch in der Abklärung.

SWR: Herr Professor Sahin, vielen Dank für Ihre Zeit an diesem nicht nur für Sie besonderen Tag.

Sahin: Vielen herzlichen Dank.

Das Interview führte SWR-Chefredakteur Fritz Frey.

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