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Am Mainzer Gymnasium Theresianum werden 150 Jugendliche gegen Corona geimpft. Der Impfgutachter Dr. Klaus Hartmann äußert im SWR-Interview deutliche Kritik.

SWR Aktuell: Herr Hartmann, die Impfpriorisierung ist seit Montag aufgehoben. Die Schülerinnen und Schüler dürfen also geimpft werden. Warum kritisieren Sie die Aktion am Theresianum?

Dr. Klaus Hartmann: Prinzipiell ist es natürlich schon gut, wenn irgendwann alle geimpft sind. Aber im Moment ist eigentlich noch nicht der Zeitpunkt hinzugehen und 16-jährige oder 17-, 18-jährige gesunde, fitte Schüler zu impfen, da noch viel zu viele Menschen, die älter und gebrechlich sind, viel dringender den Impfstoff brauchen würden.

SWR Aktuell: Nach Angaben des rheinland-pfälzischen Gesundheitsministeriums sind 200.000 Menschen der Priorisierungsgruppen 2 und 3 noch nicht geimpft. Im Theresianum werden nun 180 Impfdosen von Biontech verabreicht. Wären diese Impfdosen nicht woanders besser eingesetzt?

Hartmann: Diese 180 Impfdosen - da werden ja nochmal 180 dann notwendig sein für die zweite Impfung mit Biontech - das wären 180 Menschen von diesen 200.000, die es wirklich deutlich dringender bräuchten als die Schüler am Theresianum. Von daher ist es mir auch mich nicht wirklich klar, warum die ärztlichen Kollegen scheinbar aus ihren Praxisbeständen diese 180 Impfdosen abgezweigt haben, um gesunde Schüler zu impfen.

SWR Aktuell: Die Schüler wären ja dann immunisiert und kaum mehr infektiös. Rechtfertigt das das Risiko einer Impfung?

Hartmann: Dazu hat sich Prof. Mertens, der Stiko-Vorsitzende (Ständige Impfkommission, d.Red.) sehr schön und eindeutig geäußert. Er sagte, wir wissen über die Nebenwirkungen bei Kindern und Jugendlichen noch nicht allzu viel, weil die natürlich in den Studien zur Impfstoffzulassung noch nicht ausreichend präsentiert waren - und über den Nutzen bei gesunden 16-, 17-Jährigen. Da ist ja auch nicht bekannt, dass die reihenweise schwer erkranken. Von daher haben wir einen ganz geringen Nutzen für die Schüler selbst. Vielleicht wissen wir in einem halben oder dreiviertel Jahr, dass in der Altersgruppe doch verstärkt irgendwelche Komplikationen auftreten, von denen wir jetzt noch nichts wissen.

"Zu sagen: wir impfen die 16-Jährigen, damit die einen unbeschwerten Sommerurlaub haben, kann ich aus medizinischer Perspektive nicht nachvollziehen."

Also, das ist aus meiner Sicht, aus Sicht der Arzneimittelsicherheit, nicht gut gelöst, jetzt hinzugehen und Kinder schon zu impfen. Vielleicht wird es auch irgendwann einen Kinder und Jugendlichen-Impfstoff geben mit reduzierter Dosis. All das wissen wir noch nicht. Und jetzt so vorzugehen und zu sagen: wir impfen die 16-Jährigen, damit die unbeschwerten Sommerurlaub haben oder warum auch immer, das kann ich aus dieser medizinischen Perspektive nicht nachvollziehen.

SWR Aktuell: Warum kommen denn Ihrer Meinung nach Eltern auf die Idee, ihre Kinder impfen zu lassen?

Hartmann: Ja, das sind halt Ideen, dass die Kinder jetzt auch wieder sich unbeschwerter bewegen sollen, das sind die Möglichkeiten, die sich natürlich aus dem vollen Impfschutz dann ergeben, dass man ohne Tests Dinge tun kann, die man eben als Ungeimpfter noch nicht tun kann. Aber alles Sachen, die keinen medizinischen Background haben, sondern reinen Lebensstil-Background, und von daher wären diese 180 Dosen wirklich besser verimpft worden an Leute, die es dringender brauchen.

Das Interview führte SWR-Redakteur Golo Schlenk.

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